Die Bibliothek der Schatten

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Signature of James Joyce from Ulysses, 1936 Bo...

Signature of James Joyce from Ulysses, 1936 Bodley Head Edition, Copy #3 of 100 (Photo credit: Wikipedia)

Der Urgroßvater hatte sein gesamtes Leben in Schleswig-Holstein verbracht, dennoch war er nach den Darstellungen seines Sohnes des Englischen auf eine Weise mächtig gewesen, die es ihm erlaubt haben musste, Joyce im Original zu lesen. Mit Bedauern empfindet K ihre jugendliche Ignoranz. Sie hatte immer nur ungeduldig darauf gewartet, dass die Geschichte, die der Großvater ihr wieder und wieder erzählte, ein Ende haben möge, so dass sie sich wieder ihrem eigenen Buch widmen konnte. Außerdem war es K von Kindheit an selbstverständlich gewesen, dass Wissen einfach durch beharrliches Interesse erworben wird.

Sie hatte es niemals in Frage gestellt, dass ein Dorflehrer sich in seinem Studierzimmer ganz seinem Interesse an zeitgenössischer Literatur widmen konnte, weil sie auch ihren Großvater in fortwährender Beschäftigung mit Ideen und Wissen erlebt hatte, die ihren Ursprung ausschließlich in seiner…

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artist and lawyer – how does that work?

reblogged from february because I am still being asked:

FotoWhile I travel between two very different worlds, one might just as well say, universes, between the paper world of the lawyer backed up by the many stories and needs of my clients, as different from one another as one can imagine, and the turpentine world of art, the stark smells, the mess, the need to tangle that which has just before been neatly ordered, backed up only by my own perception of the beauty of randomness, my need to stretch beyond the confines of an individual biography and yet of course always landing face first back in, well if not in the mud then at least in a bucket of paint like any other clown in business,

while I travel between these worlds I feel entirely grateful that for some random reason I have been given the gift of intense pleasure in all these fragments that might never amount to much, not make a front page but at any time give me a sense of wonder and awe of the wild twists and turns. How I wish you would, too, I mean, take intense pleasure in what is, not fear how much or how little there is to come. Take the deep breath and dare to live this imperfect, strange, angst-ridden, beautiful, funny, short, long, light, dark thing called a life. How I wish you’d get to be just you, not judge yourself nor let yourself be judged by others while you lay down, if only for a moment, the burden of your insight.

Here’s to the wild twists and turns, my friend, to moments of desperation followed by sudden outburst of unfounded optimism, to the great calm between the days of discontent and the fractured mirror of contentedness reflecting the light of other possible worlds.

Taschenspielerzaubertrick

FotoDas Fenster liegt beinahe ebenerdig zum Hof. Graugelbes Großstadtlicht lässt die Nacht müde erscheinen. In den Ecken der Wellblechschuppen, die den Hof säumen, sammelt sich Dunkelheit wie ein Rest schwarzer Tinte im Glas. Über dem Flickwerk ihrer mit Eternitplatten gedeckten Dächer erheben sich die Häuser der umliegenden Wohnblocks abgebrochen und vereinzelt wie kariöse Zähne. Eine Korrekturspange aus einem halben Meter Teppichstange zeichnet sich in den Nachthimmel.
Wie erwartet erspäht Katja die vertraute Silhouette der Urgroßmutter, die wie jede Nacht auf dem Fahrradschuppen sitzt und darauf wartet, Katja ihren einzigen Trick vorzuführen. Katja winkt lebhaft hinüber. Daraufhin verstaut die Urgroßmutter die Blumentöpfe mit den nachtgrauen Geranien, sechs immergraue Mülltonnen, zwei Fahrräder und eine Kohlenschaufel in ihrer grundlosen Tasche. Dann grinst sie in Richtung des Küchenfensters und holt alles wieder hervor, Blumentöpfe, Schaufel, zwei Fahrräder, Mülltonnen, und stellt sie ordentlich in den Hof zurück. Das Kind nickt anerkennend. Die Urgroßmutter entblößt ihr loses Gebiss wie ein wilder Affe und grinst zurück. Dann, eine Variation ihres alten Tricks, taucht sie selbst kopfüber in Tasche und verstaut sich ordentlich. Zuletzt sind nur noch ihre zappelnden Beine mit den Füssen in den klobigen orthopädischen Schuhen zu sehen. Mit einer kraftvollen Schwimmbewegung verschwindet die Urgroßmutter schließlich ganz in dem Schlund der schwarzen Tasche, wobei sie ihren rechten Schuh verliert, der über das Eternitdach rollt und in den Hof fällt. Dann klappt die Tasche zu und verschwindet selbst in der Nacht. Katja gähnt. Ihre Füße werden kalt.

Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht

ImageIch erinnere. Ich träume. Ich erinnere. In einer fernen Stadt, einem fernen Kontinent träumte ich von einem längst verblühten Garten in Deutschland. “Die Veilchen nickten sanft, es war ein Traum.” Und von dem Gärtner, der diesen Garten mit Bauernhänden bewirtschaftete wie ein Feld.

Ich erinnere. Seine Hände, muskulöse, braun gefleckte Altershände, die Form dieser Hände, ihre erdschwere Stofflichkeit, ihren festen Griff, dem meine eigenen Hände kaum Kraft entgegenzusetzen haben. Ich erinnere eine unbeholfene, steife Umarmung, seine gedrungene Gestalt unter rauem Tweed, den von Zweifeln unberührten Klang seiner Stimme. Und einen Garten, seinen Garten.

Von Zeit zu Zeit träume ich von diesem Garten, in dem mein Bewusstsein sich entfaltet hatte wie fadiges Unkraut, träume von sauber geharkten Kieswegen, dem blank gescheuertem Betonboden der Terrasse, auf dem Ameisen in der Mittagsonne militärische Exerzitien halten, träume von der gnadenlosen Ordnung, die mein Großvater der Fülle des Sommers Jahr um Jahr abtrotzte, träume von mit Paketschnur abgesteckten Beeten, in denen er Gemüse und Blumen in geometrischer Ausrichtung hielt, sich Tag für Tag mit muskulösem Rundrücken hinabbeugend, um jedes zarte Blättchen keimenden Unkrauts unfehlbar auszureißen, sehe in Form gestochene Rasenflächen, kurz rasiert wie die Köpfe von Rekruten, giftgrüne Nylonnetze über Apfel-, Birnen-, Pflaumen- und Kirschbäumen, Stachel- und Johannisbeerbüschen, Erdbeerreihen und Himbeerranken.

Höre die genussvolle Litanei botanischer Ordnungsbegriffe, assoziiert mit flüchtigen Bildern. Solanum tuberosum, die Kartoffel, vier zartspinstige, weiße Blütenblätter, violettgesprenkelt wie die Triebe der gelagerten Knolle; Brassica oleracea var. capitata, der Weißkohl, im Wind tanzende, gelbe Bechersterne; Daucus carota, die Möhre, schäumend wie die Gischt der Schafgarbe in den Sommerwiesen; Cucumis sativus, die Gurke, sechsblättrig geteilter, weißer Schleier über fruchtig grünem Grund.

Bete ihm lautlos nach, dass Apfel (Malus communis pumila) Birne (Pyrus), Pflaume oder Zwetschke (Prunus domestica), Aprikose (Prunus armeniaca), die im nördlichen Klima nicht gedeihen wollte, Kirsche (Prunus avium), Erdbeere (Fragaria ananassa), Himbeere (Rubus idäus) und Brombeere (Rubus) allesamt Rosengewächse (rosaceä) seien.

Zierrosen, in Reih und Glied entlang des Rasens gepflanzt, liebte er als Sinnbild dieser üppigen und doch kultivierten Fruchtbarkeit, während er die Blumenbeete im Übrigen der Pflege meiner Großmutter anempfahl, der Blumengarten – Frauensache, nur hier und dort eine Korrektur, eine Rüge, ein schneller Schnitt.

Mit seinen Rosen sprach er, schmeichelte und schimpfte, streifte Maden einzeln von ihren Blättern und ertränkte sie in einem Eimer Laugenwasser. Drohte Frost, hüllte er jeden Rosenstrauch vorsichtig, bedacht, keinen Trieb, keine späte Knospe zu knicken, in Sackleinen, schüttete Torf und Schredderspäne an, kontrollierte jeden Morgen sorgenvoll, ob sie die Nacht gut überstanden hätten. Sein äußerstes an Zärtlichkeit gegenüber einem Geschöpf.

Mit annähernd religiöser Ehrfurcht war er seinen Rosen verbunden, das war selbst für ein Kind ersichtlich. Und doch war seine Liebe nicht von einfacher, tröstender Art, war sie nicht großmütig und mild, sondern streng, nicht annehmend, sondern fordernd. Niemals war es einer Rose erlaubt, in den Sträuchern zu überblühen, Rosenblätter, die sich aus den Blüten gelöst hatten, las mein Großvater täglich einzeln aus den Beeten. Aber auch Blüten, die nicht die gewünschte Größe erreichten, die den Augen meines Großvaters in irgendeiner Weise makelhaft erschienen, sei es durch fehlende Symmetrie, ein welkes Blütenblatt, unerwünschte Färbung, wurden abgeschnitten. Die welken Rosen, Rosenblätter und Zweige mischte er in einen gesonderten Komposthaufen, gemeinsam mit Apfelschalen und anderen Obstabfällen aus der Küche meiner Großmutter sowie dem Herbstlaub der Obstbäume. Die nährstoffreiche Erde, die er so produzierte, wurde im Frühjahr wieder in die Rosenbeete verteilt.

Was mein Großvater anstrebte, war nichts Geringeres als Perfektion. Er nannte es auch “Reinheit”. Seine Rosen glichen den Abbildungen in den Gartenkatalogen, in denen er im Winter blätterte. Ich besitze eine alte Fotographie aus den siebziger Jahren, in nunmehr vergilbten Kodakfarben, auf der eine einzelne Rose zu sehen ist, die in ihrer formalen Symmetrie beinahe unwirklich scheint. Die sommerliche Wildheit von Heckenrosen oder die lieblichen Zerstreutheit einer Bauernrose sprachen nicht zu meinem Großvater. Schönheit war für ihn gleichbedeutend mit Ordnung, alles musste von Ordnung durchdrungen sein, einer unbarmherzigen, unabwendbaren Ordnung, die es aufzudecken oder herzustellen galt. Seine Ordnung. Seine Ordnung. Ein unaufhörliches Mahlwerk.

autocorrect

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When she was ready to write, the first word that presented itself was: nocolor. Autocorrect corrected it three times over. Autocorrect wrote: “No color”. The word as it needed to be was: nocolor. She knew what it meant. It was … Continue reading

Alternative pathways to the primary visual cortex

impeached king

He turned around and looked in my direction, his dark glasses reflecting the library lights like distant stars. Then he smiled. Automatically I smiled back at him, but then I remembered that he was blind, and my smile froze. I … Continue reading

Das Möbiusband

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K fährt vorsichtig mit der Spitze ihres Zeigefingers an der goldenen Schlinge entlang. Der Anhänger ist das kunstvolle Modell eines Möbiusbandes, ein mathematisches Fingerspiel. Ihr Großvater, Nicolai Rieper, hatte es für seine Frau anfertigen lassen, lange vor Ks Geburt. Es … Continue reading

Die Radbruchsche Formel und Restitutionsansprüche

Notiz: Radbruch zum gesetzlichen Unrecht und der Natur übergesetzlichen Rechts. Nach der sogenannten Radbruch’schen Formel entschied das BVerfG 1968,  dass die Akte der Vermögenseinziehung unter den Nationalsozialisten nicht isoliert, sondern nur in ihrem Kontext der Vernichtung von Menschen zu bewerten seien und der BGH, dass diese Akte “niemals Recht, sondern von Anfang an das Gegenteil, nämlich krasses Unrecht waren.” Allerdings legte der BGH zugleich dar, dass die alliierten Rückerstattungsgesetze – auch wenn sie faktisch einen weiten Ausschluss konkreter Rückgabebegehren bewirkten, rechtmäßig waren – da sie die wieder  herzustellende Rechtssicherheit als eines hohen Gutes des Rechtsstaates zu schaffen geeignet gewesen seien. Die Frage bleibt bis heute: wenn das Unrecht so krass (Wortlaut der Entscheidung) war, dass die Unerträglichkeitsklausel Radbruchs zur Anwendung kommen konnte (und daran besteht kein Zweifel), wie anders als durch vollständige Wiedergutmachung konnte ihm auch in rechtlich hinreichender Weise geantwortet werden?

Und weiter: der Rechtsfrieden, der derart wieder hergestellt wurde, war nicht der Rechtsfrieden derjenigen, die ihres Lebens, ihrer Lebenswerke und ihres Vermögens beraubt wurden. Wie die Erben Max Sterns es formulieren: Rechtsfrieden auf Seiten der Opfer des nationalsozialistischen Regimes kann erst mit Befriedung der Ansprüche durch Restitution geschehen.

Sehen wir in die Passage des BGH, mit welcher im Jahr 1953 der Rechtsfrieden der jungen Bundesrepublik mit den Folgen einer umfassenden Aufarbeitung und Restitution aufgewogen wird, so bleibt der Eindruck einer gewissen Hast. Hier heißt es in einer für eine BHG Entscheidung recht nachlässigen Sprache (siehe: “Rechtswirrwarr”): “Dadurch, dass der nationalsozialistische Staat in der Lage gewesen war, seine Akte des Unrechts viele Jahre mit allen ihm zur Verfügung stehenden Machtmitteln durchzusetzen, waren deren Auswirkungen auf allen Lebensgebieten so weittragend und tiefgreifend, dass nur ein neuer Rechtswirrwarr entstanden wäre, wenn die Rechtsordnung über die nun einmal entstandene Tatsachen einfach durch Nichtbeachtung hinweggegangen wäre. Die Entwirrung des durch jene Unrechtsakte geschaffenen Chaos konnte vielmehr nur durch eine besondere gesetzliche Regelung vorgenommen werden.”  BGHZ 9,34 (44 f.) = NJW 1953, 542

“Weittragend und tiefgreifend” war in der Tat die Aufgabe, die sich der jungen Bundesrepublik in der Aufarbeitung seiner jüngsten Vergangenheit stellte und welcher sie jedenfalls in den fünfziger Jahren nach wohl inzwischen einhelliger Auffassung nicht nachkam. Zu stark war der Wiedereinzug von unter dem Nationalsozialisten tätigen Funktionären in die Ämter der jungen Bundesrepublik. Bequemlichkeit, Wiederaufbaueuphorie, eine fehlende Auswahl alternativer, fachlich kompetenter Anwärter (weil diese ermordet oder vertrieben worden waren) – dies sind die nachsichtigsten Erklärungen der Dynamik jener Zeit. “Weittragend und tiefgreifend” – wie im Grundsatz vom BGH erkannt – wäre das Maß für ein hinreichendes Gesetz gewesen, die aus dem Unrecht resultierenden Vermögensverluste zu restituieren. Wenn das Unrecht derart krass ist, dass die Radbruchsche Formel der Unerträglichkeit zum Tragen kommt, so bleibt das erlittene Unrecht als unerträglich im Sinne Radbruchs bestehen, wenn ihm keine ausgleichendes oder doch wenigstens ausgleichende Gerechtigkeit anstrebendes Recht zur Seite gestellt wird.

Ein Gesetz, dass dies nicht bewirken kann, so bleibt zu argumentieren, hat auch nicht die Kraft das “krasse Unrecht” zu befrieden.

Der Fall Eichmann: Strafrechtliche Verantwortlichkeit für staatlich legitimiertes Handeln

Der Fall Eichmann: Strafrechtliche Verantwortlichkeit für staatlich legitimiertes Handeln.

In der letzten Wochenende-Ausgabe der “taz” (vom 15.03.14) erschien ein Interview zum Thema Restitution von beschlagnahmter Kunst während des Terrorregimes der Nationalsozialisten in Deutschland, das auf zwei langen, anregenden Gesprächen mit der taz-Redakteurin Petra Schellen beruhte, die mir Gelegenheit gab, zu diesem Themenkreis umfassend Stellung zu nehmen. In diesem Interview ist unter anderem in den biografischen Hinweisen von diesem Buch “Nachtwachen” die Sprache, auf das ich seither mehrmals angesprochen wurde. Auf der hier verlinkten Webseite “nachtwachenroman.com” finden sich für den Interessierten Ausschnitte aus dem Roman. Vielen Dank für das Interesse!