Aristotle´s last gift

So that very night, as I pushed north, tired but alert, I finally reached the realm where the sky stays streaked with light even in the darkest hours. The engines ran monotonously, I had regulated the radiator down to avoid drowsiness and as a result was shivering ever so slightly. It would be time soon to steer the car off the road to sleep for a while but that moment had not quite come yet. It had been a while since I had turned the radio off but the last few lines of a jazz song by Nina Simone were still trapped in the cabin like some slovenly buzzing insect that would eventually die for want of food and would reduce itself to a parchment memory of itself. I rolled done the window ever so slightly and let the Nina Simone lyrics escape through the narrow slit into the summer night. I wondered briefly wether the wind would carry it away to one of the deserted villages or if it would gently rain down on the adjacent fields. My senses were acute and alert, registering the thick and slow movements of the farm animals on the fields, stoically waiting out the night, and the depth of the glowing darkness beyond. For a moment it was easy to imagine that in that immensity nothing could be lost. Aristotle would be sitting somewhere out there in the cabin by a carefully build fire, no other light in the room, and warmth radiating beyond the cabin walls, attracting lost things. Aristotle as I knew him, not that being reduced to shadows and ash, that I had been asked to identify days earlier. They had given me the small metal box with the ring and a key I had never seen before, and that looked like made from a smithy in an old children´s book. Maybe the matching lock was long since gone. I had put the key on a woven silk cord the color of fresh blood around my neck. He had promised to bring back some trinket from his trip after all. The last gift of Aristotle.

Erzähler jenseits der A7

Für mich stellt sich auch immer wieder die Frage, ob ich in den Ideen, mit denen ich mir die Welt erzähle, überhaupt noch vorkomme. Denn es gibt ja auch die Versuchung, sich aus der Welt heraus zu erzählen, die Welt gläsern, schön und fern zu erzählen. Wie  schaffe ich es, dass die Figuren lebendig bleiben und Menschlichkeit atmen trotz des dahinter liegenden erzählerischen Motivs?

Es gibt das vorwegnehmende Schreiben im Kopf, wenn sich das  allgemeine Denken ablösen lässt durch die innere Erzählstimme. Auch dieses Schreiben unterliegt der Versuchung, sich aus der Welt zu erzählen. In den letzten Wochen habe ich viele Stunden im Berufsverkehr auf der Autobahn und auf Umleitungen verbracht, begleitet von dem Gedanken an den Text, der zuhause wartet, und von DLF, DKultur, Lesungen, Lang Lang, dem ungeduldigem Wechsel von Straßen, Radiostationen, Hörspielen zerschnitten, während ich im Stau stehe oder den Stau umgehe, was annähernd ebenso schmerzhaft ist.

Im Stau stehend lässt es sich zwar weder denken noch im Kopf schreiben: man beobachtet und wird beobachtet. In den Wagen auf der anderen Spur, an denen ich im Zeitlupentempo vorbeirolle, sehe ich die ganze Vielfalt des Lebens im Miniaturformat, Schachteltheater: Fahrer, die vor Verzweiflung ins Lenkrad beißen. Fahrer, die schon mal duschen und Zähne putzen oder den Hund ausführen, oder Klavier spielen, kirchliche Trauungen in SUVs und einvernehmliche Scheidungen in VW Polos von 1998, eine Geburt auf Kilometer 96 Richtung Flensburg, ein Altenheimpicnick in einem behindertengerechten Transportbus und das Set für eine Pornofilmproduktion in der Kabine eines Lkw.

Nach der Flucht von der Autobahn und während ich mich auf Umwegen über Land verliere, beginne ich jedoch im Kopf zu schreiben, Bibliotheken unveröffentlichter Bücher.  Alle Strecken Richtung Norden sind von abfahrendem Verkehr verstaut, also kreuze ich wie ein Segler vor dem Wind und gerate auf Wald- und Feldwege. Es ist die Stille und Leere der Straßen, sie weckt die Stimme, die sich die Welt erzählen will.  Sie erzählt sich den Wald im Abendlicht, die dunkelgrünen Schatten noch vereinzelt golden gesprenkelt. Sie erzählt den Luchs am Wegesrand. Noch nie zuvor habe ich einen Luchs gesehen, aber ich erkenne ihn aus meiner Grundschulfibel, wo er unter L, Luchs, mit feinem Pinselstrich dargestellt war. Ich grüße ihn innerlich, hier also bist Du, alter Gesell. Er springt über den Entwässerungsgraben und verschwindet geschmeidig im Abendgrün. Zwei Tage, erneut auf der Flucht vor dem Stau, erspähe ich auf einer Weide ein frischgeborenes Kälbchen, kaum mehr als ein Haufen Fell, das schlaff vor der Mutterkuh auf der Wiese liegt.  Ich parke den Wagen am Wegrand, trete an den Weidezaun und sehe der Mutterkuh dabei zu, wie sie ihr Kälbchen anstupst und es zu seinem ersten Aufstehen ermuntert, während die Abendsonne des hohen Nordens meinen unerwarteten Schatten über das Feld und das gescheckte Fell der Kuh malt.

Ich frage nicht, warum ich hier stehe, abseits des eingezeichneten Weges, und mir Kühe ansehe statt nach Hause zu fahren. Es ist ein einsamer Augenblick, Kuh, Kalb, Felder, Schatten, Mensch, Abendlicht, und Akten auf dem Rücksitz. Ein kleines Licht löst sich aus meinem Atem. In der Gemeinschaft würde es sofort versuchen, sich in das kommunale, kollektive Bewusstsein zu integrieren, aber hier steht es eine Weile fragend über dem Feld wie eine schimmernde Seifenblase.

Ich komme nicht umhin zu sehen, dass ich in diesem Bild auch fehlen könnte, Kuh, Kalb, Weide bedürfen meines Schattens nicht. In diesem Augenblick bin ich nur ein Störbild im Horizont eines einheitlichen Geschehens. Leide ich in diesem Augenblick an dem sich aus der Welt schwebenden Bewusstsein, das sich selbst für entbehrlich hält? Ist die Welt nicht schöner, wenn sie fern und gläsern ist, Alltägliches verwoben mit Licht und der Erzähler unsichtbar?

Abitur 2016

Für einen Augenblick,gerade jetzt, stehen dort draussen vor den Türen die Uhren still, hebt ein Hund regungslos sein Bein am nächsten Baum, lässt eine Greisin die Griffe ihres Walkers los, streckt ihren Rücken so gut es geht und verharrt, schwingt eine Schaukel mit einem kleinen Jungen bis zum Zenith und nicht zurück. Der Lärm der nahen Autobahn verstummt, ein Containerschiff hält unvermittelt gegen alle Regeln der klassischen Mechanik und das Wasser im Kanal sieht aus wie das Meer in der Augsburger Puppenkiste.
Die Elemente,aus denen Ihr Körper gemacht ist, kommen aus dem geordneten Chaos aus Gas und Staub,mit dem die junge Erde vor 4,5 Milliarden Jahren um die Protosonne kreiste. Wenn die Erde einen Tag alt wäre, so träte der Mensch an diesem Tag drei Sekunden vor Mitternacht in Erscheinung. Und Sie selber, auch wenn Sie hundert Jahre alt werden, sind ein elektrisches Flimmern, das sich mit bloßem Auge nicht wahrnehmen lässt. Für einen unfassbar kurzen Augenblick nur entstehen Gestalt und Bewusstsein. Sie haben, mit anderen Worten, 4,5 Milliarden Jahre geschlafen, um für den Bruchteil einer Sekunde auf der Erde zu erwachen, offenbar unter anderem, um ihr Abitur zu machen.
Und deshalb steht dort draussen die Zeit jetzt still. Denn dieser Augenblick gehört Ihnen, und es ist ein verwunschener Augenblick.Und wenn Sie diesen Augenblick verlassen, indem Sie nach dieser Feier wieder auf die Straße treten, beginnt unter Ihren Füßen der Weg, der bis zu den Enden der Welt führt. Ein Weg, der sich tausendfach verzweigt und den man doch in allen Abschnitten eigentlich nur auf eine Weise gehen kann: Never save for the way back.
Die Welt, in die Sie jetzt als Erwachsene hineinwachsen, ist, befürchte ich, zwar in keinem wohl geordneten Zustand. Es wird seit einiger Zeit sehr deutlich: wir, Ihre Eltern, haben es uns zu lange erlaubt, unpolitisch zu leben. Sie werden diesen Luxus nicht mehr haben. Viele der Wünsche für die Zukunft, die ich in Ihrer Abizeitung gelesen habe, werden sich nur erfüllen wenn Sie selbst dazu beitragen, die Welt so zu gestalten, dass sie lebenswert bleibt.
Als Ihre Eltern haben wir nicht das Recht, von Ihnen verlangen, dass Sie hinter uns aufräumen. Es wird Ihnen aber wohl nichts anderes übrig bleiben. Wir haben Ihnen Häuser gebaut, jetzt müssen Sie Mauern überwinden. Wir haben Ihnen Gärten angelegt, jetzt müssen Sie durch die Wüste ziehen. Wir haben Ihnen Gesetze gegeben, jetzt kämpfen Sie um eigene Regeln. Wenn Sie es nicht schon getan haben, lernen Sie es jetzt, uns in Frage zu stellen. Trotzdem wünschen wir uns von Ihnen, dass Sie Ihren Teil dazu beitragen werden, dass es weiter Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Freiheit in unserer Gesellschaft gibt, und dass Sie die Überzeugung nicht aufgeben, dass es ohne diese kein menschenwürdiges Dasein geben kann.
Noch einen letzten Rat zum Abschied: Wenn Sie sich derzeit in Ihrer Berufswahl noch schwer tun und sich fürchten, sich falsch zu entscheiden, so stellen Sie sich vor, Sie wären schon steinalt und würden auf Ihr Leben zurückschauen. Dieses fernen Tages werden Sie sich nicht dazu gratulieren, dass Sie 40.000,00 oder 70.000,00 oder 150.000 oder 500.000 Euro im Jahr verdient haben. Aber Sie werden an Menschen denken, die in Ihrem Leben wichtig waren und in deren Leben, mit etwas Glück, Sie wichtig waren. Erfolg läßt sich nicht an Ihrem Abiturschnitt messen, es wird sich nicht an Ihrer Berufswahl oder Ihrem Einkommen messen lassen, sondern daran, ob Sie wirklich lebendig waren in Ihrer Lebenszeit, ob Sie gestaunt und geliebt haben, welchen Weg auch immer Sie gewählt haben, wählen werden. Also wählen Sie mit leichtem Herzen.
Nutzen Sie Ihren Sekundenbruchteil von Bewusstsein in der Ewigkeit und seien Sie Teil dieser Welt, so, dass man es sieht, fühlt und hört, dass Sie da sind. Erkennen Sie das Provisorische Ihrer Zeit. Ich wünsche Ihnen, dass Sie für etwas brennen, dass Sie sich vom Leben entflammen lassen. Alles andere wäre Verschwendung. To give less than your best is to waste the gift. Weniger als Ihr Bestes zu geben ist eine Verschwendung Ihres Talents.
Sie haben Milliarden Jahre geschlafen, jetzt ist Ihr kurzer Augenblick, zu strahlen. Sie haben nichts zu verlieren. Nehmen Sie Ihr Abitur als Ticket für eine fantastische Reise. Machen Sie unbedingt Fehler auf dem Weg. Lieben Sie jemanden. Schützen Sie jene, die schwächer sind als Sie selbst. Finden Sie Freundschaft. Das Leben ist ein Fest.
Und egal, was Sie studieren oder was für eine Ausbildung Sie machen, lernen Sie auch etwas über unseren einzigartigen Planeten, über das Universum, das uns umgibt, über das Wesen der Zeit und über das Kilogramm Gehirn in Ihrem Schädel.

Nächtlicher Brief an einen fernen Freund, zum Glück…

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  … Ich nehme dieses ” Sich in die Welt erzählen” sehr ernst. Das Wort, das mit einem Buchstaben beginnt, der Buchstabe, der in einer Linie beginnt. Die Linie, die tanzt, deren Ausdehnung Zeit bedeutet und die sich mit anderen Linien … Continue reading