Der Fall Dr. Hildebrand Gurlitt –

Heute hatte ich die Gelegenheit, mich als auf Kunstrecht spezialisierte Anwältin in einem Interview mit der online Redaktion des Magazins der Deutschen Anwaltauskunft des DAV  zu dem Fall Cornelius Gurlitt, dem spektakulären Kunstfund in München-Schwabing, zu äußern. Neben den rein rechtlichen Erwägungen zu Fragen der Restitution, siehe: http://anwaltauskunft.de/magazin/gesellschaft/kultur-medien/158/das-thema-restitution-hat-weiter-bedeutung/, beschäftigt mich seit Tagen auch die komplizierte Biographie des Dr. Hildebrand Gurlitt. In Ergänzung des Interviews folgende, durchaus fragmentarische Anmerkungen:

Dr. Hildebrand Gurlitt, deutscher Kunsthistoriker, war einer aus der Liste handverlesener Kunsthändler und Auktionshäuser, die im Rahmen der von Herman Göring initiierten, der „Aktion Entartete Kunst“ folgenden „Verwertungsaktion“ mit dem Verkauf von Werken im Auftrag des Deutschen Reiches betraut worden waren. Die Komplexität auch der zu erwartenden Fragen nach der Provenienz der nunmehr zu beurteilenden Bilder aus dem Archiv des Sohnes Cornelius Gurlitt spiegelt sich in der Biographie des Vaters. Hildebrand Gurlitt selbst hatte als Leiter des König-Albert Museums in Zwickau zwischen 1925 und 1930 aktiv und fortschrittlich das Bauhaus und zeitgenössische Kunst gefördert.

Deutsch: Fanny Lewald

Deutsch: Fanny Lewald (Photo credit: Wikipedia)

In Folge hatte er wegen seiner progressiven Einstellung als auch wegen des Umstandes, dass er jüdische Vorfahren hatte, unter anderem mit der jüdischen Schriftstellerin Fanny Lewald (1811-1889) verwandt war, seine Position als Leiter in Zwickau als auch in der Folge als Leiter des Kunstvereins Hamburg verloren, bevor er sich dem Kunsthandel zugewandt hatte. Viele der Bilder, die in der Schwabinger Wohnung gefunden wurden, könnten zu den Dr. Hildebrand Gurlitt zur „Verwertung“ übergebenen Bildern aus öffentlichen Sammlungen gehören.

Allerdings sind in den Presseberichten der letzten Tagen weitere Namen von Sammlern und Titel von Bildern bekannt geworden, die auf eine andere Provenienz, nämlich auf Raubkunst, verweisen und daher eine ganz anderen, verschärften Ansatzpunkt zur rechtliche Beurteilung von Notverkäufen und “Besitzaufgabe” geben: Bestätigt wurde etwa, dass Cornelius Gurlitt mit dem Bild „Löwenbändiger“ von Max Beckmann zumindest eine Arbeit aus der Liquidierungsmasse der Alfred Flechtheim  GmbH im Jahr 1933 veräußert hat.

Alfred Flechtheim

Alfred Flechtheim (Photo credit: Wikipedia)

Dem Avantgarde-Kunsthändler Alfred Flechtheim war 1933 die Aufnahme in die Reichskammer der bildenden Künste verwehrt worden, effektiv ein Berufsverbot, das den bekannten Kunsthändler in die Emigration trieb. Ebenfalls erwähnt wurden die Sammlers und Kunsthändlers Max Stern, der 1937 unter Liquidierung seiner Sammlung aus Deutschland emigrierte (siehe auch das Max Stern Art Restitution Project), und des Sammlers und Galeristen Paul Rosenberg, der vor dem Einmarsch der deutschen Truppen nach Spanien fliehen musste und seine Sammlung des Impressionismus und der Moderne zurückließ (vergleiche mit dem biographischen Bericht der Enkelin Rosenbergs, Anne Sinclair:  deutsche Übersetzung: Lieber Picasso, wo bleiben meine Harlekine. Mein Großvater, der Kunsthändler Paul Rosenberg, Kunstmann, München, 2013, ISBN 978-3-88897-820-3 zitiert nach wikipedia).

Was sich in diesen knappen Ausführungen nur andeuten mag: die tatsächlichen betäubend paradoxen, barbarischen Umstände der Zeit, wie sie sich unter anderem in der Biographie dieses Mannes, Dr. Hildebrand Gurlitt, spiegelt. Dr. Hildebrand Gurlitt, dessen Expertise als Insider für Avantgardekunst dazu führte, dass er von eben jenem Regime, das für den Verlust der seinen akademischen Verdiensten entsprechenden Positionen verantwortlich war, mit der “Verwertung”, das heißt dem Verkauf von Werken der Art und Qualität betraut wurde, die er während seiner Zwickauer Zeit aktiv gefördert und für eine öffentliche Sammlung angekauft hatte. Nur angedeutet werden in derartigen Ausführungen die dramatischen Umstände, unter denen verfolgte Künstlerinnen und Künstler, Sammler und Kunsthändler sich von manchen jener Kunstwerke trennten, die sich wahrscheinlich nun auch in der Sammlung der sichergestellten Kunstobjekte des inzwischen betagtem Sohnes Cornelius Gurlitt befinden. Das ist keine historisierende Fantasie. Die Provenienz, die manches dieser Bild tragen wird, darf getrost und nüchtern als blutig bezeichnet werden. Nicht von ungefähr wurde der systematische Entzug jüdischer Vermögenswerte als  Verbrechen gegen die Menschlichkeit nach der Alliierten (Londoner) Erklärung ausgewiesen, dies in Übereinstimmung mit der Haager Landkriegsordnung von 1907, der Grundlage des humanitären Völkerrechts.

Der Schwindel erregende Schätzungswert der Bilder, die in der Wohnung von Cornelius Gurlitt sichergestellt wurden, gewährt Einblick in den oftmals nur als impliziert verstandenen und kommunizierten Kontext jeglicher Diskussion über Restitution, einen Aspekt, der jegliche Verhandlung über Restitution zwangsweise beeinflussen wird, jenen der unfassbaren Wertsteigerung der Bilder heute als Haushaltsnamen bekannter Künstler der klassischen Moderne. Dabei lässt sich leicht vergessen, dass der im Zentrum des Restitutionsanspruches nicht das Bild, sondern das gegen seinen ursprünglichen rechtmäßigen Eigentümer verübte Verbrechen ist.

Das Max Stern Art Restitution Project formuliert exemplarisch, worum es im Zentrum bei dem Thema Restitution von sogenannter Raubkunst gehen sollte http://www.concordia.ca/arts/max-stern.html:

“As more details surfaced about this dark episode of Dr. Stern’s life in Nazi Germany and the circumstances that ultimately brought him to Canada during the Second World War, it was learned that he sought restitution of art works from his private collection seized by the Gestapo. While he had some success in recovering a few pieces, the majority of his property was never returned.

Committed to continuing where he had left off, the executors and university beneficiaries established The Max Stern Art Restitution Project. Knowing very well that this initiative would not be without its hurdles, it was agreed that the moral and financial imperatives underlining this cause were worth pursuing as long as necessary.

We hope that this website will be used both as a resource and an example for those government agencies, educational institutions, museums, collectors and members of the art trade who are committed to resolving the injustices caused by Nazi cultural policies.”

Restitution allein als die Wiederherstellung von als in Angesicht des Verlustgrundes ethisch verträglicher Eigentumsverhältnisse zu betrachten, greift entschieden zu kurz. Zu kurz greift letztlich auch die Washingtoner Erklärung von 1998 und die Handreichung zur Selbstverpflichtung der Bundesrepublik Deutschland.

Wiederherzustellen ist letztlich, wie die Erben Max Sterns es formulieren, der Zustand von Gerechtigkeit durch Anerkennung und Annullierung oder Rückgängigmachung der Umstände, die Verfolgten des Naziregimes widerfuhr.  Das dies nur bedingt gelingen kann, liegt in der Natur des Verbrechens, entbindet aber nicht von einer ethischen Verpflichtung, es dort, wo es möglich scheint, auch zu unternehmen.

Es steht den Erben Sterns an, eine solche Gerechtigkeit, bis zur einer erschöpfenden Aufklärung der unter dem NS Regime erlittenen Verfolgung – einschließlich der Enteignung von Bildern – zu fordern. Es steht uns als beurteilenden Gutachtern der Rechtslage gut an, nicht zu vergessen, dass es immer noch um die Wiedergutmachung erlittenen, unsäglichen Unrechts geht.

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