Anne Franks Tagebuch im Schulunterricht

Signature of Anne Frank

Signature of Anne Frank (Photo credit: Wikipedia)

Mein Beitrag zu einer blog-Diskussion über die Lektüre des Tagebuches der Anne Frank im Schulunterricht:

Wer das Tagebuch von Anne Frank ausschließlich als verstörendes Beispiel für die Geschichte eines Opfers der Nationalsozialisten ansieht und es deshalb als unzumutbare Lektüre für Kinder  im Schulunterricht ansieht, hat es wahrscheinlich nicht gelesen. Ja, das Buch kann sehr traurig machen. Aber die Lektüre verstört nicht. Sie verleiht einer dunklen Zeit ein menschliches Gesicht.

Es ist richtig, Anne Frank wurde von dem Nationalsozialisten verfolgt und ermordet. Kinder lesen die Aufzeichnungen Annes in dem Wissen, dass die Autorin niemals erwachsen werden durfte, dass Anne Frank in einer Zeit lebte, in welcher in Deutschland und den Ländern, die Deutschland besetzt hielt,  selbst Kinder verfolgt und getötet wurden. Dennoch haben drei Generationen von jungen Menschen dieses Buch quasi als Gegengift zu der Verzweiflung gelesen, die mit dem Bewusstsein einhergehen kann, was Menschen einander antun können. Dies gilt insbesondere für Kinder in Deutschland, die begreifen, dass dies die Geschichte ihres eigenen Landes ist.

Anne starb in Bergen-Belsen an Typhus. Die Verhältnisse, unter denen sie eingesperrt und untergebracht worden war, machen ihren Tod zum Mord. In Annes Tagebuch lesen wir dennoch nicht von Hass und Vergeltungssucht, obwohl die Aufzeichnungen in dem klarem Verständnis der Gefahr geschrieben wurde, in dem die Autorin und ihre Familie in ihrem Versteck in Amsterdam leben mussten. 

Wir werden vielmehr Zeuge, dass ein sehr junger, sehr begabter Mensch sich auch in der dunkelsten Zeit deutscher und europäischer Geschichte die Liebe zum Leben und ihre Wünsche für ihre eigene Zukunft zu bewahren verstand. Wir lesen, dass ein junges Mädchen sich trotz höchster Not von einem Fleck Sternen besätem Nachthimmels, erspäht aus der Enge ihres Verstecks, verzaubern lassen konnte. Wir lesen von Lebensmut und Menschlichkeit in einer unmenschlichen Zeit. Und das ist der Grund, warum dieses Tagebuch nach all diesen Jahren immer noch und immer wieder gelesen wird – und warum es eine geeignete Schullektüre ist.

Das Tagebuch der Anne Frank spricht davon, wer Menschen sein können, gerade auch junge Menschen. Es spricht davon, dass ein Mensch in den dunkelsten Tagen Liebe und der Hoffnung empfinden und sie auch an andere weiter geben kann. Wer an den Menschen verzweifelt, wer an der deutschen Geschichte verzweifelt, wende sich an dieses Buch. Es zeigt in klarer Sprache, dass wir die Wahl haben, zu sein, wer wir sein wollen.

Anne Frank, Dietrich Bonhoeffer, Sophie Scholl, Victor Klemperer haben sie sich ihre menschliche Stimme, ihre Gefühle und Würde auch in der Verfolgung nicht nehmen lassen. Auch dies lässt sich aus der Geschichte Deutschlands lernen – auch dies ist Teil unserer Geschichte.

Dass einzelne Menschen, unter ihnen sehr junge Menschen wie Anne Frank und Sophie Scholl, nicht mit Hass sondern mit fragendem Verwundern auf diejenigen reagierten, die sie verfolgten, darf uns mit dem, was Menschen vermögen, versöhnen, auch wenn es uns auferlegt, dass wir uns mit diesem Teil unserer Geschichte niemals aussöhnen dürfen. Es war Finsternis in jener Zeit – aber es gab auch Licht.  Dass uns gerade von denen, die verfolgt wurden, Stimmen der Menschlichkeit überliefert sind,  zeigt uns und unseren Kindern einen Weg aus der Verzweiflung über unsere eigene Geschichte.

Unseren Kindern im Schulunterricht oder zu Hause das Tagebuch der Anne Frank zu geben, und es ihrer Stimme zu überlassen, zu beschreiben, wer wir als Menschen sind und wer wir sein können, ist für mich vor allem anderen nicht nur eine Geste der Bewunderung für den unfassbaren Mut, der in Anne Franks Worten klingt, einen Mut, den ich auch meinen eigenen Kindern und Schülerinnen und Schülern wünsche,  mögen sie niemals solche Zeiten erleben, sondern auch eine späte Erfüllung von Annes Wunsch, eine ihrer Begabung entsprechende Schriftstellerin zu werden und nachfolgende Generationen zu berühren und zu beeinflussen.

Ich glaube, dass es nach der Lektüre von Anne Franks Tagebuch möglich ist, sich in Angesicht von Anne unerschütterlichem Lebensmut unserer Geschichte, der deutschen Geschichte, anzunehmen, auch dort, wo sie unerträglich ist, sie nicht zu verleugnen, sie weiter zum Gegenstand unserer Betrachtung zu machen. Sie nicht zu vergessen, die Menschen, die unter den Nationalsozialisten verfolgt wurden, nicht zu vergessen. Nicht zu wünschen, dass dieser Teil unserer Geschichte vergessen werde,  nicht zuletzt auch, weil das hieße, das diese Menschen in Vergessenheit gerieten. Ich möchte glauben, dass dies möglich ist.

Mehr Mut als der, zu unserer Geschichte zu stehen, aus ihr zu lernen, ist von uns, den nachfolgenden Generation, derzeit nicht verlangt. Mut, in unserer Zeit zu wirken, zum Beispiel Verfolgte anderer Regime aufzunehmen, und ihnen eine Möglichkeit zum Neuanfang zu bieten. Sie nicht zurück zu schicken in das Elend, dem sie zu entkommen versuchen.

Das ist sehr wenig im Vergleich zu dem Mut, den ein Mädchen in Todesgefahr aufbrachte, um ihr Leben in einem Versteck in einem Hinterhaus weiter zu leben. Etwas von Annes Mut und Liebe und ihrem unerschütterlichem Glauben daran, dass das Leben ein Geschenk ist, sollte es uns erlauben, die ganze Geschichte Deutschlands, unsere Geschichte, gegenwärtig zu halten, sie auszuhalten und weiterzugeben – und zwar zusammen mit der Hoffnung, dass wir immer die Wahl haben, zu sein, wer wir sein wollen.

Anne Frank, Sophie Scholl, Dietrich Bonhoeffer – sie waren nicht nur Licht in ihrer eigenen, sondern ein Vermächtnis auch an unsere Zeit.

Annes Tagebuch ist ein Geschenk, keine Bürde. Es gehört in den Schulunterricht. Es gehört zum kulturellen Erbe unserer Kinder.

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