Die Banalität der Zeit als Gegenwart (aus dem Roman: Nachtwachen)

Die Banalität der Zeit als Gegenwart

Stamp Hannah Arendt

Stamp Hannah Arendt (Photo credit: Wikipedia)

Den Großvater zu verstehen heißt nicht zwangsläufig, eine ganze Generation zu verstehen, heißt nicht, Deutschland während der Zeit des Nationalsozialismus zu verstehen. Aber dennoch scheint es K unausweichlich, auch nach ihrem eigenen Großvater zu fragen. Seit der Lektüre von Hannah Ahrendts Buch “Die Banalität des Bösen”, das sie während ihrer Seminararbeit zum Fall Eichmann  studiert hatte, hatte sie die Idee verfolgt, gerade dem Banalen, der Alltäglichkeit  in der Biographie ihres Großvaters nachgehen zu wollen. Wobei sie nicht notwendigerweise nach der Alltäglichkeit des Bösen in der Biographie des Großvaters suchte, sondern eher nach der scheinbaren Bedeutungslosigkeit alltäglicher Entscheidungen oder dem kumulativen Effekt vieler scheinbar banaler Entscheidungen zu einem unveränderlichen, verheerenden Ganzen, eben nach der Banalität der Zeit, wenn sie als Gegenwart daher kommt, und vielleicht auch nach ihrer Gewichtigkeit, wenn sie vergangen ist. Nach der banalen Abfolge von als Anekdoten und Geschichten wiedererzählten Ereignissen, die angeblich die Entscheidung für die NSDAP vor 1933 als ein nahezu natürliches Ereignis erscheinen ließ. Weltwirtschaftskrise. Hunger. Hoffnung. Aufrüstung. Krieg. Erzählt in Ereignissen der einzelnen Tage, während derer sie sich zutrugen.

Sie suchte auch nach einer Erklärung danach, warum unter denselben Umständen einer zum Dieb wird und der andere ein ehrlicher Mensch bleibt. Warum Gottfried Benn und ihr Großvater den Nationalsozialisten vorauseilenden Gehorsam geleistet hatten und Klaus Mann die mörderischen Absichten der Partei hingegen von Beginn an verstanden und verabscheut hatte. Die Frage, die sich ihr letztlich stellte, war, ob ihr Großvater nicht doch in die NSDAP eingetreten war, eben weil er das Parteiprogramm und die Absichten der Nationalsozialisten sehr wohl verstanden hatte und sie mit zu tragen bereit gewesen war. Sie wollte verstehen, was den Großvater dazu bewogen hatte, bereits 1931 in die NSDAP einzutreten. Das 25 Punkte Programm der 1922 von Preußen und anderen deutschen Ländern auf Grundlage des Republikschutzgesetzes verbotenen NSDAP hatte als Programmpunkt die Entrechtung der Juden durch den Entzug der deutschen Staatsbürgerschaft  schon enthalten.

K entsinnt sich des späten Bekenntnisses des Großvaters , “man habe den Juden Unrecht getan, auch wenn sie keine Deutschen waren. “Dem Wertheim, zum Beispiel,” hatte er anerkennend gesagt,  “das war ein ganz ausgezeichneter Geschäftsmann.”  Noch über vierzig Jahre später hatte er nicht sehen können oder wollen, dass die in Deutschland verfolgten Juden Deutsche gewesen waren. “Die Nationalsozialisten haben den Juden in Deutschland doch die deutsche Staatsbürgerschaft überhaupt erst entzogen.” hatte sie eingeworfen. “Das musst Du als Juristin doch einsehen, Katja,” hatte der Großvater erwidert, “Es war ja ein wirksames Gesetz, auch wenn es manchen nicht gefiel, aber Gesetz war es doch.”

K konnte dem Großvater höchstens zu Gute halten, dass er sich  nie mit der Floskel verteidigt hatte, “man habe von all dem doch gar nichts gewusst.” Vielmehr hatte er, allerdings auch unter Verwendung des neutralen Infinitivpronomens, gesagt: ” Man habe sich geirrt.” Als habe es sich um einen Rechtschreibfehler gehandelt. Ein Aktenversehen. Und eben: “Das kann Deine Generation gar nicht mehr verstehen, Katja.” Und dann hatte er das Thema gewechselt und wieder aus seiner Kindheit als Lehrersohn erzählt.

Erst jetzt, mit dem Abstand von zehn Jahren seit dem letzten Gespräch, mit dem Abstand des Todes, der zwischen ihnen liegt und der sich weitet wie ein Fluss, der über die Ufer tritt, und dessen anderes Ufer schwerer und schwerer erkennbar wird, erst jetzt, mit dem Abstand von einem Kontinent und einem Meer, kommt es ihr in den Sinn, dass in diesen Geschichten aus dem Dorf, den Geschichten von dem Jungen Nick Rieper vielleicht etwas von dem Alltäglichen der Zeit zu finden ist, das sie damals vergeblich aufzuspüren versucht hat.

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