Mehr Fragen auf Umwegen: Das Museum in der Invalidenstraße (aus dem Roman Nachtwachen)

http://nachtwachenroman.com/2013/07/19/das-museum-fur-naturkunde-in-der-invalidenstrase-1986/

Berlin, 13. März 1986

Lieber Großvater,

gestern bin ich mit der S-Bahn nach Ostberlin gefahren, um ins Naturkundemuseum in der Invalidenstraße zu gehen, wie Du vorgeschlagen hast. Ich musste beim Grenzübergang 25 D-Mark in Ostmark umtauschen, Zwangsumtausch. Danke für das Weihnachtsgeld, Großvater.

Germany - 1923 - 2000000 Marks - FrontGermany – 1923 – 2000000 Marks – Front (Photo credit: evilsoapbox)

Ich wünschte, Du hättest mir mehr aus Deiner Berliner Zeit erzählt! Verglichen zum Beispiel mit demSchloss Charlottenburg in seinem sorgfältig rekonstruierten Zustand, scheinen die Museumsinsel oder das Naturkundemuseum  trotz ihrer Größe und zentralen Lage beinahe vergessen, als würden sie hier nur noch geduldet, als sei es eine Frage der Zeit, bis man sich ihrer entledigen wolle. Fontanes Großbürgertum lässt sich, so finde ich,  hier in Ost-Berlin ironischerweise besser beschwören als im Westen, der eigentlich nur noch eine sorgfältig inszenierte Touristenkulisse des zwanzigsten Jahrhunderts zu sein scheint.

Das Naturkundemuseum hat sich gewiss nicht verändert, seit Du in den vierziger Jahren an Deinen freien Wochenenden dort ein- und ausgegangen bist, wahrscheinlich ist seither nicht einmal Staub gewischt worden. Du hast gemeint, das Museum lege Zeugnis ab von der hohen Zeit der Taxonomie in Deutschland Ende des vorigen Jahrhunderts, ein unerschöpfbarer Vorrat an Wissen sei hier gesammelt und dem Volk (Deine Worte) zur Belehrung zugänglich gemacht worden. Du warst empört, als ich erwiderte, ich fände keinen Gefallen an ausgestopften Tieren. Du meintest, es stünde mir nicht an, zu beurteilen, was ich nicht einmal gesehen habe und wolltest meinen Einwand nicht gelten lassen, dass man nicht unbedingt Augenzeuge sein müsse, um einen Sachverhalt zu beurteilen. Das sei nichts als juristische Wortverdreherei, hast Du gesagt, und daraus seien schon viele Missverständnisse entstanden. (Sprichst Du deshalb fast niemals über Deine Zeit in Berlin, Großvater? Oder Allenstein, heute Olsztyn? Oder Stuttgart?

Jedenfalls bin ich also jetzt dort gewesen, um mir selbst ein Bild zu machen. Du hast gesagt, das Naturkundemuseum sei ein Ort, der dem Verständnis des Lebens diene, ich empfand es eher als ein Ort, an dem der Tod präzise kultiviert wird. Taxonomie, Wissenschaft von der Bestimmung, Einordnung und Benennung der Lebewesen. Du zitiertest sogar die Bibel, die Du als Kulturquelle bezeichnest:  Indem Gott, der Herr, die Wesen benannte, rief er sie ins Leben, Namen waren sein Schöpfungsgesang. Als Du dieses Zitat anführtest, musste ich übrigens daran denken, wie auch Du abendlich durch Deinen Garten, Deine Schöpfung, gehst, und Deine Obstbäume, Gemüse, Blumen bei ihrem Namen rufst, “Ihr seid mein.”  Aber zurück zum Naturkundemuseum, und mit Deinen eigenen Worten: Der lautlose Gott wilhelminischer Wissenschaft, indem er bestimmt, einordnet und benennt, zitiert was ist, lebendig ist, in die staubige Stille des Todes in der Invalidenstraße.

Fruchtlose, furchtbare Gelehrsamkeit: Augen aus Glas in ausgebeulten Bälgern, die nur schwerlich vom Staub freizuhalten in den Jahren stumpf und brüchig geworden sind. Das Register des Lebendigen – ein Ort des Todes. Erfasst wird, was die Schlachtung überdauert: die butterbrotpapierne Hirnhaut des Meerkätzchens, der grün schimmernde Flügel eines gepfählten, chitinhaarigen Insekts, Froschhaut eingegossen in einen Teich aus längst vergilbtem Harz, ein Hermelin in blutwilder Königswürde, erstarrt in respektloser Offenbarung, die Flüchtigkeit einer Maus, klein und unbedeutsam in ihrem sezierten Mäusebau, ohne Ausweg in alle Ewigkeit, der Kadaver des mutierten Zooaffen, dessen Namen, Charlie, Du so zärtlich rekapituliertest. Alle in graugrünem Licht mit pedantischer Beschriftung. Mit beziehungslosen, dekorativen Grabbeigaben bedacht. Ein Museum der Monstrositäten.

Augen stieren, aber der Draht, mit dem sie in das Leder gebohrt sind, überträgt keine Impulse in sägemehl-verdichtete Leere. Das sorgfältig konservierte Wesen, das, lebendig, sich nicht darin erschöpft hatte, eine bestimmbare Masse von Herz, Niere und Hirn zu sein, Schnauze, Klauen, Fellzeichnung, denn da all diese Attribute ihm zugeordnet waren, musste es etwas gewesen sein, das außerhalb dieser organischen, des Besitzes fähigen Gegenständlichkeit existiert hatte, dieses Wesen, das möglicherweise mehr gewesen war als eine Funktion seiner zusammenwirkenden organischen Fähigkeiten, dieses Wesen ist jetzt fort. Was immer es gewesen sein mag, das es vermocht hatte, dem Lederbalg den blinden Zweck Leben und Kommunikation einzuhauchen, hat sich Konservierung und quantitativer Erfassung entzogen. Schöpfungsgesang, Großvater. Name und Musik.

Deshalb mutet der Versuch, die lebendige, natürliche Ordnung durch eine Ausstellung von Kadavern zu rekonstruieren, armselig an. Eine gescheiterte, lineare Klassifikation des Lebendigen. Treffend wiedergegeben in wilhelminischer Gelehrsamkeit indes findet sich die erworbene Unfähigkeit des Menschen, das Leben anders als durch seine Besitzverhältnisse wahrzunehmen. Die Zurschaustellung des Toten als etwas vorgeblich Lebendigen erzieht zu eben dieser Taubheit gegenüber der wesentlich komplexeren, reicheren Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen. “ Ich bin fast zu dem Satz gediehen: „Bildung ist ein Weltunglück.““ Fontane.

Hätte man all diese jämmerlichen Reste nicht unter dem rein physiognomischen Anschein des Lebens, sondern als Totes konserviert und ausgestellt! Dort hinge das Hermelin schlaff über den dürren Ästen. Hier rönne der Maus die blaue Zunge aus dem Mäulchen. Der verwucherte Gorilla läge mit ausgehöhlten Augen zusammengekrümmt auf grünem Kachelboden. Unter Glas krampfte das haarige Insekt zu einem schillernden Häufchen. Ist das Naturkundemuseum nicht eine Prophezeiung dessen, wessen sich der Mensch im kommenden zwanzigsten Jahrhundert an seiner Schöpfung fähig erweisen wird – und dem Menschen?

Marcel Proust in 1900Marcel Proust in 1900 (Photo credit: Wikipedia)

Die umgetauschten 25 DM habe ich übrigens beim besten Willen nicht ausgeben können. Unter anderem habe ich Bücher gekauft, eine kleine Ausgabe Anatol France, Das Rosenholzmöbel, Philipp Reclam jun. Leipzig, und habe in einem Musikgeschäft unter den LindenKlavierpartituren für meinen Nachbarn Robert Nass abgeholt. Im Austausch für diesen Botengang hat mein Nachbar Robert mir den ersten Band von Proust “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” in einer kleinen rot-marmorierten Ausgabe von Insel geliehen.  Irgendwie passend, finde Du nicht auch? Auch ich suche nach der verlorenen Zeit. Nur dass es nicht meine verlorene Zeit ist, sondern Deine.

Jetzt fängt das Semester bald wieder an, ich habe meine große Zivilrechtshausarbeit gestern gerade rechtzeitig abgegeben und werde die nächsten zwei Wochen im Institut arbeiten, um noch etwas Geld für das Semesterende zu verdienen. Im Sommer können sie mich glücklicherweise wieder als Lektorin für 40 Stunden in der Woche beschäftigen, damit dürfte das nächste Semester gesichert sein!

Deine Katja 

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