Die Bibliothek der Schatten (aus dem Roman: Nachtwachen)

Signature of James Joyce from Ulysses, 1936 Bo...

Signature of James Joyce from Ulysses, 1936 Bodley Head Edition, Copy #3 of 100 (Photo credit: Wikipedia)

Der Urgroßvater hatte sein gesamtes Leben in Schleswig-Holstein verbracht, dennoch war er nach den Darstellungen seines Sohnes des Englischen auf eine Weise mächtig gewesen, die es ihm erlaubt haben musste, Joyce im Original zu lesen. Mit Bedauern empfindet K ihre jugendliche Ignoranz. Sie hatte immer nur ungeduldig darauf gewartet, dass die Geschichte, die der Großvater ihr wieder und wieder erzählte, ein Ende haben möge, so dass sie sich wieder ihrem eigenen Buch widmen konnte. Außerdem war es K von Kindheit an selbstverständlich gewesen, dass Wissen einfach durch beharrliches Interesse erworben wird.

Sie hatte es niemals in Frage gestellt, dass ein Dorflehrer sich in seinem Studierzimmer ganz seinem Interesse an zeitgenössischer Literatur widmen konnte, weil sie auch ihren Großvater in fortwährender Beschäftigung mit Ideen und Wissen erlebt hatte, die ihren Ursprung ausschließlich in seiner Lektüre zu haben schienen. Erst jetzt kommt ihr dies bemerkenswert vor.

Erst jetzt versteht sie, dass die Geschichte, die ihr Großvater ihr erzählte, tatsächlich von zwei Elementen bestimmt war. Die Leidenschaft des Urgroßvaters für seine Bücher, das war nur die eine, die leicht erinnerte Seite der Geschichte. Das andere Element der Erzählung, jenes dass K lange überhört hatte, das sie erst jetzt, in der Erinnerung erfasst, war, dass der Großvater sich immer nach seinem Vater gesehnt hatte. Dass er als Junge einen Vater gehabt hatte, der sich einer Sache mit ganzer Leidenschaft zu widmen verstand, während er sich um seinem Sohn nur mit kühlem Pflichtbewusstsein zuwendet. Er vernachlässigt ihn nie. Aber er ist auch niemals wirklich anwesend. Die Sehnsucht, die den Jungen umtreibt, sieht er nicht. 

Und doch wird auch dieser Sohn, mein Großvater, viele Jahre seines Lebens vor seinem eigenen Bücherschrank verbringen und sich seinen  Ideen widmen, während er als Herausgeber einer lokalen Zeitung landwirtschaftliche Ausstellungen besucht und Anzeigenkunden wirbt. Niemals gibt er seine lebenslange Suche nach einer Erklärung dafür auf, dass Ideen die Macht haben, den Lauf der Geschichte zu bestimmen, zum Guten wie zum Grausamen. Wer denken würde, dass der Großvater sich in der Folge seiner Laufbahn eine kryptofaschistische Bibliothek zusammengestellt hätte, um der verflossenen Zeit des NS-Regimes hinterher zu trauern, befände sich im Irrtum. Dennoch ist es eine komplizierte Sammlung von Titeln, die K nach seinem Tod in den Händen hält und von der einiges nun in ihrer eigenen Bibliothek steht.  Literatur von Halldor Laxness, Anna Seghers, Lion Feuchtwanger, Franz Kafka standen in dem Eichenschrank des Großvaters Seite an Seite mit der Deutschen Geschichte von Golo Mann und Sachbüchern des Spiegel Chefredakteurs Stefan Aust. Bibliophile Ausgaben von Victor Hugo, James Joyce, Ezra Pond, Knut Hamsun und Gottfried Benn hielten seltsame Nachbarschaft mit Heinrich Harrers “Sieben Jahre in Tibet” und “Die weisse Spinne” und dem “Mahabaratha”. Mit dem Bürgerlichen Gesetzbuch und einer Festausgabe des Grundgesetzes.

Und schließlich hatte K eine ganz ähnliche Wissenssuche in den Archiven der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Freien Universität Berlin fortgesetzt. Ohne sich Rechenschaft darüber abzulegen, wonach sie suchte und warum. Eine Suche, die jetzt, zehn Jahre nach dem Tod des Großvaters andauert. Bücher des Urgroßvaters und des Großvaters begleiten sie dabei wie eine Sammlung von Wissen, das sich immer schon versteht. Wie schwer ist es, sich aus diesem Wissen zu lösen und selbst zu denken.

Ob der Dorflehrer Genugtuung bei dem Gedanken empfunden hätte, dass sein Sohn und jetzt seine Urenkelin immer noch mit seinen Büchern leben? Mit Büchern, die er mit dem Rest einer Erbschaft und seinem Gehalt als Dorfschullehrer bei einem Buchhändler in Kiel erworben hatte.  Obwohl er lange vor der Geburt selbst  ihrer Mutter bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen war, hält K es für nicht ausgeschlossen, dass die Leidenschaft dieses Dorflehrers mit ursächlich sein mag an ihrer eigenen Liebe zur englischen Sprache, die sie so weit auf die Reise geschickt hat, an ihrer Leidenschaft für Sprache überhaupt, an ihrer Leidenschaft für Recherche.

Und sie könnte diese Leidenschaft für Bücher und Ideen als ein Erbe der ganz besonderen Art annehmen, diese Leidenschaft für das Wissen über Generationen, wenn sie die Lebensgeschichte ihres Großvaters ignorieren könnte. Wenn sie sich selbst davon überzeugen könnte, dass die Form, welche die Leidenschaft des Urgroßvaters angenommen hatte, nicht den fruchtbaren Boden für die blinden Überzeugungen des Großvaters geschaffen hätte. Und wenn sie nicht befürchten würde, dass tief in ihr derselbe Wille zur gnadenlosen Konsequenz verborgen läge.

„Die Dubliners“, erstmals herausgegeben 1914 in England durch den Verleger Grant Richards, erscheint mit dem Beginn des ersten Weltkrieges. Bereits 1916, Nick Rieper ist 10 Jahre alt, sind Deutschland und Großbritannien Kriegsgegner in einem grauenhaften Krieg, der sich wie Feuer ausbreitet und 17 Millionen Menschen das Leben kosten soll. Wie war es möglich gewesen, dass in einem Winkel Schleswig-Holsteins ein Dorfschullehrer sich den Antagonismen der Zeit gegenüber blind zu sein erlaubte und sich dieses Buch zu seiner persönlichen Bibel erkor? Und wie war dieses Buch, die englische Originalausgabe der Dubliners zu ihm gelangt?

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