Nachtwachen

Screenshot 2014-04-10 03.43.03Seltsam denkt K, wir haben geredet, immer geredet, einmal er, einmal ich, ununterbrochen geredet, und doch habe ich niemals erfahren, was ich wirklich erfahren wollte. Allerdings habe ich auch niemals direkt gefragt. Ich habe ihm meine Referate gesandt, ich habe über mein Studium und über Politik geredet, und mein Großvater hat über seine Kindheit geredet und darüber, dass meine Generation die seine nicht mehr verstehen konnte. Immer wieder hat er mir aus seiner Kindheit erzählt.

Meine Fragen waren die eines Kindes, das versichert werden möchte, dass in der Dunkelheit keine Monster lauern. Je nachdrücklicher das Kind fragt, desto verzweifelter will es versichert werden, dass es keine Monster gibt. Kann man einem solchen Kind die Wahrheit sagen?

Ich habe meinem Großvater niemals ins Gesicht gesehen und ihn gefragt, ob er gewusst habe, dass das Regime, dem er folgte, kaltblütig den Mord an über sechs Millionen Menschen plante und durchführte. Ich habe nicht gefragt, was er gedacht hatte, als den Juden öffentlich alle Rechte entzogen wurden. Ob er selbst, mein kluger, gebildeter Großvater, sich als einer Herrenrasse zugehörig empfunden habe, der es nicht zugemutet werden konnte, den Gehweg einem Juden zu teilen. Ob er es aushalten konnte, durch den Stadtpark zu spazieren, auf einer Bank zu sitzen, deren Benutzung einem Juden verwehrt blieb. Was für eine Zukunft er für Deutschland nach der Reichskpogromnacht vorausgesehen habe. Und ich habe ihn nicht gefragt, ob er sich selber an den Verbrechen seines Regimes beteiligt habe.

Vielleicht vertraute ich darauf, dass er auf meine Andeutungen, meine Referate und meine erhitzten politischen Ausführungen, immer in Monologform, nicht antworten werde. Auf meine Referate für ein Studium, das er mir selbst ans Herz gelegt, von dem er sich aber etwas anderes für mich erwartet hatte. So dass ich im Zweifel – und in gegenseitigem, stillschweigenden Einvernehmen – annehmen durfte, dass er es verstanden hatte, sich einfach so unauffällig wie möglich durch diese Zeit zu manövrieren.

8 thoughts on “Nachtwachen

  1. Excellent blog… I have an upcoming book that is dealing with a member of the generation born in the 1920s…. a young man who wants to do everything “right” until he realizes how far his government has led him into wrong. We must remember that a generation of children was subject to constant propaganda, state control, removal from parents and religion…. It would be almost impossible for anyone to understand. I have read extensively for this book, both German history… but I have also found beneficial studies on the child soldiers of warring African countries. It is so important to study…. one of the main reasons is because we must understand how a government can manipulate generations into believing its ideology… This is a 21st century problem. Only see how corporations control so many nations, and control the media… I thank you for your sharing, and I hope you keep exploring this issue.

    • Thank you, Stephanie, for taking the time for your thoughtful and interesting comment. I agree, depending on the circumstances under which we live and depending on where we live, depending on whether we are profiting from a system that causes suffering for others or whether we are suffering under such a system we might find it very difficult to comprehend how people can leave behind any sense of human empathy, compassion and responsibility in order to comply with the demands of a specific political or sociological system. In my book “Nachtwachen” I try to explore the ground that had been laid decades before Hitler that made Hitler and his politics not only acceptable but desirable to the general public. What does this mean for our understanding of fascist systems today? What would fascism in this particular country, Germany, look like today? And did the ideas and ideals that prepared the ground for Hitler still exist today, maybe in some quite modern, not easily identifiable form? I am less concerned about those who openly declare themselves “Nazis” and more about our ability to identify new forms of control and totalitarian systems.
      Thanks again for for comment, it’s much appreciated! Best regards, Kristina

  2. In dieser kleinen Notiz verbinden sich für mich zwei Aspekte, die zusammengehören, obwohl wir sie, wenn überhaupt, nur für kurze Momente zusammenbringen können – der legitime Wunsch, die eigenen Angehörigen mögen sich nicht schuldig gemacht haben und der Wunsch, das Wesentliche über sie, über ihr Leben zu wissen. Gerade an der “Unmöglichkeit” beides miteinander zu verbinden, zeigt sich das unvorstellbare Ausmaß des grauenhaften Geschehens.

    • Ein psychologisches Paradox, das sich fortsetzt in einer lebenslangen Spekulation, die viele verschiedene Aspekte birgt, nicht zuletzt das Element der Selbstreflektion. Dies betrifft nicht nur die (unmögliche) Beantwortung der abwehrenden Frage: “Was hätte Deine Generation an meiner Stelle gemacht?”. Diese Frage verwandelt sich im Laufe der Jahre, bis sie lautet: “Wäre es immer noch möglich?”
      Es geht auch darum, sich in Hinsicht auf das “Warum” der eigenen Fragen Rechenschaft abzulegen. Furcht, Abgrenzung, Aufklärung, Such nach Identität, politische Positionierung, Rechtfertigung. Ein komplexes Thema.
      Vielen Dank für diesen interessanten Kommentar!

      • Ich habe vor mehreren Jahren das Buch “Die Last des Schweigens”: Gespräche mit Kindern von Nazi-Tätern” (1993) von Dan Bar-On mit großem Interesse gelesen und manche der dort entwickelten Fragen und Überlegungen begleiten mich immer noch. Dan Bar-On ist ein israelischer Psychologe, der zunächst mit Kindern von Opfern gearbeitet hat, dann auch mit Kindern von Nazi-Tätern und schließlich Begegnungen zwischen beiden Gruppen moderiert hat. Ich kann diese Lektüre sehr empfehlen!

      • Ich habe dieses Buch ebenfalls gelesen, danke für den Hinweis! Mich interessiert besonders, wie sich diese Auseinandersetzung in die nächste Generation, die Enkel-Generation, fortgesetzt hat. Mich interessiert auch, welcher Art die Ideen waren, welche scheinbar ohne spezifischen Bezug zu dem totalitären Zügen des NS-Regimes dennoch eine Grundbereitschaft schufen, dieses Regime zu bilden und zu akzeptieren. Schließlich verfolge ich, wie eben jene Eigenschaften, ohne per se im Ansatz totalitär oder faschistisch zu sein, auch heute soziologisch fortwirken. Für ich ist diese Erkundung fruchtbarer als die Betrachtung der unmittelbaren wirtschaftlichen und politischen Bedingungen, von denen die Nationalsozialisten profitierten. In meinem Roman Nachtwachen versuche ich zu zeigen, dass es durchaus Versuche gegeben haben mag, die Ideologie “bereinigt” um das Element des identifizierbaren NS-Mythos weiter zu geben. Diese Vorstellung und ihre Implikationen beschäftigen mich intensiv seit etwa 15 Jahren.

  3. Das sind “große”, komplexe Fragen und obwohl sie mich auch interessieren, habe ich mich nie auch nur ansatzweise “systematisch” damit beschäftigt. Was mich (als die Autorin, die ich bin) interessieren würde: Wie es dir gelungen ist, daraus einen Roman “zu machen”. Wie bist du vorgegangen? Was waren die größten Herausforderungen? (Ich habe großes Verständnis, wenn die Beantwortung der Fragen in diesem Rahmen nicht möglich ist – aber vielleicht hast du einem früheren Beitrag darüber berichtet?)

    • Ich weiss, dass die Antwort unbefriedigend ist, aber der Roman hat sich selbst entfaltet und schließlich auch selbst erzählt. Allerdings dauerte es einige Jahre, bis ich wusste, dass die Fragmente, mit denen ich spielte, zu einem Roman heranwuchsen. Über die ersten Jahre habe ich immer wieder die Perspektive des Erzählers gewechselt, lange Zeit wechselten die Szenen, die ich als wesentlich betrachtete, bis ich verstand, dass es keine Schlüsselszenen gab – ebenso wie es unbefriedigend war, mit implizitem ex post Wissen zu schreiben. Daraus ergaben sich allerdings neue Herausforderungen. Ich denke, ich folge deinem Rat und werde einen längeren Blog Beitrag dazu schreiben. Das Blog wartet ohnehin auf neue Beiträge! Auf bald, hoffentlich, und vielen Dank für Deinen Beitrag, den ich leider erst mit einiger Verspätung beantworte! Herzlichst, Kristina

I am looking forward to reading your comments!

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s