Tschick auf dem Lehrplan

Wenn man keinen Spitznamen hat, kann das zwei Gründe haben. Entweder ist man wahnsinnig langweilig und kriegt deshalb keinen, oder man hat keine Freunde. Wenn ich mich für eins von beidem entscheiden müsste, wär’s mir, ehrlich gesagt, lieber, keine Freunde zu haben, als wahnsinnig langweilig zu sein. Weil, wenn man langweilig ist, hat man automatisch keine Freunde, oder nur Freunde, die noch langweiliger sind als man selbst. Es gibt aber auch noch eine dritte Möglichkeit. Es kann sein, dass man wahnsinnig langweilig ist und keine Freunde hat. Und ich fürchte, das ist mein Problem.

Tschick, Wolfgang Herrndorff

Auf eine bessere Analyse der Herausforderung, etwa fünfzehn zu sein und zur Schule zu gehen, als Herrndorff es mit Tschick (und dieser zitierten Stelle) liefert, kann man nicht hoffen. Tatsächlich ist das kurze Buch wie Tschick, eigentlich Andrej Tschichatschow, sagen würde, “wahnsinnig” aufschlussreich für all jene, die vergessen haben, wie unfassbar kompliziert es ist, sich durch das Labyrinth des Heranwachsens zu mogeln. Gleichzeitig klingt leise der Verdacht an, dass es (das Leben) vielleicht nie wieder so eindrucksvoll, unmittelbar, ehrlich und großartig werden wird wie gerade in dieser Zeit. Auch das lässt sich leicht vergessen, später, wenn man es geschafft hat und erwachsen geworden ist.

Unsere Kinder befinden sich in einem ständigen Spagat zwischen dem einen Leben aus Unterricht, Hausaufgaben, Musikunterricht, Sport, und dem unbenannten „Anderen“, dem Gegenteil der Vorhersehbarkeit und „Langeweile“, die aus einer nahtlos durchorganisierten Woche folgen. Dem „Anderen“, das man mit Freunden und mit Dingen verbringt, die Erwachsene nicht immer gut verstehen können, und das in Abwesenheit eines passenderen Begriffes auch als „Freiheit“ bezeichnet werden kann. Ein vager, ebenfalls komplizierter Begriff, der wichtig genug ist, mit Verfassungsrang ausgestattet zu sein.

Das Verhältnis zwischen dem „Einen“ (dem Schulunterricht) und dem „Anderen“ war immer schon ungeklärt, muss es wahrscheinlich sein. Freiheit hat ja auch immer ein Element von eigener Verantwortung. Man muss sie sich nehmen, wenn sie erforderlich wird. Und man muss wünschen, dass sie einem erforderlich wird, denn der Wunsch, sich von den Regeln anderer (noch schwieriger: auch von den eigenen) zu emanzipieren, ist eine Eigenschaft, auf die wir angewiesen sind, wenn wir zu der Gesellschaft werden wollen, die unser Grundgesetz uns garantiert und zutraut, und die ohne eine Begabung zur Freiheit nicht stattfinden kann. Das gilt natürlich nicht nur für die Schule, aber wer es in der Schulzeit nicht lernt, sich für eigene Interessen, Freiräume und Ideen einzusetzen, wird es später schwer haben, das noch zu lernen.

Als Schülerin habe ich gedacht, dass es ein besonders perfider Schachzug der Schule sei, ein Buch wie „Der Fänger im Roggen“ von J.D. Salinger in den Lehrplan aufzunehmen. Dasselbe Schicksal ist nun auch „Tschick“ widerfahren. Tschick, der etwas von Freiheit weiß und davon, wie man einen hellblauen Lada kurzschließt. Übrigens gibt es in „Tschick“ neben den Jungs Maik Klingenberg und eben Tschick mit Isa ein mindestens ebenso starkes Mädchen, das unter anderem ziemlich beeindruckend fluchen kann. Später, als Herrndorff den Deutschen Jugendliteraturpreis erhalten hatte, schrieb er, er wünschte, er hätte das mit dem Auto-Kurzschließen doch noch genauer dargestellt. In den Unterrichtsmaterialien zu Tschick liest sich das dann so: „Das Schülerheft ermöglicht die kompetenzorientierte Aufarbeitung der Buchinhalte.“

Ich denke aber, für uns Eltern ist es bestimmt nicht verkehrt, sich von Tschick um den Finger wickeln zu lassen, wenn er bei unseren Kindern im Lehrplan auftaucht. Mit etwas Glück erinnert die rasante Geschichte uns daran, dass Bildung für unsere Kinder auch bedeuten muss, irgendwann zwischen Klasse 5 und Q4 gegen die Regeln, unsere und die der Schule, aufzubegehren. Und dass unsere Kinder ein Recht darauf haben, dass das Leben während der Schulzeit jedenfalls mindestens einmal so großartig sein kann wie vielleicht niemals wieder danach.

Aus Elternsicht heißt das: nachgeben, wenn Kinder Zeit für sich fordern! Und „Fehler“ gelassen nehmen. Wolfgang Herrndorff hat in seinem Blog „Arbeit und Struktur“ übrigens gesagt, es dürfe keine Hausaufgaben zu Tschick geben. Natürlich auf unnachahmliche Herrndorff-Weise. Wer will, forsche danach: http://www.wolfgang-herrndorff.de

6 thoughts on “Tschick auf dem Lehrplan

  1. man kann richtig fühlen was du schreibst, dieses Labyrinth. Es scheint nie begreifbar. Weder im Prozess des Erwachsenwerdens noch danach und doch wächst man. Immer wieder.
    Danke für diesen Beitrag, er hat mich sehr berührt.

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