Das Kartenspiel – Es regnet

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Am Abend des vierten Regentages entdeckte Anna ein Deck alter Spielkarten in der Kommode in ihrem Schlafzimmer. Sie hörte Daniel in der Küche hantieren und über die Ausstattung der Schränke fluchen wie schon an den anderen Abenden. Robert hatte sich bereit erklärt, ins Dorf zu fahren, um Streichhölzer und mehr Wein zu besorgen. Bestimmt waren ihm auch die Zigaretten ausgegangen. Er hatte Daniels Volvo genommen, der Wagen war noch nicht zurück. Anna setzte sich auf die Fensterbank und ließ die Karten in einem soliden Block aus ihrer leicht vergilbten Schachtel gleiten. Sie hatte den größten Teil des Nachmittag verschlafen, nur einmal war sie kurz erwacht, weil Daniel und Robert ihre Stimmen erhoben hatten, und sie hatte gelauscht, aber sie hatte nicht hören können, ob sie wieder gestritten, oder ob sie sich einfach über Politik oder Sport unterhalten hatten. Eigentlich kam es auf dasselbe heraus. Anna seufzte. Immerhin erwarteten sie nicht von ihr, Stellung zu beziehen. Sie überlegte, ob sie einfach in der Jeans und dem weißen T-Shirt, in denen sie den Nachmittag auf dem Bett gelegen hatte, zum Abendessen gehen oder noch duschen und sich umziehen sollte, und mit nassem Haar zum Essen erscheinen. Noch zwei Abende mit Daniel und Robert. Es war idiotisch, dass sie nicht in Betracht gezogen hatten, dass es auch regnen könnte. Das Haus verfügte, anders als jenes, das das Institut ihnen im Winter zur Verfügung gestellt hatte, über keine Bibliothek. Vor dem Einschlafen hatte Anna sich wieder in das einzige Buch versenkt, das sie mitgebracht hatte. „This is the story of how I fell in love with a woman who read me a specific story from Herodotus.“ Was für ein wunderbarer Satz, dachte sie,der Anfang einer Geschichte, der Anfang einer Liebesgeschichte, aber tatsächlich verborgen inmitten der Erzählung. Wie deutlich der Erzähler sofort vor Augen steht, ohne dass wir jemals mehr ueber ihn erfahren müssten. Nicht: „ … who read me a story by Herodotus“, sondern „ … who read me a specific story by Herodotus.“ Dieses eine Wort, “specific”, in seiner Reserviertheit, seiner Arroganz, beschreibt den Unterschied zwischen Gemeinplatz und Begehren, zwischen Roberts schnodderigem Alltagsrealismus und Daniels hedonistischer Phantasterei, wobei es Robert war, der Begehren in seinen Geschichten inszenieren konnte und Daniel, der ihm dieses Talent neidete und lange nichts mehr veröffentlicht hatte. Anna spielte abwesend mit den Karten und warf den Pack schließlich auf das Bett. Die Karten fächerten sich auf. Sie betrachtete sie nachdenklich. Ein Kartenspiel. Ein Kartenspiel, das die offene Frage entschied, die sie alle drei beschäftigte.

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