Ms. Liquid (Das Kartenspiel / Ausschnitt)

Hannah warf das Magazin auf das Bett und ärgerte sich. J. für Julian, dachte sie, D. für Daniel. F. für Hannah, einfach nur: Frau. Passend für jemanden, den Julian für seinen Protagonisten J. als eine Person ohne jeglichen körperlichen und geistigen Grundwiderstand beschrieb. Gegen ihren Willen empfand sie eine gewisse Achtung für den Umstand, dass Julian, wenn es auch die Abmachung verletzte, Kapital aus jenem Abend geschlagen, indem er das Geschehen kurzerhand in eine seiner Kurzgeschichten eingearbeitet hatte. Daniel hätte aus dem identischen Material eine seiner üblichen hedonistischen Phantastereien gesponnen (but then again Daniel would have never broken their, or for that matter any agreement), aber Julian war seinem politischen Alltagsrealismus treu geblieben. Dem Kritiker blieb natürlich verborgen, dass die Szenen in Julians Geschichten, die im allgemeinen als „schonungslos aufrichtig“ gefeiert wurden, sich durch erhebliche Auslassungen auszeichneten. Der Gebrauch des Wortes „onanieren“ war ausreichend, jeden einigermassen von seiner eigenen Souveränität überzeugten männlichen Rezensenten zu ein, zwei Worten gemessenen Lobes zu veranlassen. Hannah grinste. Julian hatte es schon immer verstanden, den Rezensenten Zucker zu geben. Dass D. in der Erzählung von J.s einsamer Beschaeftigung gewusst haben sollte, war bei näherer Überlegung doch eher unwahrscheinlich. Es war auch nicht Daniel sondern Hannah gewesen, die sich zu einer spöttischen Bemerkung hatte hinreißen lassen. Hannah erinnerte sich sehr genau an den Anlass. Auch an den Umstand, dass Julian die Tür zum Badezimmer nicht ganz geschlossen hatte. Wer Julian kannte, wusste, dass Zufälle in seinem Leben nicht vorkamen. Julian verstand sich auf die Kunst der sorgfältigen Inszenierung.
Seltsam, dachte Hannah, dass Julian, der eine solche Zärtlichkeit bei Frauen inspirierte, seinerseits derart aggressiv vorging, wenn er sich auf Eroberung machte. Seltsam auch, dass er sie, Hannah, jeglicher menschlicher Eigenschaft entkleidet hatte, als er daran gegangen war, den Abend in seiner Erzählung wiederzugeben. Als habe er sich vor ihr gefürchtet. Als habe er sich gefürchtet, sie als Person zu erinnern und in seine Geschichte aufzunehmen. „This is the story of how I fell in love with a woman who read me a specific story by Herodotus.“ Es ist nicht die Rede von Julian und Hannah. Nicht einmal ihren Namen hatte er ihr gelassen. Statt dessen erscheint F. in der Geschichte, oder Ms. Liquid, eine Frau zwischen zwei Männern, oder dreien, genau genommen, wenn man Jan mitzählt, dem die zweifelhafte Ehre widerfährt, namentlich erwähnt zu werden. Einmal. Erwähnt.
Fünf Flaschen Wein hatte Julian mitgebracht, als er wider Erwarten in aufgeräumter Stimmung zurück gekommen war, säuberlich in einem Karton sortiert. Genug, um die Stimmung anzuheben, Hemmungen zu senken, zuwenig, um sich ernsthaft zu betrinken. Sie waren zweifellos angetrunken gewesen, ebenso zweifellos nicht betrunken. Besonders Julian konnte wesentlich mehr vertragen. Hannah fragte sich, ob Julian sich beim Kauf des Weines bereits Gedanken über den weiteren Verlauf des Abends gemacht hatte. Er war in gereizter Stimmung gewesen, als er sich recht widerwillig bereit erklärt hatte, ins Dorf zu fahren, und sie hatte es für möglich gehalten, dass er das Angebot, die Besorgungen zu erledigen, zum Vorwand nehmen werde, um sich für den Rest des Abends absetzen. Es war ihm regelmäßig ein Leichtes, eine Einladung für einen Abend zu ergattern. Hannah erinnerte sich der jungen Frau, die offenbar als Saisonkraft in dem kleinen Laden arbeitete und sich zu langweilen schien, und die Julian bereits beim ersten Einkauf überaus zuvorkommend bedient hatte. Es hätte ihm ähnlich gesehen, jetzt auf die unausgesprochene Einladung zurückzukommen und sie, Hannah, mit dem missmutigen Daniel allein zu lassen. Der Gedanke, den Abend allein in Daniels Gesellschaft zu verbringen, so wie seine Stimmung gerade war, war ihr unbehaglich gewesen und sie hatte sich entschieden, zumindest den Nachmittag allein in ihrem Zimmer zu verbringen.
Nach dem Aufwachen hatte sie auf den ersten Blick aus dem Fenster gesehen, dass der Volvo immer noch fehlte. Julian in Daniels Volvo. Julian, der ausweislich seiner Geschichte nicht über die entfernteste Ahnung verfügte, was der hochrespektable Daniel in seinem vernünftigen Wagen, den Julian in seiner Geschichte so abfällig als Familienschüssel bezeichnete, so anstellte. Hannah lächelte. Julian zeichnete sich durch eine gewisse Faulheit und Phantasielosigkeit beim Schreiben aus, die er durch die Virtuosität seines schnellen Erzählstils auszugleichen verstand. Aber dies war fraglich eine weitere Lücke in Julians Erzählung. Julian wusste natürlich nicht sehr viel von Daniel, so wie er überhaupt nicht viel über das sogenannte bürgerliche Leben wusste, über das er sich von Zeit zu Zeit so abfällig äusserte, als sei es eine Art widerlicher, ansteckender Krankheit. Daniels und Hannahs Freundschaft war ihm, wie den anderen Kollegen im Institut, immer Anlass zur Verwunderung gewesen. Daniel in seiner spröden Disziplin und unfehlbaren Korrektheit, und sie, Hannah eben, deren generelle Unerreichbarkeit und verbale Aggression sie im Kollegenkreis nicht gerade beliebt machte. Selbst Julian hatte sich also gescheut, ihr Verhältnis zu Daniel, und sei es nur literarisch, auszuloten.  Schließlich lag ihm an seinem Job. Noch. Es sprach indes für sein sprachliches Intuitionsvermögen, dass der Volvo auf seltsame Weise dennoch in die Erzählung geraten war.
Hannah dachte träge über sich selbst, Hannah, und ihre ungewöhnliche Freundschaft zu Daniel nach, und sie erlaubte sich auch, einige Augenblicke über sich und Julian nachzudenken. Die Kunst am rechten Ort zur rechten Stelle zu sein, ist das Talent, das den Lebenskünstler vom geborenen Verlierer unterscheidet, hatte Daniel einmal gesagt. Daniel hielt sich für einen talentierten Verlierer und er kultivierte diese Überzeugung bis hin zu seinen teuren formlosen Klamotten. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Das war die beste Beschreibung für Julian und seinen unfehlbaren Instinkt für das Rampenlicht. Vielleicht hatte Daniel recht. Aber jenseits dieser Begabung  gab es wohl auch die Gabe zur Geduld oder Gelassenheit, die Hannah besass.

Alles andere, sei es Malerei, Sprache oder Wissenschaft, entwickelte sich doch nur sich im Rahmen dieser grundsätzlichen Begabungen, am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu sein wie Julian, der Superstar, oder aus endloser Geduld. Vielleicht hatte es auch einige Künstler und Wissenschaftler gegeben, deren Talent die Zeit geformt hatte, dachte Hannah, Leonardo vielleicht, aber wenn man zum Beispiel Joyce oder van Gogh bedenkt, schafft sich ein grosses Talent nicht unweigerlich auch den Ort, an dem es gedeihen kann. Hannahs erster Impuls von Ärger beim Lesen von Julians Erzählung hatte sich jetzt gelöst und war einem Gefühl von träger Kontemplation gewichen. Hannah und Daniel, Hannah und Julian. Und Daniel und Julian.

Wenn Hannah über sich und die beiden Männer nachdachte,  musste sie unumgänglich auch darüber nachdenken, ob ihre gemeinsame Arbeit anders verlaufen wäre, wäre sie selbst ein Mann gewesen in dieser Situation. Sicher, sie hatte Julian begehrt, und zwischen Daniel und Julian herrschte eine fast altmodische Rivalität, die nur zurücktrat, wenn alle drei gemeinsam an den Texten und Entwürfen arbeiteten– aber von beiden Männern hatte sie selbst zuerst Freundschaft begehrt, und so war es immer noch. Intellektuelle Verbundenheit war selten und kostbar, und sie hatte sich schon bald, nachdem Julian in das Institut gekommen war, überlegt, wie sich das Verhältnis zwischen ihnen, Daniel, Hannah und Julian, entwickelt hätte, wenn sie selbst ein Mann gewesen wäre, alle anderen Umstände identisch, alle drei mit ihrer intellektuellen Leidenschaft und Begabung, mit ihrer Hingabe an die Arbeit. Statt dessen wurde ein guter Teil der kreativen Energie, die in dem Team zusammenkam, auf das ungeklärte Begehren umgeleitet. Wenn sie schon als einzige Frau, F. wie Julian so passend geschrieben hatte, in diesem Team arbeitete, war sie froh, attraktiv zu sein (und sie war sich bewusst, dass dieser Umstand die Glaubwürdigkeit ihres Bedauerns kompromierte, nicht als Mann geboren zu sein, oder aber in J. und D. weibliche Kollegen zu finden) , aber sie war zugleich davon überzeugt, dass vergleichbare Unruhen aufgetreten wären, wenn sie nicht attraktiv gewesen waere. „So you say, a man can be friends with a woman he does not find attraktiv? – No, he pretty much wants to nail her too.”
Hannah hatte Daniels Freundschaft begehrt, und sie hatte sie um den Preis von Daniels Begehren erhalten, aber das war lange her, und inzwischen war ihr Verhältnis von der Freundschaft und dem Wissen umeinander geprägt, und Daniel hatte längst neue Eroberungen gemacht. Zum Beispiel Julian. Das schmerzte nicht. Besseres timing vorausgesetzt wären sie und Daniel perfekte Ehepartner gewesen in ihrer gegenseitigen respektierten Unabhängigkeit, ihrer Zuneigung zueinander und der gegenseitigen Wertschätzung für die Arbeit und das Leben des anderen. Aber Hannah und Daniel hatten sich zu einer Zeit getroffen, als sämtliche persönlichen Entscheidungen in Daniels Leben bereits gefallen waren und es lag nicht in ihrer Natur, weder Hannahs noch Daniels, diese Umstände in Frage zu stellen. Hinzu kam der beträchtliche Altersunterschied zu Daniel und der Umstand, dass Daniel von Anfang an als akademischer Mentor aufgetreten war. Er hatte beide, erst sie und dann Julian, ausgewählt und gefördert. Julian und Hannah waren Konkurrenten um Daniels professionelle Gunst. Das ergab sich auch aus Julians Geschichte, mit der er Hannahs, F.s;  Zuneigung zu Julian  diskreditierte und als strategischen Schachzug darstellte. jedenfalls hatte es den Protagonisten J.nicht kalt gelassen, wenn er auch seine Betroffenheit in erster Linie in Selbstmitleid zum Ausdruck gebracht hatte. Hannah wurde wieder ärgerlich. Wenn sie Julian darauf ansprechen würde, würde er sich hinter seiner Geschichte verstecken. Es ist nur eine Geschichte, Hannah, das weißt Du selbst am besten. Feigling. Sie verbot sich weitere Gedanken und nahm statt dessen das Magazin mit Julians Erzählung wieder zur Hand. “Today is the day I quit art”, dachte sie.

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