Ed ist still

In Hamburg hatte sie zunächst eine Weile auf dem falschen Bahnsteig gewartet. Der Bahnhof hatte sauer und nach kaltem Rauch gerochen. Die Menschen um sie herum waren in konstanter, ja, aufdringlicher Bewegung gewesen, unablässig hatten sie Gepäckstücke herumgeschoben, aufeinander gestapelt, geöffnet, wieder geschlossen, über Schultern geschwungen, gezogen, geschoben, hinaufgereicht, hinabgeworfen. Auf dem Bahnsteig gegenüber war ein Zug eingefahren, hatte kreischend gebremst und hatte einen scharfen metallischen Geruch mitgebracht. So riecht hoffnungslos, hatte sie gedacht. Noch an dem ersten Abend in ihrem Hotel, in dem fremden, nach gestärkter Wäsche riechenden Bett, erinnerte sie von allen Eindrücken der Reise durch die ganze Republik nur diesen metallisch staubigen Geruch und die rastlose Choreographie der Menschen auf dem Hamburger Bahnhof, obwohl oder vielleicht gerade weil die Nacht vor dem schräg geöffneten Fenster nach Salz und feuchter Erde roch und sich ruhig über das angrenzende Feld verteilte.

Als sie auf ihren Fehler mit der Plattform aufmerksam geworden war, schnellen Schrittes die lange Treppe zwischen den Bahnsteigen emporgeklettert, auf der Anzeigetafel den richtigen Bahnsteig gefunden und etwas entfernt eine andere Treppe ebensoviele Stufen hinabgeeilt war, hatte sich das Schauspiel der unaufhörlichen Bewegung der Reisenden auf der parallel verlaufenden Plattform wiederholt. Sie selbst hatte fast dieselbe Position auf dem richtigen Bahnsteig bezogen wie zuvor auf dem falschen, die Menschen um sie waren ebenso geschäftig herumgelaufen, und sie war wieder in diese innere Starre verfallen, die sie seit Tagen begleitete. Aber auf dem Bahnsteig zu Gleis 12 war ihr diese Starre erstmals bewusst geworden, und es war ihr so vorgekommen, als sei – zwischen all den Rastlosen, Bewegten – allein sie unbewegt.

Ed war tot. Das war ein seltsamer Gedanke. Auch er nun unbewegt, schwer in der Zeit, ein Körper ohne Ziel. Schwer vorstellbar, dass die nervöse Energie, die Ed zu dauernder Bewegung veranlasst hatte, erloschen war. Niemals hatte er still sitzen können, obwohl er ein Meister des Schweigens war, doch immer hatten seine Finger irgendetwas auseinander gezerrt, verdreht, manipuliert, in neue Formen gezwungen. Ed hatte geschwiegen, aber die kleinen Dinge in seinen Fingern hatten gequäkt, geknarrt, geknistert, geraschelt und Auskunft über seine Unruhe gegeben. Ein großer Mann, verfolgt von kleinen Ängsten und Hirngespinstern. Jetzt waren die Dinge in Eds Händen verstummt, und Ed war still.

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