Scully kauft eine Wiese

Wir kauften ein kleines, überteuertes Stück Land von einem Bauern. Den Preis dafür hatte Scully über ebay ausgehandelt. Grünland. Das Land lag im Nirgendwo, nicht nahe der Küste, nicht an einem See oder am Waldesrand. Es war kein Bauland und würde, soweit es absehbar war und das deutsche Baurecht nicht drastisch geändert wurde, niemals Bauland sein. Es lag im Außenbereich unter einem niedrigen Himmel und war bar jeglichen Attributes, das es als attraktiv für auch nur entfernt touristische Zwecke zweier landhungriger Städter hätte geeignet erscheinen lassen, aber Scully lachte zufrieden, als der Notar uns nach der Beurkundung die Hand gab. Einige Wochen später waren wir im Grundbuch eingetragen, zu ideellem Miteigentum. Wir hatten eine Wiese gekauft, und einen Knick, der zu einer gut befahrenen Landstraße hin lag und im nächsten Frühjahr würde geschnitten werden müssen.
Der Winter war nass und warm gewesen und der Grund hielt jetzt so viel Wasser wie ein Schwamm, weil nichts mehr ablaufen konnte. In einer Senke ziemlich in der Mitte des Grundstücks hatte sich das Wasser an der Oberfläche gesammelt und einen kleinen Teich gebildet. Der Teich war im letzten Sommer nicht hier gewesen, als Scully das erste Mal über die Wiese gestiefelt und ich ihm wie ein kleiner Hund hinterher gehechelt war. Ja, das ist es, hatte er fachkundig festgestellt, genau hier muss es sein. Das war im Spätsommer gewesen, die Wiese war trocken gewesen und verkrautet und verwaist. Aber jetzt hatten wir auch einen Teich, jedenfalls vorübergehend, eine glatte Wasserfläche in der Geest, in der sich der Frühjahrshimmel spiegelte. Zu ideellem Miteigentum. Auf dem Teich schwammen zwei große Eiderenten, Somateria mollissima mollissima, die vielleicht Rast auf dem Weg zur Küste einlegten. Deshalb wirkte unsere Wiese jetzt nicht mehr so verwaist wie bei unserem ersten Besuch, und es war sehr hübsch, wie sich der Himmel in der Lache spiegelte, auch wenn von Zeit zu Zeit ein Lastwagen auf der östlichen Landstraße vorbeiknatterte.
Scully hatte den Wagen auf dem Wirtschaftsweg geparkt, wir waren ausgestiegen und hatten unsere Gummistiefel angezogen und Scully hatte mir die Thermoskanne in die Hand gedrückt und dann war es so weit gewesen: Wir schritten unsere Wiese ab, Scully mit dem schweren Schritt eines Grundbesitzers, der sein Land kennt, obwohl er in Hamburg-Altona in einer Zweizimmerwohnung lebte. Es war so: Scully schritt und ich machte einen Schritt, blieb stehen, sah mich um und hastete ihm dann hinterher, die Thermoskanne in der Hand, und so vermaßen wir die ganze Wiese, in der mein bescheidenes Erbe und sein Know-how steckten. Sein Wissen, mein Geld. Eine Wiese, auf der man nicht bauen konnte.
Als wir zum Gatter zurück kamen, reichte ich Scully die Thermos, er schraubte sie auf, goss etwas Tee in den Schraubdeckel, nahm zwei Schlückchen und reichte mir den Rest. Der Tee war schlierig und schwarz, wirklich schwarz, denn Scully machte keine halben Sachen. Der bittersüße Geschmack blieb einem noch lange im Mund, es war nicht jedermanns Sache. Weit entfernt von einem Flat White oder einem Cafe crema to go. Nichts für Anfänger. Der Tee belebte Tote.
Scully stand breitbeinig am Gatter und sah noch einmal sichtlich zufrieden über die Wiese. Wir brauchen ein Pferd, sagte er. Und noch eins zur Gesellschaft. Ich widersprach nicht. Es war noch etwas Geld auf dem Konto. Scully schien wie immer aus einer Eingebung zu sprechen, aber ich war mir sicher, dass er schon wusste, wo wir das Pferd, das er meinte, finden würden. Und eins zur Gesellschaft. Ein altes Pferd, für mehr reichte das Geld nicht. Oder ein lahmes. Oder ein altens und ein lahmes. Ich wusste nicht, weshalb wir ein Pferd brauchten und eins zur Gesellschaft, zu ideellem Miteigentum, aber wenn Scully es sagte, musste es so sein.

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