Hinter den Spiegeln, Julians Geschichte, LiterRATura #23, Ausschnitt aus: “Das Kartenspiel”

img_0317-1LiteRATura # 23 , Julians Geschichte / Auszug aus: Das Kartenspiel
„Kannst Du bitte endlich die Tür aufmachen“, rief es aus dem Flur. Er war nun schon über 20 Minuten im Bad, länger als üblich. Es ging ihm nicht gut. Wie jeden Morgen hatte er sich eingeschlossen, um in der für ihn passenden Geschwindigkeit und unbedrängt von seiner Frau und seinen beiden Kindern wach zu werden. Er sah auf die Uhr. Noch 15 Minuten, bis Jenny die Kinder wecken würde, solange konnte sie noch warten. Sie ließ nicht nach: „Was machst Du denn so lange da drinnen? Ich muss heute morgen zum Schülerfrühstück. Hörst Du mich?“.
D. schenkte ihr keinerlei Beachtung. Sie würde gehen. Sie ging immer, wenn er nur lange genug schwieg. Seit Wochen schlief er schlecht. Gründe gab es genug: Seine Position im Institut war nicht mehr so unangreifbar wie früher. Zudem gab es seit neuestem Gerede. J. hatte ihn verlegen darüber aufgeklärt, dass Gerüchte über ihn und F. kursierten. Der Grund war, dass F. und er oft die letzten waren, die das Institut verließen. So what. Aber gestern Abend hatte man sie zusammen gesehen, als sie Essen gegangen waren. F. hatte nach dem Spiel einen gehörigen Appetit, und obwohl er sie dazu hatte überreden können, weit aus dem Zentrum heraus zu fahren, unter dem Vorwand, er wolle zu seinem Lieblingsitaliener, hatte er Pech gehabt: Peters, der Lektor des Instituts war mit seiner Familie vor einem Jahr ins West End gezogen. D. hatte das leider vergessen.
Beide Männer hatten sich nichts anmerken lassen, und Peters hatte das Restaurant in Begleitung seiner neuen Frau, die D. vom letzten Weihnachtsfest kannte aber die ihn offenbar nicht erkannte, wenig später ohne formellen Gruß verlassen, aber mit einem zutraulichen Augenzwinkern in seine Richtung. Als D. Peters erblickt hatte, war seine erste Befürchtung gewesen, dass F. die Geschichte jetzt beenden würde, weil sie befürchten würde, Peters würde sich das Maul zerreißen. Ihre größte Furcht war, dass die anderen Anlass haben könnten, zu denken, sie habe die Stelle nicht aufgrund ihrer Leistung sondern aufgrund ihrer persönlichen Beziehung zu D. erhalten. D. wußte das. Es kümmerte sie nicht, was die anderen über ihr Privatleben dachten. Aber es machte ihr etwas aus, wenn man ihrer Arbeit nicht den angemessenen Respekt entgegen brachte. Es zeigte ihm, dass sie trotz ihrer zur Schau getragenen Überlegenheit letztlich nicht sicher war, ob ihre Arbeit gut genug war. Manchmal dachte er, dass ihre Arbeit gerade deshalb so gut war, weil sie diesen grundsätzlichen Zweifel an sich selbst hegte.

Aber F. hatte, so unglaublich das klang, Peters überhaupt nicht wahrgenommen, sondern sich vollständig ihren Linguine ergeben, die vor ihr auf dem großen Pastateller vor sich hin dampften und die sie sich begierig und fast selbstvergessen Gabel um Gabel in den Mund stopfte. Sie war eine phantastische Frau! Er hatte die ersten Wochen nach ihrer Einstellung in einer Art Rauschzustand verbracht, ja, er war fast glücklich gewesen, und geblieben war das Gefühl der Lebendigkeit, wenn sie in seiner Nähe war.

Aber wenn er in den Spiegel sah, wie an diesem Morgen, in den großen Spiegel über dem Marmorwaschtisch mit den zwei ehelichen Waschbecken, überkam ihn ein Gefühl, dass eine gewisse Melancholie mit Abscheu mischte. Er atmete aus und sah seinen Bauch über den Hosenrand sinken. Es war wohl nicht abzusehen, dass der Speckring um seinen Bauch jemals wieder kleiner werden würde, auch wenn er tatsächlich mit Frühsport beginnen würde wie er sich von Zeit zu Zeit vornahm.

Er zog den Bauch wieder ein und erinnerte sich des Sixpacks, den er früher gehabt zu haben glaubte. Wenn er den Bauch einzog, sah er noch passabel aus. Seine Schultern waren seltsamer weise hager und seine Beine schlank. Es war alles nur eine Frage der Kleidung. Es war teurer geworden als früher, gut auszusehen, aber er war noch passabel. Jedenfalls in seinen eigenen Augen.

Mit J. konnte er wohl nicht mehr konkurrieren. Er atmete wieder aus und spürte erneut das Metall der Gürtelschnalle in seinem Bauch. Er beugte sich zum Spiegel vor, und lenkte den Blick auf sein müdes Gesicht, die Wangen, die begannen über seine scharfen Wangenknochen zu hängen, seine gute Grundstruktur, wie seine Mutter einmal stolz gesagt hatte, er massierte die beginnenden Tränensäcke und grinste sich selbst halb ironisch, halb grimassenhaft an. Wenn F. erreicht hätte, was sie wollte, war es mit ihnen vorbei, dachte er mit plötzlicher Klarheit. All die Worte über intellektuelle Verbundenheit und Freundschaft waren gut und schön, aber er sollte es besser wissen. Er kommentierte seine Beobachtung. Aber wenn ich ehrlich bin, macht mir das nicht wirklich etwas aus. Oder war das ehrlich? Machte es ihm wirklich nichts aus, dass Frauen ihm jetzt für seinen Volvo und und seine Position als Institutsleiter und ihre potentielle Karriere schöne Augen machten statt wie früher für sein Aussehen und seine aufstrebende Karriere als Schriftsteller? War das wirklich ein Unterschied? Mitte 50 war nach seiner Überzeugung ein furchtbares Alter für einen Mann. Das Leben hält für jeden unendlich viele Enttäuschungen bereit, dass wusste er schon lange, aber er hatte gelernt, damit umzugehen, war sogar stolz auf seine Souveränität im Umgang mit Enttäuschungen. Er hatte aus seiner Midlife-crisis sogar literarischen Gewinn gezogen. Midlife-crisis, was für ein altmodisches Wort, er musste es in die Liste aufnehmen, das gab es in einem Zeitalter konstanter Selbstoptimierung im offiziellen Sprachgebrauch gar nicht mehr, die midlife-crisis. Jedenfalls hatte er dieses Gefühl, das ihn wie einen dauernden leicht ziehenden Zahnschmerz begleitete, in einer Geschichte ausgeweidet, die er „Der Tag an dem ich alle meine Träume zu Grabe trug ohne einen einzigen Laut der Trauer von mir geben zu müssen“, genannt hatte und in der LiteRATura # 19 veröffentlicht. Er hatte einige Anerkennung von den Kritikern erhalten, die sich immer zu Wort meldeten, wenn er etwas veröffentlichte, und einige enthusiastische Leserbriefe. Wenn er ehrlich war, hatte ihm dieses Lob doch etwas bedeutet. Er konnte immer noch, wenn er wollte. Und doch sollte er es besser wissen, er kannte den akademischen Literaturbetrieb gut genug, um zu wissen, dass dieses offizielle Lob auch eine Währung war, mit der man vieles bezahlen konnte, und die ihren eigenen Tauschkurs hatte.
Aber nein, all diese Dinge waren nicht verantwortlich für seine schlaflosen Nächte. Das wäre auch einfach lächerlich gewesen. Sein Selbstbild war seit jeher das eines abgeklärten, gelassenen Beobachters. Er hatte sein ganzes Leben dem, was er das allgemeine Gejammer nannte, das ihm überall entgegenschlug, in der realen Welt ebenso wie in der Selbstentblößungsliteratur, Verachtung entgegen gebracht. Sein Vorbild war der große Meister der Bescheidenheit William Maxwell gewesen. Aber um so aufrichtig zu sein, wie er es eben vermochte, hatte er bestenfalls eine Art Warhol-Pose entwickelt, die es ihm erlaubte, nicht zu viel von dem zuzulassen, was ihn schmerzte. „So what ?“ „Was solls“ . So hatte er es sich beigebracht, um die Dinge, die er bei sich die “schlimmen Dinge” nannte, einzuordnen, sie zu bagatellisieren, und ihnen damit den Schneid abzukaufen. Aber nach und nach war aus der Pose ein Gefühl der Entfremdung geworden, ein Gefühl, als stehe er wie ein Zuschauer neben seinem eigenen Leben, und kommentiere es wie einen Film. Einen jener mittelmäßig interessanten Arthouse-Filme, die man am nächsten Morgen vergaß. Letztlich war die einfache Frage, was ein Leben eigentlich noch interessant machte, wenn man sich erst einmal eingerichtet hatte mit all diesen Dingen, Marmor im Bad, Eichendielen im Schlafzimmer, den Volvo, Urlaub in schöner Kulisse. Er konnte sich nicht mehr erinnern, wo genau genau das Gefühl, aus sich selbst herausgetreten zu sein, seinen Ursprung hatte, aber er wusste, dass er ihm wenig entgegengesetzt hatte und jetzt kaum noch wusste, wie er sein Leben anders als aus dem Off leben sollte. Seine Faszination mit F. lag gerade darin, dass er sich in ihrer Gegenwart manchmal in sich selbst zurück begeben konnte, wenn auch nur wie in ein Ferienhaus mit Fenstern zum Meer.

Am schlimmsten empfand er , dass er sich auch immer weiter von Jenny und den Kindern entfernte. Dies war seine dritte Ehe und seine zweite Familie, er hatte sich die Kinder fast ebenso gewünscht wie Jenny, deren erste Ehe es war und die einen detaillierten Entwurfsplan für ihr gemeinsames Leben besaß. Es verließ sich auf sie und segelte mit dem Wind, den sie erzeugte, aber er blieb zunehmend unbeteiligt an diesem Leben, dem er als notwendiger Statist beiwohnte. Das war nicht fair gegenüber Jenny, aber er konnte es, nein, er wollte es nicht ändern. Es war seine „Truman Show“ für Fortgeschrittene, wenn man so wollte.
Heute Nacht war es ihm besonders schlimm ergangen. Lange Zeit hatte er einfach den großen fluoreszierenden Zeiger auf dem Wecker verfolgt, wie der quälend langsam über die Zeit hinweg strich und anzeigte, wie er sein Leben vergeudete. Selbst im Schlaf. Dann war er wohl doch weg gedämmert und statt der Zeiger waren Bilder aufgetaucht, vertraut und schrecklich zugleich, und immer noch irgendwie vor dem Hintergrund des nächtlich vertrauten Schlafzimmers, so dass er sich im Traum mit geteiltem Wach- und Traumbewusstsein nicht sicher war, ob er wach war oder schlief.

Die Bilder hatten sich in einem ungeheuren Tempo abgewechselt, F., die Linguine verschlang als wären es lange Würmer, Peters, der ihn mit entblößtem Gebiss wie ein zorniger Affe angrinste, während er mit seiner Ehefrau aus dem Restaurant watschelte, Jenny, die lange blutige Kratzer auf ihrer weißen Haut hatte, da war ein seltsamer Nebel gewesen, der aus der Küche des Restaurants zu quellen schien, F., die immer noch unbekümmert ihre sich windenden Linguine verschlang und ihn dabei merkwürdig konzentriert anstarrte, und dann, unvermeidlich, die plötzliche Entdeckung, dass er vergessen hatte, seine Hose wieder anzuziehen und mit steifgebügeltem Hemd und Krawatte, aber mit nacktem Gesäß auf den roten, kühlen Kunstlederpolstern saß, und zwar, natürlich, mit einer deutlichen Erektion, die ihn halb ins Wachsein zurückholte und automatisch nach seiner Frau greifen ließ, die sich ebenso automatisch von ihm wegdrehte und in seinen Traum zurückstieß, wo er sich wieder Peters wissendem Affengrinsen gegenübersah und F.s immer noch bis zum Rand gefüllten Pastateller mit den sich windenden Linguini. Die mechanischen Bewegungen der sonst so geschmeidigen F. beim Aufrollen der Würmer auf die Gabel, das leere Grinsen des Kollegen, die ungelöste sexuelle Spannung verursachten ihm noch im Traum Herzrasen, und er erwachte schweißgebadet und mit erhöhtem Puls und immer noch hart. Der Blick auf den Wecker hatte fünf Uhr dreißig gezeigt und mit einem Blick auf den Rücken seiner schlafenden Frau hatte er von einem zweiten Versuch abgesehen und war aus dem Bett und über den Flur ins Bad gestolpert, wo er das heiße Wasser in der Dusche angestellt hatte und sich den Schlafanzug vom Leib gerissen hatte, aber statt in die Dusche zu steigen hatte er keuchend in den Spiegel gestarrt und zugesehen, wie der heiße Dampf sein Spiegelbild nach und nach auslöschte. Zugleich hatte er mit einem Gefühl von kommentierender Lächerlichkeit versucht, die Beklemmung, die nach ihm griff, fort zu atmen wie er es nach seinem letzten Zusammenbruch auf Anraten seines Hausarztes gelernt hatte, während er zugleich Hand anlegte.

Auch danach war die Beklemmung nicht vollständig gewichen trotz einer gewissen temporären Erleichterung. Er versuchte erneut bewusst zu atmen und seine Fassung zurück zu gewinnen. Er hatte mechanisch begonnen sich anzukleiden, obwohl die Dusche immer noch lief, Unterhose und Jeans, die er beim Auskleiden gestern Abend über den Hocker geworfen hatte. Dann hatte Jenny begonnen, Einlass zu begehren, damit sie rechtzeitig zum Schülerfrühstück in der Schule sein konnte. Jetzt hatte sie endlich aufgegeben. er hörte sie in der Küche hantieren. Sie vergaß nie die Prioritäten.

Er holte tief Luft und schloss den Gürtel. Dann atmete er wieder aus. Sein Atem blies noch tiefere Nebelfelder auf das schon beschlagene Spiegelglas. „Gott, hilf mir“ schrieb er einer Eingebung folgend quer über den Spiegel.
Da war das scharf geformte und eng gepresste „m“ aus seiner Handschrift zu sehen und ein „G“, das er erst beim zweiten Hinsehen als sein eigenes interpretierte. Gott war seit Adorno ebenfalls nur noch ein theoretisches Konzept. Nichts passte zusammen. Es war nicht einmal ein ironischer Kommentar. Er war eine einzige Inszenierung, ein Clown. Rund um die einzelnen Buchstaben lief das Wasser auf der Spiegelfläche aus den Buchstaben und das Glas herunter. Er starrte die Tropfen auf der Glasfläche an, in denen wieder ein fragmentarisches Spiegelbild erschien, und fühlte, wie er von dem Spiegel angezogen wurde wie von einem Luftsog und wie sein Gesicht ganz ohne bewussten Einsatz seiner Nackenmuskulatur näher an das tropfende Wort “Gott”herangeführt wurde, während er selbst immer noch ironisch aus dem Off kommentierte. Das Nebelfeld verdichtete sich immer stärker, jetzt berührte er es, und es bot ihm keinen Widerstand, es war sanft und kühl und elektrisch und nahm ihn schließlich ganz in sich auf, und er sah nichts mehr, nur das lichte Grau, und er hörte auch seine eigene innere Stimme nicht mehr, und das war eine unfassbare Erleichterung. Für einen kurzen Zeitpunkt meinte er, er könne Elektronen um die Wassermoleküle hinter den Spiegeln wirbeln sehen. Er, war überrascht, welch laute Geräusche das machte. Er wunderte sich für einen flüchtigen Augenblick, warum dieses Geräusch sonst nicht zu hören war, die kleinen Dinger machten wirklich einen höllischen Lärm. Aber bevor er den Gedanken zu Ende gebracht hatte, schlugen helle Blitze in seine Netzhaut ein, und er stürzte durch den Nebel, der plötzlich nicht mehr sanft war, sondern schneidend wie Glassplitter, und er krampfte zusammen, wieder und wieder, und verlor die Orientierung, bis der Nebel sich färbte, rot, und sich dann lichtete, pink, und ihn wieder ausspie auf der anderen Seite, der richtigen Seite des Spiegels, in sein eigenes eheliches Badezimmer am Kaiserdamm in Berlin.
Zurück im Badezimmer drehte sich die Welt noch immer um ihn herum, als säße er auf einem Kinderkarussell, genauso wie gerade zuvor die Elektronen um die Moleküle geflitzt waren, nur war er jetzt ein Elektron. Es fiel ihm gerade nicht ein, wer das Molekül war, aber tatsächlich fühlte er sich für einen Augenblick irgendwie besser, fast wie wie neu geboren und er schaffte es sogar, wieder etwas wie Amusement über das gerade erlebte Schauspiel zu generieren. Soviel konnte er schließlich von sich selbst erwarten, nämlich, dass er sich nicht der Verzweiflung überließ, sondern dass er sich auch hiermit arrangierte und seinen Nutzen daraus zog.
Von draußen hörte er – immer noch wie aus weiter Ferne – aufgeregtes Geschrei. Er brauchte etwa zwei Minuten um zu begreifen, dass die Stimme, die da so erbärmlich schrie, seiner Frau Jenny gehörte. Obwohl ihm ziemlich schwummrig war erhob er sich und positionierte seinen Hintern auf den Rand der Badewanne. Seine Hände schlossen die Tür auf, ohne dass er sich aus seiner gekrümmten Haltung erhob. Seine Muskeln waren immer noch verkrampft. Jenny öffnete die Tür und drängte in den Raum. Im Hintergrund wuselten die Kinder. „Endlich! Ich möchte wissen, … Oh mein Gott. Du bist voller Blut“, stellte sie mit schriller Stimme fest, in der Empörung, Angst und, in Anbetracht dessen, dass er auf der Badewanne saß und sich nicht auf dem Boden krümmte, auch etwas Erleichterung mitschwang.
Ohne ihr einen einzigen Moment ins Gesicht zu blicken drückte Daniel sich mit einiger Mühe an ihr vorbei aus dem Badezimmer in den Flur, wo die Kinder ungerührt seiner Erscheinung weiter tobten und ihn glücklicher Weise nicht wahrnahmen und wankte halbnackt an der Wand entlang ins gemeinsame Schlafzimmer und schloss die Tür hinter sich. Er hörte durch die geschlossene Tür, wie Jenny mit den Kindern sprach. Er stellte sich vor den Kleiderschrankspiegel und nahm seine schwarze Hornbrille von seiner Nase, die wie durch ein Wunder an ihrer Stelle geblieben war, und rieb sich die Augen. Jenny hatte ihn für verrückt erklärt, als er sein randloses Gestell gegen dieses auffällige Modell ausgetauscht hatte. „Du steckst echt in der Krise“, hatte sie gesagt, und seine Brille dann keines weiteren Kommentars mehr gewürdigt. Ihm wurde weich in den Knien und er wankte zurück zum Bett und legte sich vorsichtig wieder hin.

Diesmal hatte ihn seine Epilepsie mehr gekostet als ein paar Hirnzellen, stellte er fest, als er an sich hinunter sah und eine unberührte Bestandsaufnahme versuchte. Offensichtlich war er in sich zusammengekrampft und wie ein Stein zu Boden gegangen. Sein Gebiss muss kurz auf dem Waschbecken aufgesetzt haben. Dafür hatte er Tribut zahlen müssen. Die Zähne hatten seine Unterlippe teilperforiert, das war die Quelle des Blutes, das sich grosszügig über den Boden und sein Kinn und seinen Hals und seinen Oberkörper verteilt hatte. Aber seine Zunge war heil geblieben, Gott sei Dank, er musste Ende der Woche einen Vortrag halten. Er strich mit seiner Zunge über seine Schneide- und Eckzähne und stellte erleichtert fest, dass kein Zahn fehlte oder angeschlagen war. Da keine Zahnstücke im Mund waren beschloss, er dass Blut, das sich immer noch zwischen seinen Zähnen in seinem Mund sammelte, herunterzuschlucken.
Die Tür zum Schlafzimmer öffnete und schloss sich wieder. Jennys Schritte barfuss auf den verdammten Eichendielen. Er lag flach auf ihrer Seite im gemeinsamen Ehebett und lauschte ihren nackten Füßen. Seine Sinne waren immer noch überaktiv. Er roch ihren Schweiß auf dem Kopfkissen, das er zur Seite gedrückt hatte, um flach zu liegen. Er mochte ihren Geruch. Er nahm das Kissen hoch und drückte es sich fest auf das Gesicht und sog ihren spezifischen Jennygeruch ein. Sie schliefen noch manchmal miteinander, immerhin. Oft hatte er allerdings das Gefühl, dass sie lediglich keine Kraft mehr verschwenden wollte, um sich gegen seine Avancen zur Wehr zu setzen. Sie wusste, wie nachtragend er war, wenn er in dieser Beziehung nicht bekam, was er wollte.
Er nahm das Kissen vom Gesicht und sah sie an. Sie setzte sich neben ihn auf die Bettkante. Der Kissenbezug war blutig. Draußen tobten die Kinder über den Flur. Sie hatten etwa vier Minuten, bis eines zu schreien beginnen und Jenny aufspringen würde, um den Streit zu schlichten. Manchmal fragte er sich, was geschehen würde, wenn sie die Kinder einfach einmal streiten lassen würde. Kaum vorstellbar. Noch weniger vorstellbar, dass er dies vorschlug. Mit einem gewissen dramatisch gesteigerten Selbstmitleid aber in der Sache nicht unzutreffend dachte er, er könnte auch im Sterben liegen, Jenny würde aufspringen und ihn sich selbst überlassen, wenn eines der Kinder zu schreiben begann.

Jenny saß neben ihm und sah ihn an,als könne sie seine Gedanken erraten. Wahrscheinlich konnte sie es. Ihre Aufmerksamkeit war halb bei den Kindern, die jetzt irgendeinen Gegenstand über den Flur schleiften, aber sie blieb noch bei ihm und ihr Gesicht war ernst und aschfahl. Er wusste nicht, ob es Ärger oder Sorge war, die sich in ihrer Mimik zeigten, aber er hoffte auf Ärger und sah ihr fast erwartungsvoll entgegen. Ein Streit würde ihn jetzt beleben, spürte er. Sie aber saß auf dem Bettrand und strich ihm einfach über das Haar. Sie liebte ihn also immer noch. Aber sie wusste doch genau, dass er sich verändert hatte und auch, dass er sich unabänderlich weiter verändern würde. Sie hatten oft darüber gestritten, wie wenig Anteil er an allem nahm, was sie schließlich gemeinsam gewollt hatten. Er hatte sich nie so weit hinausgewagt zu sagen, dass es ihr Plan gewesen war und er ihr einfach nur keinen Widerstand entgegengebracht hatte. Dein Plan, Jenny. Ein schöner und unorigineller Plan, der nicht zu dem Mann passte, der er eigentlich hatte sein wollen, aber den er jetzt auch schon nicht mehr wirklich erinnerte. Jenny war nicht dumm und sie war auch nicht uninteressiert. Schließlich war sie seine beste Studentin gewesen, bevor sie die Göttin seines Tisches und Hauses wurde. Sie erkannte daher, dass er nicht mehr so wie früher schrieb, dass er nicht mehr in dem Glauben schrieb, dass es einen Unterschied mache, was er schrieb, sie wusste besser als die anderen, dass seine Arbeit im Institut ein Vorwand war, sich nicht an den Schreibtisch zu setzen, und zugleich ein Vorwand, nicht nach Hause zu kommen. Und sie, seine strahlendste Eroberung, die Mutter seiner kleinen Kinder, die Göttin seines Hauses? Er benutzte sie mit warmer Zuneigung, aber er nahm sie nicht mehr wahr, nicht einmal die Kratzer, die sie über der rechten Flanke hatte, waren ihm am Vorabend aufgefallen, als sie sich gemeinsam im Bad entkleidet hatten, obwohl sie sich keine Mühe gemacht hatte, sie vor ihm zu verbergen.

Aber in diesem Augenblick war das nebensächlich. Jetzt war sie voller Sorgen und wohl dennoch mindestens ebenso zornig auf ihn, aber sie blieb stumm. Er konnte ihre Gedanken auch so hören, aber er war noch zu schwach, zu antworten, sie herauszufordern, den Streit zu provozieren, den er wollte.

Er hörte ihre Gedanken. Wie konnte er sich dieser Gefahr aussetzen? Sie war sicher, dass er seine Medikamente nicht genommen hatte, sie wahrscheinlich über irgendeiner seiner Unternehmungen vergessen hatte. Er war so nachlässig, er nahm nichts jemals ernst, nicht einmal sich selbst. In diesem Jahr war das schon der dritte Anfall. Sie hatte ohnehin keine ruhige Minute mehr, wenn er unterwegs war. Was würde passieren, wenn es das nächste mal auf einer Treppe passierte oder beim Autofahren? Was dann? Was, wenn er jemanden verletzte oder tötete, was, wenn er sich selbst verletzte und ein Pflegefall wurde, was dann, was passiert dann mit mir? Was passiert mit den Kindern? Denkst du an so was? Aber sie fragte es nicht laut, denn der Gedanke, der folgte, der immer folgte, wenn sie so weit gedacht hatte, war schrecklich und sie schämte sich. Sag es doch, Jenny, dachte er , sags doch, dann können wir uns jedenfalls streiten, und ich bleibe im Recht, denn diesen Streit kannst Du nicht gewinnen. Ich weiss, was Du denkst: Wenn es passiert, so wäre es das beste, wenn ich mich selbst totfahren würde, das denkst Du, gib es doch zu, mich selbst, und niemanden sonst, und Du und die Kinder hättet dann die Lebensversicherung, wäret abgesichert, müsstet Euch keine Sorgen machen. So lange sie niemandem sagten, dass es schon der dritte Anfall innerhalb einen Jahres war, und er nachlässig mit seinen Medikamenten war. Aber Jenny streichelte nur sein feuchtes Haar und blieb stumm.

Mr. Letterman keeps a secret

 

Mr. Letterman was the kind of man who found find intrinsic value in reflection and contemplation and had allowed this inclination to become the building structure of his life. This was why as an undergraduate student even with law school in mind he had chosen to study philosophy rather than economics and had concentrated on 17th-century philosophy which he found particularly intriguing because it answered to his own temperament. He had studied Descartes, Locke, and Newton, and had read Kant as well as Goethe, Voltaire, Rousseau, and Adam Smith. He cherished reason and individualism as the core values of enlightenment.
He knew quite well how difficult it was to actually live an individual life as he understood it, starting with an education that gave a student time to acquire the ability to distinguish individual choices from prefabricated ideas. He had been a keen observer all of his life, and since the late Eighties had noticed the changes imparted by a growing globalized market on American cultural habits which had been in fluid transformation of very different heterogene cultural movements since the late Sixties but now were anastomosing into more or less one all-emcompassing stream of consumer culture. Since then, or so he was convinced, increasingly suggestive marketing strategies had been skillfully reducing individual freedom more or less to the act of choosing between different consumer goods. According to the logic of the market commercial success was the gate to freedom as it allowed access to consumer products, and striving for the possession of consumer goods had been accepted as the ultimate meaningful pursuit in life. People now spend most of their time working and earning money to spend on such consumer goods and if their work in itself happened not be meaningful, there was little time left to construct meaning from whatever was left over to their private discretion. Consumer goods as carriers of a lifestyle that few could integrate into their everyday routines were tailored to fill the void of the un-lived life while at the same time creating the desire to acquire even more goods, more things to throw into the abyss of time.
Mr. Letterman knew that poverty enslaves families, condemning generation after generation to a living on low wages and social security, that people as intelligent as he considered himself to be had to forego higher education and work hard, repetitive jobs, wasting their potential, that he himself, due to fortuitous social circumstances, had been allowed to develop. He knew that in low incomehouseholds – among other things – there was indeed also a lack of needed consumer goods from food to clothing to furniture to kitchen appliances to books. But he also knew that it was not the lack of consumer products that was most painful consequence of low incomes but the lack of education and access to the many sources of meaning that were reserved for those who knew how to decipher the code. Higher education was an expensive privilege. He was not fighting for social justice per se even though he was representing a fair share of pro bono cases. But he kept aware that he did not earn the privilege of an education that was denied to others and he kept a special kind of contempt for people with access to this kind of privilege who nonetheless proved incapable of making individual and intelligent choices.
For him, prerequisite to a mindful life was reading. And the prerequisite to reading well was education. He visited the New York Public Library during late lunch, sometimes just to sit down in the reading room for a while. Since childhood he had loved the gigantic stone lions who guarded the entrance to the Library, Patience and Fortitude. He loved the many different book stores of New York´s neighborhoods.He chose his books with care following his established interests and toyed with the idea to write a book himself if he should ever find the time, a book about the many stories that clients brought to him daily and which were a kaleidoscope of the many brilliant pieces of NYC of but like any passionate reader he was also curious about books and authors yet unknown to him. He loved to rediscover new as well as almost forgotten authors and frequently visited used book stores. He was a regular at Strand´s.
Saturday mornings he liked to stop by at Crawford & Doyle booksellers, a small old-fashioned independent bookstore on Madison Avenue between 81st and 82nd street close to the MetMuseum. After his visit to the book store he walked straight over to the Met where he spend whatever was left of Saturday afternoon, sitting in one of the courts and reading a new book while tourists and New Yorkers walked past him.
Crawford & Doyle booksellers catered to a eclectic  reading tastes, offering a selection of the New York Times bestseller list and the annually published most notable book list yet always keeping the discriminating reader in mind, and offering a plethora of topics including fiction, history, philosophy, biography, religion, politics, lyrics, social studies, art, children´s books and a fine selection of crime novels on the first floor of a space hardly larger than a spacious living room. The store was beautifully stacked with old dark wooden shelves and lower showcases and booktables stacked with books, leaving only small alleyways to pass through and two very narrow benches to sit down.
There was a gallery on the second floor which was, in fact, a book store within a book store, with collectible and rare books, concentrating on first editions of primarily American and British fiction. Mr. Letterman had found first editions of Frost and Yeats upstairs and a small volume of the Dubliners which he treasured and always carried with him as it fit perfectly in the pocket of his overcoat.
Crawford & Doyle was dependable and friendly like an old acquaintance. Customers were entering and leaving the store on Saturday mornings in a lively flow without interrupting the reader in the corner; they politely accommodated one another in the narrow passageways between the displays and conducted short, quiet conversations among themselves or livelier ones with the knowledgeable staff at the register. It was a store dedicated to the art of reading and thus to an enlightened public, readers like himself, in search of the path that was as individual as the reader, leading from one book to the next, choosing one, leaving out another equally deserving one, following an instinct that had formed over a lifetime of reading.
As many customers were regulars Mr. Letterman would see familiar faces on Saturday mornings and got to know the taste and habits of people who remained strangers to him yet at the same time were like family to him, serious readers like himself.  A Saturday morning regular for example was the small lady whose features were so delicate and who moved so lightly that she reminded him of a small bird. She had a special taste for all kinds of political fiction and quite obviously a voracious reading appetite. She would assemble sizable stacks of books to take home, carrying The Reader by Bernard Schlink on top of The History of the Siege of Lisbon by Jose Saramago, followed by Anthony Burgess last novel Byrne, postwar German author Heinrich Böll with a  short story collection titled The Mad dog, and on top of this formidable stack The Three-Arched Bridge by Ismail Kadare who had just recently become a lifetime member of the Academy of Moral and Political Sciences of France.

Mr. Letterman loved to cast a sideway glance at the birdlady´s finds and sometimes he let himself be inspired by her choices. It was through her that he discovered his love for Kadare. He read Ura me tri harqe, The Three-arched Bridge, first published in 1978 because he had spied it on top of her stack, and had continued with Përbindëshi, The Monster, an even earlier work from 1965, which took him some time to find and that he finally discovered in the used-book section of Crawford-Doyle´s just like before the reasure of an author-signed version of Nata me hënë, Moonlight, first published in 1985.
And then there was the girl mainly lingering in the art book section but sometimes straying to children´s books. She was mostly dressed in faded Jeans and an NYU-sweatshirt, wearing her straight dark blonde hair open and pushed back on just one side behind her ears. He had never paid too much attention to her because he did read little on the visual arts, and had no interest in children´s books but he had indeed noticed the girls just as he did notice the other regulars and had inscribed her on his inner map of a particular Saturday morning.

Then one Saturday, something strange had happened. Instead of in her usual spot in the arts he had encountered her in the non-fiction area between philosophy and history. She had taken a somewhat awkward turn to let him pass, misjudging the space between their passing bodies and with an abrupt countermovement had just so prevented herself from running the art volume into his rips . The abrupt movement almost made her drop both of her books, the art book on top of which she had opened another book, using the larger book like a small reading desk. This other book he recognized at once because he owned an earlier edition of it and was familiar with the new one she had been studying before he had interrupted her. After he had passed her unharmed, answering her apologies with a polite apology of his own, she went right back to reading. The book was „The Hedgehog and the Fox“ by Isaiah Berlin. Mr. Letterman considered this an unexpected choice for a girl who would spend most of her time in the arts and children´s book section. Isaiah Berlin had commented on this collection of essays, bearing the title of a fragment from the archaic Greek poet Archilochus. Berlin has said: „I never meant it very seriously. I meant it as a kind of enjoyable intellectual game, but it was taken seriously.“ which struck Mr. Letterman as an appropriate motto for his own well intentioned life that was meant to be light and unattached to convention but that had also turned out a bit different than he had foreseen. A little lonelier than anticipated for example.
The girl looked like the serious kind of girl who preferred reading to going out, maybe a bit too serious for young men´s taste, he thought. She was pale and almost pretty and she squinted her eyed as if she was in need of glasses while reading.
He liked the The Hedgehog and the Fox . It too was an intellectual game in which Berlin divided writers into two categories: hedgehogs, who – like Plato – view the world through the lens of a single defining idea, and foxes – like Shakespeare – who draw on a wide variety of experiences and who pursue multiple ideas simultaneously that were all but incompatible with each other but coherent in themselves, representing Berlin´s irreducibly pluralist ethical ontology. Mr. Letterman suspected that he himself – unfortunately and despite his curiosity – was more of a hedgehog really, not least due to a certain shyness and his need to keep a steady view of life while the value pluralism that Berlin was able to embrace gave his own ethical system a spinning sensation.
He had been curious if the girl would actually purchase the book or had just been attracted by the whimsical title. It was a hardcover edition though and bound to be expensive, probably around sixty Dollars, and so, even if she decided against it, it might not necessarily tell him much about her intellectual preferences. Still, his curiosity was aroused, also she seemed vaguely familiar, and so he gave her a sidewards glance every once in a while.
After a while she closed the Hedgehog and the Fox carefully, but did not put it back. Instead she pulled out yet another book from the shelf, this one slender with a marbled green-greyish paper cover over a frayed soft cardboard binding and a light green title tag glued to the front like an old fashioned school notebook. There was no dust cover.

The first thing he thought as he looked at the small book was that he must have overlooked it (because he knew all the books in that shelf and noticed new books right away when he got to it), the second thought was that it must have been displaced because quite obviously it belonged in the used book section. The girl put the art book and the Hedgehog and the Fox down on top of the fairly low shelf and gently opened the marbled book in order to spare the book spine from damage. By the way she handed the book he could tell that she was used to handling books.

He stepped a bit closer, randomly pulling out a book of his own and looking over to her again, smiling in case she should meet his gaze but she didn´t. She was fully concentrated on her book and did not look up or showed any other sign of awareness of his presence. He therefore dared to move a little closer still in order to identify the book and saw that the volume did indeed not belong in this shelf. The gilt letters on the title, partly obscured by her hands he deciphered as Ri- – o-nn- – Orph – -s and concluded that she had found a treasure, Rilke´s Sonnets to Orpheus. He knew the publishing house´s signature marble cover, a German Publisher called INSEL, the Island.
The girl became even more interesting to him now as she seemed transfixed by this new book, caressing the paper while turning the pages. Quite suddenly she looked up as if she had grown aware of his observing look. She looked directly at him and smiled. For a moment he was startled by her sudden awareness, but then he returned her smile. I am German, she said, it´s strange to read Rilke in English translation. She said this as if  they had been meeting before and this was just one out of many remarks that had already passed between them. Well, he answered, I envy you, my German is very limited and I would not be able to read Rilke if his work hadn´t been translated. That is a nice edition you found. Someone must have placed it in the wrong shelf.
She smiled again, lowered her voice and then continued the conversation  with an even more personal tone. -Will you keep a secret if I recited some lines from my favorite Rilke poem in German to you? Her English was excellent with only a slightly rough edge that gave away the German native speaker. He considered the question. He was curious and so he nodded. She briefly closed her eyes and, reopening them, looked straight at him again and started with a clear if still quiet voice, not at all like a schoolchild reciting a poem by heart, as he had half expected. Though clearly in verse it did not sound like a recitation of a poem at all, more like an intimate confession. He could make out single words, colors like Grün and Blau and simple words like Sommer and Sonne und Frau, and names of places places like Venice and Kasan, Rome and Florence, Kiev and Moscow, but the rest to him was like a strange music, beautiful and raw.

Und du erbst das Grün vergangner Gärten und das stille Blau
zerfallner Himmel
tau aus tausend Tagen
die vielen Sommer, die die Sonnen sagen
und lauter Frühlinge mit Glanz und Klagen
wie viele Briefe einer jungen Frau
Du erbst die Herbste, die wie Prunkgewänder
in der Erinnerung von Dichtern liegen,
und alle Winter, wie verwaiste Länder,
scheinen sich leise an dich anzuschmiegen.
Du erbst Venedig und Kasan und Rom,
Florenz wird dein sein, der Pisaner Dom,
die Troïtzka Lawra und das Monastir,
das unter Kiews Gärten ein Gewirr
von Gängen bildet, dunkel und verschlungen, –
Moskau mit Glocken wie Erinnerungen, –
und Klang wird dein sein Geigen, Hörner, Zungen,
und jedes Lied, das tief genug erklungen,
wird an dir glänzen wie ein Edelstein.

Es geht noch weiter, she said, after a pause, then realized that she had spoken German, repeated: – This is not where it ends, but I think this is good for now. He smiled warmly and bowed to her. She gave a small laugh and answered: – Now for my secret. He replied: – But that would be two gifts then, implying that the poem had been a gift and he had appreciated it, but she did not pay attention to him as if she was in need of depositing her secret whatever it might be with someone, just anyone, maybe the first person she met who liked Rilke.

He felt a bit uneasy, because the encounter had become personal and he did not know whether he wanted to be burdened with a private detail. – You see, she commented as if she had been following his thoughts, – the second one is not a gift, it is a fair and square deal. But don´t be afraid, it´s just an insignificant small thing I am going to tell you, quite childish really, and he felt ashamed that he had been nervous.

She continued with a hushed voice and in a slightly pedantic tone, her German accent now more apparent that she had recited the Rilke poem, – I cannot afford to buy this book, it´s really quite expensive. It´s a first edition, published in 1923, and it is absolutely beautiful. I do spend money on books as you can see, but this one´s out of my reach. So I took it from the rare book section down here and placed it in social studies because I figured chances are that most people interested in social theories and politics and history would not much care for poetry and so it would be awhile until it either found a buyer or the clerks put it back where it belongs and until then I can look at it. These editions normally go very fast. Now, there it is, my secret, and I am going to put the book back on the shelf right next to Isaiah Berlin because he was fluent in German and would be good company to Rilke. I hope you will keep my secret because then I will be able to enjoy this a little longer and all the more now because it is a shared secret now.
Mr. Letterman watched her shelving the book neatly, holding on to his own books tightly to steady himself. He was feeling troubled. He did not know whether he felt disapproval or interest in the girl or both he was at the same time curious and uncertain as to how the situation would continue, asking himself whether she would expect him to answer to her confession and what to say, and whether he was to be her accomplice in the crime or give her some fatherly advice. Surely this was not a grave violation of ethics, not as bad even as hiding a book at the law library to prevent other students from finding specific titles that were relevant for a semester assignment as was a bad habit of some of his fellow students at law school. Surely, there was something intriguing about a girl her age who knew Rilke by heart and seemed to know a bit about Isaiah Berlin as well, already knew this before she opened The Hedgehog and the Fox. Surely, he did not normally seek out young girls for literary conversations and confessions, and he felt at insufficient and uneasy and overall insufficiently prepared for such a situation, which in turn made him feel irritated and at a loss for words. But she just turned around, smiled at him once more, but now in a polite and distant way that betrayed nothing of the intimacy they had shared just a moment ago and with a small nod of the head, walked over to the register to pay for her two books. He looked at the shelf where the small grey-green volume nestled up to its neighbor, like an ordinary, out of the ordinary secret, a secret quite different than the ones he was entrusted with every day save Saturday and Sunday as a lawyer. When he looked up again the girl had left the store leaving him behind with their shared secret. Should he take the book out of the shelf like a good schoolboy and carry it back to the rare book section? But nobody had made him the guardian of the books after all and the clerks, as she had said, were bound to find it sooner or later, so there was no harm done, really. After giving this some consideration he still didn´t feel right about it, and he still felt angry with her for leaving  him with  choices that would put him in the wrong no matter whether he decided it one way or the other. Finally he turned his back on Rilke and Berlin and started browsing in the opposite shelf, in History. He pulled out Herodotus who was shelved properly and leafed through the pages until he found his favorite part, the story of Candaules and Gyges. When he had finished reading it and Candaules had been killed and succeeded by Gyges, he had successfully willed himself to forget about Rilke, and about the secret and about the girl. Or so he thought. Thus he kept the secret. Thus the trouble began.

Das Möbiusband

K fährt vorsichtig mit der Spitze ihres Zeigefingers an der goldenen Schlinge entlang. Der Anhänger ist das kunstvolle Modell eines Möbiusbandes, ein mathematisches Fingerspiel. Ihr Großvater, Nicolai Rieper, hatte es für seine Frau anfertigen lassen, lange vor Ks Geburt. Es … Continue reading

Die Radbruchsche Formel und Restitutionsansprüche

Notiz: Radbruch zum gesetzlichen Unrecht und der Natur übergesetzlichen Rechts. Nach der sogenannten Radbruch’schen Formel entschied das BVerfG 1968,  dass die Akte der Vermögenseinziehung unter den Nationalsozialisten nicht isoliert, sondern nur in ihrem Kontext der Vernichtung von Menschen zu bewerten seien und der BGH, dass diese Akte “niemals Recht, sondern von Anfang an das Gegenteil, nämlich krasses Unrecht waren.” Allerdings legte der BGH zugleich dar, dass die alliierten Rückerstattungsgesetze – auch wenn sie faktisch einen weiten Ausschluss konkreter Rückgabebegehren bewirkten, rechtmäßig waren – da sie die wieder  herzustellende Rechtssicherheit als eines hohen Gutes des Rechtsstaates zu schaffen geeignet gewesen seien. Die Frage bleibt bis heute: wenn das Unrecht so krass (Wortlaut der Entscheidung) war, dass die Unerträglichkeitsklausel Radbruchs zur Anwendung kommen konnte (und daran besteht kein Zweifel), wie anders als durch vollständige Wiedergutmachung konnte ihm auch in rechtlich hinreichender Weise geantwortet werden?

Und weiter: der Rechtsfrieden, der derart wieder hergestellt wurde, war nicht der Rechtsfrieden derjenigen, die ihres Lebens, ihrer Lebenswerke und ihres Vermögens beraubt wurden. Wie die Erben Max Sterns es formulieren: Rechtsfrieden auf Seiten der Opfer des nationalsozialistischen Regimes kann erst mit Befriedung der Ansprüche durch Restitution geschehen.

Sehen wir in die Passage des BGH, mit welcher im Jahr 1953 der Rechtsfrieden der jungen Bundesrepublik mit den Folgen einer umfassenden Aufarbeitung und Restitution aufgewogen wird, so bleibt der Eindruck einer gewissen Hast. Hier heißt es in einer für eine BHG Entscheidung recht nachlässigen Sprache (siehe: “Rechtswirrwarr”): “Dadurch, dass der nationalsozialistische Staat in der Lage gewesen war, seine Akte des Unrechts viele Jahre mit allen ihm zur Verfügung stehenden Machtmitteln durchzusetzen, waren deren Auswirkungen auf allen Lebensgebieten so weittragend und tiefgreifend, dass nur ein neuer Rechtswirrwarr entstanden wäre, wenn die Rechtsordnung über die nun einmal entstandene Tatsachen einfach durch Nichtbeachtung hinweggegangen wäre. Die Entwirrung des durch jene Unrechtsakte geschaffenen Chaos konnte vielmehr nur durch eine besondere gesetzliche Regelung vorgenommen werden.”  BGHZ 9,34 (44 f.) = NJW 1953, 542

“Weittragend und tiefgreifend” war in der Tat die Aufgabe, die sich der jungen Bundesrepublik in der Aufarbeitung seiner jüngsten Vergangenheit stellte und welcher sie jedenfalls in den fünfziger Jahren nach wohl inzwischen einhelliger Auffassung nicht nachkam. Zu stark war der Wiedereinzug von unter dem Nationalsozialisten tätigen Funktionären in die Ämter der jungen Bundesrepublik. Bequemlichkeit, Wiederaufbaueuphorie, eine fehlende Auswahl alternativer, fachlich kompetenter Anwärter (weil diese ermordet oder vertrieben worden waren) – dies sind die nachsichtigsten Erklärungen der Dynamik jener Zeit. “Weittragend und tiefgreifend” – wie im Grundsatz vom BGH erkannt – wäre das Maß für ein hinreichendes Gesetz gewesen, die aus dem Unrecht resultierenden Vermögensverluste zu restituieren. Wenn das Unrecht derart krass ist, dass die Radbruchsche Formel der Unerträglichkeit zum Tragen kommt, so bleibt das erlittene Unrecht als unerträglich im Sinne Radbruchs bestehen, wenn ihm keine ausgleichendes oder doch wenigstens ausgleichende Gerechtigkeit anstrebendes Recht zur Seite gestellt wird.

Ein Gesetz, dass dies nicht bewirken kann, so bleibt zu argumentieren, hat auch nicht die Kraft das “krasse Unrecht” zu befrieden.

Der Fall Eichmann: Strafrechtliche Verantwortlichkeit für staatlich legitimiertes Handeln

Der Fall Eichmann: Strafrechtliche Verantwortlichkeit für staatlich legitimiertes Handeln.

In der letzten Wochenende-Ausgabe der “taz” (vom 15.03.14) erschien ein Interview zum Thema Restitution von beschlagnahmter Kunst während des Terrorregimes der Nationalsozialisten in Deutschland, das auf zwei langen, anregenden Gesprächen mit der taz-Redakteurin Petra Schellen beruhte, die mir Gelegenheit gab, zu diesem Themenkreis umfassend Stellung zu nehmen. In diesem Interview ist unter anderem in den biografischen Hinweisen von diesem Buch “Nachtwachen” die Sprache, auf das ich seither mehrmals angesprochen wurde. Auf der hier verlinkten Webseite “nachtwachenroman.com” finden sich für den Interessierten Ausschnitte aus dem Roman. Vielen Dank für das Interesse!

Die Bibliothek der Schatten (aus dem Roman: Nachtwachen)

Signature of James Joyce from Ulysses, 1936 Bo...

Signature of James Joyce from Ulysses, 1936 Bodley Head Edition, Copy #3 of 100 (Photo credit: Wikipedia)

Der Urgroßvater hatte sein gesamtes Leben in Schleswig-Holstein verbracht, dennoch war er nach den Darstellungen seines Sohnes des Englischen auf eine Weise mächtig gewesen, die es ihm erlaubt haben musste, Joyce im Original zu lesen. Mit Bedauern empfindet K ihre jugendliche Ignoranz. Sie hatte immer nur ungeduldig darauf gewartet, dass die Geschichte, die der Großvater ihr wieder und wieder erzählte, ein Ende haben möge, so dass sie sich wieder ihrem eigenen Buch widmen konnte. Außerdem war es K von Kindheit an selbstverständlich gewesen, dass Wissen einfach durch beharrliches Interesse erworben wird.

Sie hatte es niemals in Frage gestellt, dass ein Dorflehrer sich in seinem Studierzimmer ganz seinem Interesse an zeitgenössischer Literatur widmen konnte, weil sie auch ihren Großvater in fortwährender Beschäftigung mit Ideen und Wissen erlebt hatte, die ihren Ursprung ausschließlich in seiner Lektüre zu haben schienen. Erst jetzt kommt ihr dies bemerkenswert vor.

Erst jetzt versteht sie, dass die Geschichte, die ihr Großvater ihr erzählte, tatsächlich von zwei Elementen bestimmt war. Die Leidenschaft des Urgroßvaters für seine Bücher, das war nur die eine, die leicht erinnerte Seite der Geschichte. Das andere Element der Erzählung, jenes dass K lange überhört hatte, das sie erst jetzt, in der Erinnerung erfasst, war, dass der Großvater sich immer nach seinem Vater gesehnt hatte. Dass er als Junge einen Vater gehabt hatte, der sich einer Sache mit ganzer Leidenschaft zu widmen verstand, während er sich um seinem Sohn nur mit kühlem Pflichtbewusstsein zuwendet. Er vernachlässigt ihn nie. Aber er ist auch niemals wirklich anwesend. Die Sehnsucht, die den Jungen umtreibt, sieht er nicht. 

Und doch wird auch dieser Sohn, mein Großvater, viele Jahre seines Lebens vor seinem eigenen Bücherschrank verbringen und sich seinen  Ideen widmen, während er als Herausgeber einer lokalen Zeitung landwirtschaftliche Ausstellungen besucht und Anzeigenkunden wirbt. Niemals gibt er seine lebenslange Suche nach einer Erklärung dafür auf, dass Ideen die Macht haben, den Lauf der Geschichte zu bestimmen, zum Guten wie zum Grausamen. Wer denken würde, dass der Großvater sich in der Folge seiner Laufbahn eine kryptofaschistische Bibliothek zusammengestellt hätte, um der verflossenen Zeit des NS-Regimes hinterher zu trauern, befände sich im Irrtum. Dennoch ist es eine komplizierte Sammlung von Titeln, die K nach seinem Tod in den Händen hält und von der einiges nun in ihrer eigenen Bibliothek steht.  Literatur von Halldor Laxness, Anna Seghers, Lion Feuchtwanger, Franz Kafka standen in dem Eichenschrank des Großvaters Seite an Seite mit der Deutschen Geschichte von Golo Mann und Sachbüchern des Spiegel Chefredakteurs Stefan Aust. Bibliophile Ausgaben von Victor Hugo, James Joyce, Ezra Pond, Knut Hamsun und Gottfried Benn hielten seltsame Nachbarschaft mit Heinrich Harrers “Sieben Jahre in Tibet” und “Die weisse Spinne” und dem “Mahabaratha”. Mit dem Bürgerlichen Gesetzbuch und einer Festausgabe des Grundgesetzes.

Und schließlich hatte K eine ganz ähnliche Wissenssuche in den Archiven der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Freien Universität Berlin fortgesetzt. Ohne sich Rechenschaft darüber abzulegen, wonach sie suchte und warum. Eine Suche, die jetzt, zehn Jahre nach dem Tod des Großvaters andauert. Bücher des Urgroßvaters und des Großvaters begleiten sie dabei wie eine Sammlung von Wissen, das sich immer schon versteht. Wie schwer ist es, sich aus diesem Wissen zu lösen und selbst zu denken.

Ob der Dorflehrer Genugtuung bei dem Gedanken empfunden hätte, dass sein Sohn und jetzt seine Urenkelin immer noch mit seinen Büchern leben? Mit Büchern, die er mit dem Rest einer Erbschaft und seinem Gehalt als Dorfschullehrer bei einem Buchhändler in Kiel erworben hatte.  Obwohl er lange vor der Geburt selbst  ihrer Mutter bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen war, hält K es für nicht ausgeschlossen, dass die Leidenschaft dieses Dorflehrers mit ursächlich sein mag an ihrer eigenen Liebe zur englischen Sprache, die sie so weit auf die Reise geschickt hat, an ihrer Leidenschaft für Sprache überhaupt, an ihrer Leidenschaft für Recherche.

Und sie könnte diese Leidenschaft für Bücher und Ideen als ein Erbe der ganz besonderen Art annehmen, diese Leidenschaft für das Wissen über Generationen, wenn sie die Lebensgeschichte ihres Großvaters ignorieren könnte. Wenn sie sich selbst davon überzeugen könnte, dass die Form, welche die Leidenschaft des Urgroßvaters angenommen hatte, nicht den fruchtbaren Boden für die blinden Überzeugungen des Großvaters geschaffen hätte. Und wenn sie nicht befürchten würde, dass tief in ihr derselbe Wille zur gnadenlosen Konsequenz verborgen läge.

„Die Dubliners“, erstmals herausgegeben 1914 in England durch den Verleger Grant Richards, erscheint mit dem Beginn des ersten Weltkrieges. Bereits 1916, Nick Rieper ist 10 Jahre alt, sind Deutschland und Großbritannien Kriegsgegner in einem grauenhaften Krieg, der sich wie Feuer ausbreitet und 17 Millionen Menschen das Leben kosten soll. Wie war es möglich gewesen, dass in einem Winkel Schleswig-Holsteins ein Dorfschullehrer sich den Antagonismen der Zeit gegenüber blind zu sein erlaubte und sich dieses Buch zu seiner persönlichen Bibel erkor? Und wie war dieses Buch, die englische Originalausgabe der Dubliners zu ihm gelangt?

Mehr Fragen auf Umwegen: Das Museum in der Invalidenstraße (aus dem Roman Nachtwachen)

http://nachtwachenroman.com/2013/07/19/das-museum-fur-naturkunde-in-der-invalidenstrase-1986/

Berlin, 13. März 1986

Lieber Großvater,

gestern bin ich mit der S-Bahn nach Ostberlin gefahren, um ins Naturkundemuseum in der Invalidenstraße zu gehen, wie Du vorgeschlagen hast. Ich musste beim Grenzübergang 25 D-Mark in Ostmark umtauschen, Zwangsumtausch. Danke für das Weihnachtsgeld, Großvater.

Germany - 1923 - 2000000 Marks - FrontGermany – 1923 – 2000000 Marks – Front (Photo credit: evilsoapbox)

Ich wünschte, Du hättest mir mehr aus Deiner Berliner Zeit erzählt! Verglichen zum Beispiel mit demSchloss Charlottenburg in seinem sorgfältig rekonstruierten Zustand, scheinen die Museumsinsel oder das Naturkundemuseum  trotz ihrer Größe und zentralen Lage beinahe vergessen, als würden sie hier nur noch geduldet, als sei es eine Frage der Zeit, bis man sich ihrer entledigen wolle. Fontanes Großbürgertum lässt sich, so finde ich,  hier in Ost-Berlin ironischerweise besser beschwören als im Westen, der eigentlich nur noch eine sorgfältig inszenierte Touristenkulisse des zwanzigsten Jahrhunderts zu sein scheint.

Das Naturkundemuseum hat sich gewiss nicht verändert, seit Du in den vierziger Jahren an Deinen freien Wochenenden dort ein- und ausgegangen bist, wahrscheinlich ist seither nicht einmal Staub gewischt worden. Du hast gemeint, das Museum lege Zeugnis ab von der hohen Zeit der Taxonomie in Deutschland Ende des vorigen Jahrhunderts, ein unerschöpfbarer Vorrat an Wissen sei hier gesammelt und dem Volk (Deine Worte) zur Belehrung zugänglich gemacht worden. Du warst empört, als ich erwiderte, ich fände keinen Gefallen an ausgestopften Tieren. Du meintest, es stünde mir nicht an, zu beurteilen, was ich nicht einmal gesehen habe und wolltest meinen Einwand nicht gelten lassen, dass man nicht unbedingt Augenzeuge sein müsse, um einen Sachverhalt zu beurteilen. Das sei nichts als juristische Wortverdreherei, hast Du gesagt, und daraus seien schon viele Missverständnisse entstanden. (Sprichst Du deshalb fast niemals über Deine Zeit in Berlin, Großvater? Oder Allenstein, heute Olsztyn? Oder Stuttgart?

Jedenfalls bin ich also jetzt dort gewesen, um mir selbst ein Bild zu machen. Du hast gesagt, das Naturkundemuseum sei ein Ort, der dem Verständnis des Lebens diene, ich empfand es eher als ein Ort, an dem der Tod präzise kultiviert wird. Taxonomie, Wissenschaft von der Bestimmung, Einordnung und Benennung der Lebewesen. Du zitiertest sogar die Bibel, die Du als Kulturquelle bezeichnest:  Indem Gott, der Herr, die Wesen benannte, rief er sie ins Leben, Namen waren sein Schöpfungsgesang. Als Du dieses Zitat anführtest, musste ich übrigens daran denken, wie auch Du abendlich durch Deinen Garten, Deine Schöpfung, gehst, und Deine Obstbäume, Gemüse, Blumen bei ihrem Namen rufst, “Ihr seid mein.”  Aber zurück zum Naturkundemuseum, und mit Deinen eigenen Worten: Der lautlose Gott wilhelminischer Wissenschaft, indem er bestimmt, einordnet und benennt, zitiert was ist, lebendig ist, in die staubige Stille des Todes in der Invalidenstraße.

Fruchtlose, furchtbare Gelehrsamkeit: Augen aus Glas in ausgebeulten Bälgern, die nur schwerlich vom Staub freizuhalten in den Jahren stumpf und brüchig geworden sind. Das Register des Lebendigen – ein Ort des Todes. Erfasst wird, was die Schlachtung überdauert: die butterbrotpapierne Hirnhaut des Meerkätzchens, der grün schimmernde Flügel eines gepfählten, chitinhaarigen Insekts, Froschhaut eingegossen in einen Teich aus längst vergilbtem Harz, ein Hermelin in blutwilder Königswürde, erstarrt in respektloser Offenbarung, die Flüchtigkeit einer Maus, klein und unbedeutsam in ihrem sezierten Mäusebau, ohne Ausweg in alle Ewigkeit, der Kadaver des mutierten Zooaffen, dessen Namen, Charlie, Du so zärtlich rekapituliertest. Alle in graugrünem Licht mit pedantischer Beschriftung. Mit beziehungslosen, dekorativen Grabbeigaben bedacht. Ein Museum der Monstrositäten.

Augen stieren, aber der Draht, mit dem sie in das Leder gebohrt sind, überträgt keine Impulse in sägemehl-verdichtete Leere. Das sorgfältig konservierte Wesen, das, lebendig, sich nicht darin erschöpft hatte, eine bestimmbare Masse von Herz, Niere und Hirn zu sein, Schnauze, Klauen, Fellzeichnung, denn da all diese Attribute ihm zugeordnet waren, musste es etwas gewesen sein, das außerhalb dieser organischen, des Besitzes fähigen Gegenständlichkeit existiert hatte, dieses Wesen, das möglicherweise mehr gewesen war als eine Funktion seiner zusammenwirkenden organischen Fähigkeiten, dieses Wesen ist jetzt fort. Was immer es gewesen sein mag, das es vermocht hatte, dem Lederbalg den blinden Zweck Leben und Kommunikation einzuhauchen, hat sich Konservierung und quantitativer Erfassung entzogen. Schöpfungsgesang, Großvater. Name und Musik.

Deshalb mutet der Versuch, die lebendige, natürliche Ordnung durch eine Ausstellung von Kadavern zu rekonstruieren, armselig an. Eine gescheiterte, lineare Klassifikation des Lebendigen. Treffend wiedergegeben in wilhelminischer Gelehrsamkeit indes findet sich die erworbene Unfähigkeit des Menschen, das Leben anders als durch seine Besitzverhältnisse wahrzunehmen. Die Zurschaustellung des Toten als etwas vorgeblich Lebendigen erzieht zu eben dieser Taubheit gegenüber der wesentlich komplexeren, reicheren Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen. “ Ich bin fast zu dem Satz gediehen: „Bildung ist ein Weltunglück.““ Fontane.

Hätte man all diese jämmerlichen Reste nicht unter dem rein physiognomischen Anschein des Lebens, sondern als Totes konserviert und ausgestellt! Dort hinge das Hermelin schlaff über den dürren Ästen. Hier rönne der Maus die blaue Zunge aus dem Mäulchen. Der verwucherte Gorilla läge mit ausgehöhlten Augen zusammengekrümmt auf grünem Kachelboden. Unter Glas krampfte das haarige Insekt zu einem schillernden Häufchen. Ist das Naturkundemuseum nicht eine Prophezeiung dessen, wessen sich der Mensch im kommenden zwanzigsten Jahrhundert an seiner Schöpfung fähig erweisen wird – und dem Menschen?

Marcel Proust in 1900Marcel Proust in 1900 (Photo credit: Wikipedia)

Die umgetauschten 25 DM habe ich übrigens beim besten Willen nicht ausgeben können. Unter anderem habe ich Bücher gekauft, eine kleine Ausgabe Anatol France, Das Rosenholzmöbel, Philipp Reclam jun. Leipzig, und habe in einem Musikgeschäft unter den LindenKlavierpartituren für meinen Nachbarn Robert Nass abgeholt. Im Austausch für diesen Botengang hat mein Nachbar Robert mir den ersten Band von Proust “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” in einer kleinen rot-marmorierten Ausgabe von Insel geliehen.  Irgendwie passend, finde Du nicht auch? Auch ich suche nach der verlorenen Zeit. Nur dass es nicht meine verlorene Zeit ist, sondern Deine.

Jetzt fängt das Semester bald wieder an, ich habe meine große Zivilrechtshausarbeit gestern gerade rechtzeitig abgegeben und werde die nächsten zwei Wochen im Institut arbeiten, um noch etwas Geld für das Semesterende zu verdienen. Im Sommer können sie mich glücklicherweise wieder als Lektorin für 40 Stunden in der Woche beschäftigen, damit dürfte das nächste Semester gesichert sein!

Deine Katja 

Die Banalität der Zeit als Gegenwart (aus dem Roman: Nachtwachen)

Die Banalität der Zeit als Gegenwart

Stamp Hannah Arendt

Stamp Hannah Arendt (Photo credit: Wikipedia)

Den Großvater zu verstehen heißt nicht zwangsläufig, eine ganze Generation zu verstehen, heißt nicht, Deutschland während der Zeit des Nationalsozialismus zu verstehen. Aber dennoch scheint es K unausweichlich, auch nach ihrem eigenen Großvater zu fragen. Seit der Lektüre von Hannah Ahrendts Buch “Die Banalität des Bösen”, das sie während ihrer Seminararbeit zum Fall Eichmann  studiert hatte, hatte sie die Idee verfolgt, gerade dem Banalen, der Alltäglichkeit  in der Biographie ihres Großvaters nachgehen zu wollen. Wobei sie nicht notwendigerweise nach der Alltäglichkeit des Bösen in der Biographie des Großvaters suchte, sondern eher nach der scheinbaren Bedeutungslosigkeit alltäglicher Entscheidungen oder dem kumulativen Effekt vieler scheinbar banaler Entscheidungen zu einem unveränderlichen, verheerenden Ganzen, eben nach der Banalität der Zeit, wenn sie als Gegenwart daher kommt, und vielleicht auch nach ihrer Gewichtigkeit, wenn sie vergangen ist. Nach der banalen Abfolge von als Anekdoten und Geschichten wiedererzählten Ereignissen, die angeblich die Entscheidung für die NSDAP vor 1933 als ein nahezu natürliches Ereignis erscheinen ließ. Weltwirtschaftskrise. Hunger. Hoffnung. Aufrüstung. Krieg. Erzählt in Ereignissen der einzelnen Tage, während derer sie sich zutrugen.

Sie suchte auch nach einer Erklärung danach, warum unter denselben Umständen einer zum Dieb wird und der andere ein ehrlicher Mensch bleibt. Warum Gottfried Benn und ihr Großvater den Nationalsozialisten vorauseilenden Gehorsam geleistet hatten und Klaus Mann die mörderischen Absichten der Partei hingegen von Beginn an verstanden und verabscheut hatte. Die Frage, die sich ihr letztlich stellte, war, ob ihr Großvater nicht doch in die NSDAP eingetreten war, eben weil er das Parteiprogramm und die Absichten der Nationalsozialisten sehr wohl verstanden hatte und sie mit zu tragen bereit gewesen war. Sie wollte verstehen, was den Großvater dazu bewogen hatte, bereits 1931 in die NSDAP einzutreten. Das 25 Punkte Programm der 1922 von Preußen und anderen deutschen Ländern auf Grundlage des Republikschutzgesetzes verbotenen NSDAP hatte als Programmpunkt die Entrechtung der Juden durch den Entzug der deutschen Staatsbürgerschaft  schon enthalten.

K entsinnt sich des späten Bekenntnisses des Großvaters , “man habe den Juden Unrecht getan, auch wenn sie keine Deutschen waren. “Dem Wertheim, zum Beispiel,” hatte er anerkennend gesagt,  “das war ein ganz ausgezeichneter Geschäftsmann.”  Noch über vierzig Jahre später hatte er nicht sehen können oder wollen, dass die in Deutschland verfolgten Juden Deutsche gewesen waren. “Die Nationalsozialisten haben den Juden in Deutschland doch die deutsche Staatsbürgerschaft überhaupt erst entzogen.” hatte sie eingeworfen. “Das musst Du als Juristin doch einsehen, Katja,” hatte der Großvater erwidert, “Es war ja ein wirksames Gesetz, auch wenn es manchen nicht gefiel, aber Gesetz war es doch.”

K konnte dem Großvater höchstens zu Gute halten, dass er sich  nie mit der Floskel verteidigt hatte, “man habe von all dem doch gar nichts gewusst.” Vielmehr hatte er, allerdings auch unter Verwendung des neutralen Infinitivpronomens, gesagt: ” Man habe sich geirrt.” Als habe es sich um einen Rechtschreibfehler gehandelt. Ein Aktenversehen. Und eben: “Das kann Deine Generation gar nicht mehr verstehen, Katja.” Und dann hatte er das Thema gewechselt und wieder aus seiner Kindheit als Lehrersohn erzählt.

Erst jetzt, mit dem Abstand von zehn Jahren seit dem letzten Gespräch, mit dem Abstand des Todes, der zwischen ihnen liegt und der sich weitet wie ein Fluss, der über die Ufer tritt, und dessen anderes Ufer schwerer und schwerer erkennbar wird, erst jetzt, mit dem Abstand von einem Kontinent und einem Meer, kommt es ihr in den Sinn, dass in diesen Geschichten aus dem Dorf, den Geschichten von dem Jungen Nick Rieper vielleicht etwas von dem Alltäglichen der Zeit zu finden ist, das sie damals vergeblich aufzuspüren versucht hat.

Staatsschutzstrafrecht (aus dem Roman “Nachtwachen”)

English: Defense counsel Robert Servatius (for...

English: Defense counsel Robert Servatius (foreground) and chief prosecutor Gideon Hausner (standing) during the Eichmann Trial in Jerusalem. (Photo credit: Wikipedia)

An der Universität hatte K an einem Seminar zum Staatsschutzstrafrecht teilgenommen und den Großvater in ausführlichen Briefen über den Fortgang der Veranstaltung auf dem Laufenden gehalten. In dem Seminar erhitzte Debatten darüber, ob es denkbar sei, dass einer ganzen Generation von Menschen unter Umständen gehandelt hatte, die es ihnen unmöglich gemacht haben sollte, das Unrecht der eigenen Taten zu erkennen oder auch nur zu begreifen, dass sich der Staat, in dem sie lebten, und der Führer, dem sie auf Veranstaltungen bejubelten, einen Völkermord vorbereiteten, diesen gnadenlos ausführten und rechtfertigten. Katja hatte eingeworfen, dass bereits die Fragestellung an sich  fragwürdig sei. Schließlich hatten jene,  die verfolgt und ermordet worden waren, zu jener Generation von Deutschen gehört, der angeblich über Nacht das Unrechtsbewusstsein abhanden gekommen war.  Als sei das Wissen der Verfolgten nicht identisch mit dem Wissen der Verfolger. Als habe es sich um zwei unterschiedliche Generationen gehandelt.

Bei einem Besucht hatte Katja hatte dem Großvater die am häufigsten vorgebrachten Argumente vorgetragen. Es gab jene, die sagten, dass der einzelne seine eigenen Vorstellungen von Recht und Unrecht immer nur an den  bestehenden staatlichen Vorstellungen und Gesetzen bilden kann. Man könne es schließlich nicht jedem einzelnen zumuten, ständig die Gesetze in Frage zu stellen. Jemand hatte dagegen den Literaten Klaus Mann und sein scharfes Urteil über Gottfried Benn und die Nationalsozialisten ins Feld als Beispiel in die Diskussion eingeworfen. Klaus Mann habe Benn vorgeworfen, sich denjenen angebiedert zu haben, “deren Niveaulosigkeit absolut beispiellos in der europäischen Geschichte ist und vor deren moralischer Unreinheit sich die Welt in Abscheu abwendet.” Es sei, mit anderen Worten, offenbar möglich gewesen, sich ein unabhängiges Urteil über die Nationalsozialisten zu bilden. Andere hatten auch auf Dietrich Bonhoeffer und Sophie Scholl hingewiesen. Auf von Stauffenberg,

Der Großvater hatte ihr tatsächlich zugehört. Schließlich hatte er gesagt: “Das ist doch alles so lange her, Katja. Man muss ja auch mal vergessen können. Ich weiß nicht, warum sie Euch immer wieder dazu anhalten, die Vergangenheit aufzurühren. Das macht doch niemanden wieder lebendig. Aber so viel will ich Dir sagen. Ich stimme mit Deinem Professor überein. Hitler hat sich geirrt, das wissen wir jetzt. Was den Umgang mit den Juden anging. Es war unmenschlich und auch grausam, das war es. Auch wenn es sich nicht um Deutsche handelte. Es waren ja Kinder und Frauen dabei. ” Als Katja gefragt hatte, ob die Männer in den Konzentrationslagern weniger grausam zu Tode gekommen seien, war der Großvater abrupt aufgestanden und hatte das Zimmer verlassen. “Das brauche ich mir von Dir nicht anzuhören, Katja,” hatte er konstatiert. “Du bist doch nur ein junges Mädchen, davon verstehst Du doch gar nichts, das ist nicht Frauensache, über die Soldaten und Männer zu urteilen, die ihre Pflicht getan haben. Auch nicht, wenn Du jetzt Juristin wirst. Wir hatten schon die Nürnberger Prozesse. Und jetzt wollen wir endlich ein wenig Rechtsfrieden, das kannst Du auch mal nachlesen, was das heißt.” Ende der Diskussion.

Bis ans Ende seines Lebens war er der unerschütterlichen Überzeugung geblieben, dass „die Juden eben anders“ seien. Das liest sie auch mit dem Abstand der Jahre wieder einmal aus seinem Brief. Sie erinnert sich auch an andere Bemerkungen, mit denen er sie zu überzeugen suchte, dass er keine Vorurteile gegen Juden habe, dass er nichts “gegen Juden habe”: „Sie sind nun mal sehr viel intelligenter als wir, Katja, sie sind uns weit voraus. Sie sind halt ein altes Volk. Das darf man doch wohl  so sagen. So ist es nun einmal. Man kann es ja sogar in der Bibel lesen.”  Als Katja ihm vorgehalten habe, auch in dieser Äußerung zeige sich Rassimus (sie hatte feige gesagt: “in Äußerungen wie dieser”, nicht: “in Deiner Äußerung”), hatte er sie verzweifelt angeschrien: “Was willst Du denn eigentlich von mir, Katja? Was soll ich denn noch sagen?” Es war kein Verstehen zwischen zweien, die nicht einmal wussten, worüber sie eigentlich sprachen und zu welchem Ende und warum.

Als Hitler die Macht ergriff, war der Großvater 27 Jahre alt gewesen. Ist es möglich, hatte sich Katja gefragt, dass man als erwachsener Mann oder als erwachsene Frau so bereitwillig eine Ideologie verinnerlicht, dass sie einem zum zweiten Wesen wird? Dass man sie niemals mehr abstreifen kann? Oder war Deutschland nicht schon vor Hitler, vielleicht schon seit 1918, vielleicht schon vor 1914 bereit gewesen, sich in einen neuen Krieg zu stürzen, in einen Krieg von ganz neuen, ungeahnten Ausmaßen? Das industrielle Zeitalter wartete darauf, seine Waffen zu erproben.

Wie weit zurück reichte der Rassismus des Großvaters,  wo waren seine Wurzeln, überlegt K. K muss in seinen Briefen erkennen, dass der Großvater bis ins hohe Alter versucht hatte, seine eigene Biografie mit dem Urteil der nachfolgenden Zeit, der Zeit seiner Kinder und Enkel, auszusöhnen, und dass er entgegen seiner eigenen Bemühung dennoch nicht in der Lage gewesen zu sein schien, zu beurteilen, worin das eigentliche Unrecht des Schreckensregimes, dem er gefolgt war, bestanden hatte, und welches seine Voraussetzungen gewesen waren. In dieser Hinsicht war ihr der Fall Eichmann, der Gegenstand ihrer Seminararbeit gewesen war, erschreckend vertraut vorgekommen.Sie glaubt nicht, dass der Großvater, den sie bei anderen Themen als gebildeten, artikulierten und selbstbewussten Mann erlebt hatte, mit der Machtergreifung Hitlers unreflektiert eine vorherige Identität abgelegt hatte, um sodann zu einem glühenden Anhänger Hitlers zu werden wie es auch gleichzeitig viele andere taten. Sie glaubt, dass die Ideologie Hitlers auf eine abwartende Haltung getroffen war, in der bereits die unbedingte Bereitschaft gelegen hatte, mit bitterer Konsequenz einen neuen Krieg zu führen. Sie glaubt, dass Hitler nur noch schlafende Hunde geweckt hatte.

Art and me, or: The crowd at my breakfast table

Wer guckt da durch?

Art and me, we have a strange and very complicated relationship. I have been chasing it with determination and desperation, and it has cold-heartedly denied me. The pain of rejected love is cruel, but I submitted to it only so long. I retreated, admitting defeat was the most dignified thing to do in this situation, I thought, and I became a lawyer. But then, surprise, instead of going its own way, art took up a habit of following me instead, never quite disappearing out of sight, yes, I would say, teasing me, challenging me.

Eventually, we made up, kind of, since then I have been treating it with respectful nonchalance,and it has been faithfully and annoyingly waiting for me ever since at the breakfast table, casually asking me: “So, what are you up to today?”, not being offended by my silence while I am hiding behind my crucially important notes for the day, while I am all business, anticipating legal arguments and dictating the first legal brief in my mind, instead asking again, equally casually: “Mind, if I tag along?”, and I – with an air of studied indifference respond: “Sure, why not?”, and out the door we rush.

And when I come home in the evening and I open my very important briefcase out tumble bits of this and that, drawings on note paper, done while I was on the phone, creatures with big eyes while I was thinking about security of data transmission, one of my new wooden drawings “Watch out while you are being watched” over a quick coffee break. At home I don’t know how to archive the mass of these  bits and pieces anymore, nor where to store the heap of casual paintings done at night, JUST because, and during every free moment and I feel like I imagine the husband must be feeling who doesn’t quite know whether he is cheating on his wife when he spends time with a female friend his wife is well aware of or whether he is cheating on said female friend when spending quality time with his wife.

Garbriel Lorca, the beautiful Spanish poet who was murdered by the Nationalist Forces shortly after the beginning of the Spanish Civil War in 1936 – who really was a much better poet than an artist expressed it very much the same way, because he loved drawing, tenderly calling it his “mistress” while he stayed married, of course he did, to his writing. I remember reading in a small, illustrated Lorca volume I had bought at the Heinrich Heine Buchhandlung at the main train station of the Berlin Zoo station – a book store that was as great and complicated and deep and full of books and ideas about books as it could possibly get, probably a dependance of Borges library. I was twenty and attending classes by Prof. Robert Kudielka at the HdK, the University of Fine Arts in then still Westberlin – while actually meaning to study law at the Free University. You see, from the beginning this was a complicated thing and the small Lorca volume seem to me like an announcement of something I was not ready to grasp yet. I still own it.

I got constantly side-tracked during those years because of places like the Heinrich-Heine book store where they absolutely supported the idea of spending your entire cash worth a month of earnings at  some student’s job on a heap of books you could just so carry to the register – after first staying for what seemed like days in the sacred railway catacombs, resembling a labyrinth of overpacked shelves. You’d come out with marvelous finds, books that had been hiding for decades, books unknown even to the book seller, and you and the book seller would jointly rejoice in the find, and the book seller would come up with a fantasy price for the book because the one displayed on the inside of the cover seemed – unreal. 51 cents, Pfennige, or something like this. So, you’d pay 2,50 DM, and it wasn’t a used book, it was a book that had been waiting for you to be the first owner patiently since about 1953, well over a decade before you had been born and even more time before you became literate and then some more.

I got constantly side-tracked because there were the collections of old masters in Dahlem, one S-Bahn station before Thielplatz, my law school station, and you’d only guess that I must be a somewhat decent lawyer for passing my exams besides the fact that getting off the train in Dahlem to for a small detour through the beautiful tree-lines streets of Dahlem as often as not ended up with an entire day in the collections, studying Rembrandt and Baehr and flemish artists instead or, if I made it to class in the morning, not returning from the university’s cafeteria at lunch time because it was located pretty much right next to the collections.

I am actually now practicing law, specializing, surprise, on art and law, and art still has a very sly way of side-tracking me. Maybe it has something to do with the fourteen years I spent in New York, idling away time at the MoMA and the Met, and at Crawford Doyle booksellers. Art has always influenced the Why and Where, has seduced me to accept situations I would not have dreamed of for the sake of studying a Vermeer at the Metropolitan Museum of Art, Calder’s Circus at the Whitney, or rough Miro drawings at MoMA or Gerhard Richter‘s black and white paintings at MoMA, Odilon Redon, Armando Reverón, Richard Serra, Lucian Freud, Swoon, Kiki Smith, Marina Abramović, Nancy Spero, my appetite may have been more voracious than discerning, but it found nourishment as I found distraction from more pressing questions and challenges and time passed swiftly as I was holding still, holding still and just looking and looking.At times that seems my main occupation. Looking. Thinking. Understanding. Reversing. Looking again.

Sometimes now I suspect that I do what I do – including law – because of art not despite, but I am loath to follow up on that suspicion. For now, I like the casual question in the morning, the uncertainty, the “Wow, this is still going on” and with as much determination and desperation as ever before. One could not ask for better. Want me to tag along. Sure.

By the way, above drawing is one done on the side, complementing a serious legal interest of mine. Even as I write this blog. Who is watching you? I am still married to the law. But if you made you way through to here, you realize that I as I have spoken about “art” as a single occupation I have really referred to two loves: Writing and painting. Now, that is – almost – too much for one life. definitely for one blog article that is already stretching the limits of a reasonable article’s length.  It’s a bit crowded at the breakfast table at times.