Erzähler jenseits der A7

Für mich stellt sich auch immer wieder die Frage, ob ich in den Ideen, mit denen ich mir die Welt erzähle, überhaupt noch vorkomme. Denn es gibt ja auch die Versuchung, sich aus der Welt heraus zu erzählen, die Welt gläsern, schön und fern zu erzählen. Wie  schaffe ich es, dass die Figuren lebendig bleiben und Menschlichkeit atmen trotz des dahinter liegenden erzählerischen Motivs?

Es gibt das vorwegnehmende Schreiben im Kopf, wenn sich das  allgemeine Denken ablösen lässt durch die innere Erzählstimme. Auch dieses Schreiben unterliegt der Versuchung, sich aus der Welt zu erzählen. In den letzten Wochen habe ich viele Stunden im Berufsverkehr auf der Autobahn und auf Umleitungen verbracht, begleitet von dem Gedanken an den Text, der zuhause wartet, und von DLF, DKultur, Lesungen, Lang Lang, dem ungeduldigem Wechsel von Straßen, Radiostationen, Hörspielen zerschnitten, während ich im Stau stehe oder den Stau umgehe, was annähernd ebenso schmerzhaft ist.

Im Stau stehend lässt es sich zwar weder denken noch im Kopf schreiben: man beobachtet und wird beobachtet. In den Wagen auf der anderen Spur, an denen ich im Zeitlupentempo vorbeirolle, sehe ich die ganze Vielfalt des Lebens im Miniaturformat, Schachteltheater: Fahrer, die vor Verzweiflung ins Lenkrad beißen. Fahrer, die schon mal duschen und Zähne putzen oder den Hund ausführen, oder Klavier spielen, kirchliche Trauungen in SUVs und einvernehmliche Scheidungen in VW Polos von 1998, eine Geburt auf Kilometer 96 Richtung Flensburg, ein Altenheimpicnick in einem behindertengerechten Transportbus und das Set für eine Pornofilmproduktion in der Kabine eines Lkw.

Nach der Flucht von der Autobahn und während ich mich auf Umwegen über Land verliere, beginne ich jedoch im Kopf zu schreiben, Bibliotheken unveröffentlichter Bücher.  Alle Strecken Richtung Norden sind von abfahrendem Verkehr verstaut, also kreuze ich wie ein Segler vor dem Wind und gerate auf Wald- und Feldwege. Es ist die Stille und Leere der Straßen, sie weckt die Stimme, die sich die Welt erzählen will.  Sie erzählt sich den Wald im Abendlicht, die dunkelgrünen Schatten noch vereinzelt golden gesprenkelt. Sie erzählt den Luchs am Wegesrand. Noch nie zuvor habe ich einen Luchs gesehen, aber ich erkenne ihn aus meiner Grundschulfibel, wo er unter L, Luchs, mit feinem Pinselstrich dargestellt war. Ich grüße ihn innerlich, hier also bist Du, alter Gesell. Er springt über den Entwässerungsgraben und verschwindet geschmeidig im Abendgrün. Zwei Tage, erneut auf der Flucht vor dem Stau, erspähe ich auf einer Weide ein frischgeborenes Kälbchen, kaum mehr als ein Haufen Fell, das schlaff vor der Mutterkuh auf der Wiese liegt.  Ich parke den Wagen am Wegrand, trete an den Weidezaun und sehe der Mutterkuh dabei zu, wie sie ihr Kälbchen anstupst und es zu seinem ersten Aufstehen ermuntert, während die Abendsonne des hohen Nordens meinen unerwarteten Schatten über das Feld und das gescheckte Fell der Kuh malt.

Ich frage nicht, warum ich hier stehe, abseits des eingezeichneten Weges, und mir Kühe ansehe statt nach Hause zu fahren. Es ist ein einsamer Augenblick, Kuh, Kalb, Felder, Schatten, Mensch, Abendlicht, und Akten auf dem Rücksitz. Ein kleines Licht löst sich aus meinem Atem. In der Gemeinschaft würde es sofort versuchen, sich in das kommunale, kollektive Bewusstsein zu integrieren, aber hier steht es eine Weile fragend über dem Feld wie eine schimmernde Seifenblase.

Ich komme nicht umhin zu sehen, dass ich in diesem Bild auch fehlen könnte, Kuh, Kalb, Weide bedürfen meines Schattens nicht. In diesem Augenblick bin ich nur ein Störbild im Horizont eines einheitlichen Geschehens. Leide ich in diesem Augenblick an dem sich aus der Welt schwebenden Bewusstsein, das sich selbst für entbehrlich hält? Ist die Welt nicht schöner, wenn sie fern und gläsern ist, Alltägliches verwoben mit Licht und der Erzähler unsichtbar?

Nächtlicher Brief an einen fernen Freund, zum Glück…

  … Ich nehme dieses ” Sich in die Welt erzählen” sehr ernst. Das Wort, das mit einem Buchstaben beginnt, der Buchstabe, der in einer Linie beginnt. Die Linie, die tanzt, deren Ausdehnung Zeit bedeutet und die sich mit anderen Linien … Continue reading

Sonntag Nachmittag beim Malen: Gedanken für das nächste Kapitel meines neuen Buches, eine Skizze

Sonntag Nachmittag, beim Malen, wenn die Gedanken ohne Ordnung kommen und wie Schatten über die Bildoberfläche huschen. Und so entsteht, nach und nach, eine Idee für  das nächste  Kapitel meines neuen Buches: “Unser Bewusstsein, finden wir es nicht reflektiert in … Continue reading

Schrödinger’s cat – or: On the art of being in multiple locations simultaneously

  After a couple of years working  part time as a lawyer I just started working in a full time position. The first week brought me to about 50 hours and an additional 13 hours commuting time. My brain – … Continue reading

Der Fall Eichmann: Strafrechtliche Verantwortlichkeit für staatlich legitimiertes Handeln

Der Fall Eichmann: Strafrechtliche Verantwortlichkeit für staatlich legitimiertes Handeln.

In der letzten Wochenende-Ausgabe der “taz” (vom 15.03.14) erschien ein Interview zum Thema Restitution von beschlagnahmter Kunst während des Terrorregimes der Nationalsozialisten in Deutschland, das auf zwei langen, anregenden Gesprächen mit der taz-Redakteurin Petra Schellen beruhte, die mir Gelegenheit gab, zu diesem Themenkreis umfassend Stellung zu nehmen. In diesem Interview ist unter anderem in den biografischen Hinweisen von diesem Buch “Nachtwachen” die Sprache, auf das ich seither mehrmals angesprochen wurde. Auf der hier verlinkten Webseite “nachtwachenroman.com” finden sich für den Interessierten Ausschnitte aus dem Roman. Vielen Dank für das Interesse!