Hinter den Spiegeln, Julians Geschichte, LiterRATura #23, Ausschnitt aus: “Das Kartenspiel”

img_0317-1LiteRATura # 23 , Julians Geschichte / Auszug aus: Das Kartenspiel
„Kannst Du bitte endlich die Tür aufmachen“, rief es aus dem Flur. Er war nun schon über 20 Minuten im Bad, länger als üblich. Es ging ihm nicht gut. Wie jeden Morgen hatte er sich eingeschlossen, um in der für ihn passenden Geschwindigkeit und unbedrängt von seiner Frau und seinen beiden Kindern wach zu werden. Er sah auf die Uhr. Noch 15 Minuten, bis Jenny die Kinder wecken würde, solange konnte sie noch warten. Sie ließ nicht nach: „Was machst Du denn so lange da drinnen? Ich muss heute morgen zum Schülerfrühstück. Hörst Du mich?“.
D. schenkte ihr keinerlei Beachtung. Sie würde gehen. Sie ging immer, wenn er nur lange genug schwieg. Seit Wochen schlief er schlecht. Gründe gab es genug: Seine Position im Institut war nicht mehr so unangreifbar wie früher. Zudem gab es seit neuestem Gerede. J. hatte ihn verlegen darüber aufgeklärt, dass Gerüchte über ihn und F. kursierten. Der Grund war, dass F. und er oft die letzten waren, die das Institut verließen. So what. Aber gestern Abend hatte man sie zusammen gesehen, als sie Essen gegangen waren. F. hatte nach dem Spiel einen gehörigen Appetit, und obwohl er sie dazu hatte überreden können, weit aus dem Zentrum heraus zu fahren, unter dem Vorwand, er wolle zu seinem Lieblingsitaliener, hatte er Pech gehabt: Peters, der Lektor des Instituts war mit seiner Familie vor einem Jahr ins West End gezogen. D. hatte das leider vergessen.
Beide Männer hatten sich nichts anmerken lassen, und Peters hatte das Restaurant in Begleitung seiner neuen Frau, die D. vom letzten Weihnachtsfest kannte aber die ihn offenbar nicht erkannte, wenig später ohne formellen Gruß verlassen, aber mit einem zutraulichen Augenzwinkern in seine Richtung. Als D. Peters erblickt hatte, war seine erste Befürchtung gewesen, dass F. die Geschichte jetzt beenden würde, weil sie befürchten würde, Peters würde sich das Maul zerreißen. Ihre größte Furcht war, dass die anderen Anlass haben könnten, zu denken, sie habe die Stelle nicht aufgrund ihrer Leistung sondern aufgrund ihrer persönlichen Beziehung zu D. erhalten. D. wußte das. Es kümmerte sie nicht, was die anderen über ihr Privatleben dachten. Aber es machte ihr etwas aus, wenn man ihrer Arbeit nicht den angemessenen Respekt entgegen brachte. Es zeigte ihm, dass sie trotz ihrer zur Schau getragenen Überlegenheit letztlich nicht sicher war, ob ihre Arbeit gut genug war. Manchmal dachte er, dass ihre Arbeit gerade deshalb so gut war, weil sie diesen grundsätzlichen Zweifel an sich selbst hegte.

Aber F. hatte, so unglaublich das klang, Peters überhaupt nicht wahrgenommen, sondern sich vollständig ihren Linguine ergeben, die vor ihr auf dem großen Pastateller vor sich hin dampften und die sie sich begierig und fast selbstvergessen Gabel um Gabel in den Mund stopfte. Sie war eine phantastische Frau! Er hatte die ersten Wochen nach ihrer Einstellung in einer Art Rauschzustand verbracht, ja, er war fast glücklich gewesen, und geblieben war das Gefühl der Lebendigkeit, wenn sie in seiner Nähe war.

Aber wenn er in den Spiegel sah, wie an diesem Morgen, in den großen Spiegel über dem Marmorwaschtisch mit den zwei ehelichen Waschbecken, überkam ihn ein Gefühl, dass eine gewisse Melancholie mit Abscheu mischte. Er atmete aus und sah seinen Bauch über den Hosenrand sinken. Es war wohl nicht abzusehen, dass der Speckring um seinen Bauch jemals wieder kleiner werden würde, auch wenn er tatsächlich mit Frühsport beginnen würde wie er sich von Zeit zu Zeit vornahm.

Er zog den Bauch wieder ein und erinnerte sich des Sixpacks, den er früher gehabt zu haben glaubte. Wenn er den Bauch einzog, sah er noch passabel aus. Seine Schultern waren seltsamer weise hager und seine Beine schlank. Es war alles nur eine Frage der Kleidung. Es war teurer geworden als früher, gut auszusehen, aber er war noch passabel. Jedenfalls in seinen eigenen Augen.

Mit J. konnte er wohl nicht mehr konkurrieren. Er atmete wieder aus und spürte erneut das Metall der Gürtelschnalle in seinem Bauch. Er beugte sich zum Spiegel vor, und lenkte den Blick auf sein müdes Gesicht, die Wangen, die begannen über seine scharfen Wangenknochen zu hängen, seine gute Grundstruktur, wie seine Mutter einmal stolz gesagt hatte, er massierte die beginnenden Tränensäcke und grinste sich selbst halb ironisch, halb grimassenhaft an. Wenn F. erreicht hätte, was sie wollte, war es mit ihnen vorbei, dachte er mit plötzlicher Klarheit. All die Worte über intellektuelle Verbundenheit und Freundschaft waren gut und schön, aber er sollte es besser wissen. Er kommentierte seine Beobachtung. Aber wenn ich ehrlich bin, macht mir das nicht wirklich etwas aus. Oder war das ehrlich? Machte es ihm wirklich nichts aus, dass Frauen ihm jetzt für seinen Volvo und und seine Position als Institutsleiter und ihre potentielle Karriere schöne Augen machten statt wie früher für sein Aussehen und seine aufstrebende Karriere als Schriftsteller? War das wirklich ein Unterschied? Mitte 50 war nach seiner Überzeugung ein furchtbares Alter für einen Mann. Das Leben hält für jeden unendlich viele Enttäuschungen bereit, dass wusste er schon lange, aber er hatte gelernt, damit umzugehen, war sogar stolz auf seine Souveränität im Umgang mit Enttäuschungen. Er hatte aus seiner Midlife-crisis sogar literarischen Gewinn gezogen. Midlife-crisis, was für ein altmodisches Wort, er musste es in die Liste aufnehmen, das gab es in einem Zeitalter konstanter Selbstoptimierung im offiziellen Sprachgebrauch gar nicht mehr, die midlife-crisis. Jedenfalls hatte er dieses Gefühl, das ihn wie einen dauernden leicht ziehenden Zahnschmerz begleitete, in einer Geschichte ausgeweidet, die er „Der Tag an dem ich alle meine Träume zu Grabe trug ohne einen einzigen Laut der Trauer von mir geben zu müssen“, genannt hatte und in der LiteRATura # 19 veröffentlicht. Er hatte einige Anerkennung von den Kritikern erhalten, die sich immer zu Wort meldeten, wenn er etwas veröffentlichte, und einige enthusiastische Leserbriefe. Wenn er ehrlich war, hatte ihm dieses Lob doch etwas bedeutet. Er konnte immer noch, wenn er wollte. Und doch sollte er es besser wissen, er kannte den akademischen Literaturbetrieb gut genug, um zu wissen, dass dieses offizielle Lob auch eine Währung war, mit der man vieles bezahlen konnte, und die ihren eigenen Tauschkurs hatte.
Aber nein, all diese Dinge waren nicht verantwortlich für seine schlaflosen Nächte. Das wäre auch einfach lächerlich gewesen. Sein Selbstbild war seit jeher das eines abgeklärten, gelassenen Beobachters. Er hatte sein ganzes Leben dem, was er das allgemeine Gejammer nannte, das ihm überall entgegenschlug, in der realen Welt ebenso wie in der Selbstentblößungsliteratur, Verachtung entgegen gebracht. Sein Vorbild war der große Meister der Bescheidenheit William Maxwell gewesen. Aber um so aufrichtig zu sein, wie er es eben vermochte, hatte er bestenfalls eine Art Warhol-Pose entwickelt, die es ihm erlaubte, nicht zu viel von dem zuzulassen, was ihn schmerzte. „So what ?“ „Was solls“ . So hatte er es sich beigebracht, um die Dinge, die er bei sich die “schlimmen Dinge” nannte, einzuordnen, sie zu bagatellisieren, und ihnen damit den Schneid abzukaufen. Aber nach und nach war aus der Pose ein Gefühl der Entfremdung geworden, ein Gefühl, als stehe er wie ein Zuschauer neben seinem eigenen Leben, und kommentiere es wie einen Film. Einen jener mittelmäßig interessanten Arthouse-Filme, die man am nächsten Morgen vergaß. Letztlich war die einfache Frage, was ein Leben eigentlich noch interessant machte, wenn man sich erst einmal eingerichtet hatte mit all diesen Dingen, Marmor im Bad, Eichendielen im Schlafzimmer, den Volvo, Urlaub in schöner Kulisse. Er konnte sich nicht mehr erinnern, wo genau genau das Gefühl, aus sich selbst herausgetreten zu sein, seinen Ursprung hatte, aber er wusste, dass er ihm wenig entgegengesetzt hatte und jetzt kaum noch wusste, wie er sein Leben anders als aus dem Off leben sollte. Seine Faszination mit F. lag gerade darin, dass er sich in ihrer Gegenwart manchmal in sich selbst zurück begeben konnte, wenn auch nur wie in ein Ferienhaus mit Fenstern zum Meer.

Am schlimmsten empfand er , dass er sich auch immer weiter von Jenny und den Kindern entfernte. Dies war seine dritte Ehe und seine zweite Familie, er hatte sich die Kinder fast ebenso gewünscht wie Jenny, deren erste Ehe es war und die einen detaillierten Entwurfsplan für ihr gemeinsames Leben besaß. Es verließ sich auf sie und segelte mit dem Wind, den sie erzeugte, aber er blieb zunehmend unbeteiligt an diesem Leben, dem er als notwendiger Statist beiwohnte. Das war nicht fair gegenüber Jenny, aber er konnte es, nein, er wollte es nicht ändern. Es war seine „Truman Show“ für Fortgeschrittene, wenn man so wollte.
Heute Nacht war es ihm besonders schlimm ergangen. Lange Zeit hatte er einfach den großen fluoreszierenden Zeiger auf dem Wecker verfolgt, wie der quälend langsam über die Zeit hinweg strich und anzeigte, wie er sein Leben vergeudete. Selbst im Schlaf. Dann war er wohl doch weg gedämmert und statt der Zeiger waren Bilder aufgetaucht, vertraut und schrecklich zugleich, und immer noch irgendwie vor dem Hintergrund des nächtlich vertrauten Schlafzimmers, so dass er sich im Traum mit geteiltem Wach- und Traumbewusstsein nicht sicher war, ob er wach war oder schlief.

Die Bilder hatten sich in einem ungeheuren Tempo abgewechselt, F., die Linguine verschlang als wären es lange Würmer, Peters, der ihn mit entblößtem Gebiss wie ein zorniger Affe angrinste, während er mit seiner Ehefrau aus dem Restaurant watschelte, Jenny, die lange blutige Kratzer auf ihrer weißen Haut hatte, da war ein seltsamer Nebel gewesen, der aus der Küche des Restaurants zu quellen schien, F., die immer noch unbekümmert ihre sich windenden Linguine verschlang und ihn dabei merkwürdig konzentriert anstarrte, und dann, unvermeidlich, die plötzliche Entdeckung, dass er vergessen hatte, seine Hose wieder anzuziehen und mit steifgebügeltem Hemd und Krawatte, aber mit nacktem Gesäß auf den roten, kühlen Kunstlederpolstern saß, und zwar, natürlich, mit einer deutlichen Erektion, die ihn halb ins Wachsein zurückholte und automatisch nach seiner Frau greifen ließ, die sich ebenso automatisch von ihm wegdrehte und in seinen Traum zurückstieß, wo er sich wieder Peters wissendem Affengrinsen gegenübersah und F.s immer noch bis zum Rand gefüllten Pastateller mit den sich windenden Linguini. Die mechanischen Bewegungen der sonst so geschmeidigen F. beim Aufrollen der Würmer auf die Gabel, das leere Grinsen des Kollegen, die ungelöste sexuelle Spannung verursachten ihm noch im Traum Herzrasen, und er erwachte schweißgebadet und mit erhöhtem Puls und immer noch hart. Der Blick auf den Wecker hatte fünf Uhr dreißig gezeigt und mit einem Blick auf den Rücken seiner schlafenden Frau hatte er von einem zweiten Versuch abgesehen und war aus dem Bett und über den Flur ins Bad gestolpert, wo er das heiße Wasser in der Dusche angestellt hatte und sich den Schlafanzug vom Leib gerissen hatte, aber statt in die Dusche zu steigen hatte er keuchend in den Spiegel gestarrt und zugesehen, wie der heiße Dampf sein Spiegelbild nach und nach auslöschte. Zugleich hatte er mit einem Gefühl von kommentierender Lächerlichkeit versucht, die Beklemmung, die nach ihm griff, fort zu atmen wie er es nach seinem letzten Zusammenbruch auf Anraten seines Hausarztes gelernt hatte, während er zugleich Hand anlegte.

Auch danach war die Beklemmung nicht vollständig gewichen trotz einer gewissen temporären Erleichterung. Er versuchte erneut bewusst zu atmen und seine Fassung zurück zu gewinnen. Er hatte mechanisch begonnen sich anzukleiden, obwohl die Dusche immer noch lief, Unterhose und Jeans, die er beim Auskleiden gestern Abend über den Hocker geworfen hatte. Dann hatte Jenny begonnen, Einlass zu begehren, damit sie rechtzeitig zum Schülerfrühstück in der Schule sein konnte. Jetzt hatte sie endlich aufgegeben. er hörte sie in der Küche hantieren. Sie vergaß nie die Prioritäten.

Er holte tief Luft und schloss den Gürtel. Dann atmete er wieder aus. Sein Atem blies noch tiefere Nebelfelder auf das schon beschlagene Spiegelglas. „Gott, hilf mir“ schrieb er einer Eingebung folgend quer über den Spiegel.
Da war das scharf geformte und eng gepresste „m“ aus seiner Handschrift zu sehen und ein „G“, das er erst beim zweiten Hinsehen als sein eigenes interpretierte. Gott war seit Adorno ebenfalls nur noch ein theoretisches Konzept. Nichts passte zusammen. Es war nicht einmal ein ironischer Kommentar. Er war eine einzige Inszenierung, ein Clown. Rund um die einzelnen Buchstaben lief das Wasser auf der Spiegelfläche aus den Buchstaben und das Glas herunter. Er starrte die Tropfen auf der Glasfläche an, in denen wieder ein fragmentarisches Spiegelbild erschien, und fühlte, wie er von dem Spiegel angezogen wurde wie von einem Luftsog und wie sein Gesicht ganz ohne bewussten Einsatz seiner Nackenmuskulatur näher an das tropfende Wort “Gott”herangeführt wurde, während er selbst immer noch ironisch aus dem Off kommentierte. Das Nebelfeld verdichtete sich immer stärker, jetzt berührte er es, und es bot ihm keinen Widerstand, es war sanft und kühl und elektrisch und nahm ihn schließlich ganz in sich auf, und er sah nichts mehr, nur das lichte Grau, und er hörte auch seine eigene innere Stimme nicht mehr, und das war eine unfassbare Erleichterung. Für einen kurzen Zeitpunkt meinte er, er könne Elektronen um die Wassermoleküle hinter den Spiegeln wirbeln sehen. Er, war überrascht, welch laute Geräusche das machte. Er wunderte sich für einen flüchtigen Augenblick, warum dieses Geräusch sonst nicht zu hören war, die kleinen Dinger machten wirklich einen höllischen Lärm. Aber bevor er den Gedanken zu Ende gebracht hatte, schlugen helle Blitze in seine Netzhaut ein, und er stürzte durch den Nebel, der plötzlich nicht mehr sanft war, sondern schneidend wie Glassplitter, und er krampfte zusammen, wieder und wieder, und verlor die Orientierung, bis der Nebel sich färbte, rot, und sich dann lichtete, pink, und ihn wieder ausspie auf der anderen Seite, der richtigen Seite des Spiegels, in sein eigenes eheliches Badezimmer am Kaiserdamm in Berlin.
Zurück im Badezimmer drehte sich die Welt noch immer um ihn herum, als säße er auf einem Kinderkarussell, genauso wie gerade zuvor die Elektronen um die Moleküle geflitzt waren, nur war er jetzt ein Elektron. Es fiel ihm gerade nicht ein, wer das Molekül war, aber tatsächlich fühlte er sich für einen Augenblick irgendwie besser, fast wie wie neu geboren und er schaffte es sogar, wieder etwas wie Amusement über das gerade erlebte Schauspiel zu generieren. Soviel konnte er schließlich von sich selbst erwarten, nämlich, dass er sich nicht der Verzweiflung überließ, sondern dass er sich auch hiermit arrangierte und seinen Nutzen daraus zog.
Von draußen hörte er – immer noch wie aus weiter Ferne – aufgeregtes Geschrei. Er brauchte etwa zwei Minuten um zu begreifen, dass die Stimme, die da so erbärmlich schrie, seiner Frau Jenny gehörte. Obwohl ihm ziemlich schwummrig war erhob er sich und positionierte seinen Hintern auf den Rand der Badewanne. Seine Hände schlossen die Tür auf, ohne dass er sich aus seiner gekrümmten Haltung erhob. Seine Muskeln waren immer noch verkrampft. Jenny öffnete die Tür und drängte in den Raum. Im Hintergrund wuselten die Kinder. „Endlich! Ich möchte wissen, … Oh mein Gott. Du bist voller Blut“, stellte sie mit schriller Stimme fest, in der Empörung, Angst und, in Anbetracht dessen, dass er auf der Badewanne saß und sich nicht auf dem Boden krümmte, auch etwas Erleichterung mitschwang.
Ohne ihr einen einzigen Moment ins Gesicht zu blicken drückte Daniel sich mit einiger Mühe an ihr vorbei aus dem Badezimmer in den Flur, wo die Kinder ungerührt seiner Erscheinung weiter tobten und ihn glücklicher Weise nicht wahrnahmen und wankte halbnackt an der Wand entlang ins gemeinsame Schlafzimmer und schloss die Tür hinter sich. Er hörte durch die geschlossene Tür, wie Jenny mit den Kindern sprach. Er stellte sich vor den Kleiderschrankspiegel und nahm seine schwarze Hornbrille von seiner Nase, die wie durch ein Wunder an ihrer Stelle geblieben war, und rieb sich die Augen. Jenny hatte ihn für verrückt erklärt, als er sein randloses Gestell gegen dieses auffällige Modell ausgetauscht hatte. „Du steckst echt in der Krise“, hatte sie gesagt, und seine Brille dann keines weiteren Kommentars mehr gewürdigt. Ihm wurde weich in den Knien und er wankte zurück zum Bett und legte sich vorsichtig wieder hin.

Diesmal hatte ihn seine Epilepsie mehr gekostet als ein paar Hirnzellen, stellte er fest, als er an sich hinunter sah und eine unberührte Bestandsaufnahme versuchte. Offensichtlich war er in sich zusammengekrampft und wie ein Stein zu Boden gegangen. Sein Gebiss muss kurz auf dem Waschbecken aufgesetzt haben. Dafür hatte er Tribut zahlen müssen. Die Zähne hatten seine Unterlippe teilperforiert, das war die Quelle des Blutes, das sich grosszügig über den Boden und sein Kinn und seinen Hals und seinen Oberkörper verteilt hatte. Aber seine Zunge war heil geblieben, Gott sei Dank, er musste Ende der Woche einen Vortrag halten. Er strich mit seiner Zunge über seine Schneide- und Eckzähne und stellte erleichtert fest, dass kein Zahn fehlte oder angeschlagen war. Da keine Zahnstücke im Mund waren beschloss, er dass Blut, das sich immer noch zwischen seinen Zähnen in seinem Mund sammelte, herunterzuschlucken.
Die Tür zum Schlafzimmer öffnete und schloss sich wieder. Jennys Schritte barfuss auf den verdammten Eichendielen. Er lag flach auf ihrer Seite im gemeinsamen Ehebett und lauschte ihren nackten Füßen. Seine Sinne waren immer noch überaktiv. Er roch ihren Schweiß auf dem Kopfkissen, das er zur Seite gedrückt hatte, um flach zu liegen. Er mochte ihren Geruch. Er nahm das Kissen hoch und drückte es sich fest auf das Gesicht und sog ihren spezifischen Jennygeruch ein. Sie schliefen noch manchmal miteinander, immerhin. Oft hatte er allerdings das Gefühl, dass sie lediglich keine Kraft mehr verschwenden wollte, um sich gegen seine Avancen zur Wehr zu setzen. Sie wusste, wie nachtragend er war, wenn er in dieser Beziehung nicht bekam, was er wollte.
Er nahm das Kissen vom Gesicht und sah sie an. Sie setzte sich neben ihn auf die Bettkante. Der Kissenbezug war blutig. Draußen tobten die Kinder über den Flur. Sie hatten etwa vier Minuten, bis eines zu schreien beginnen und Jenny aufspringen würde, um den Streit zu schlichten. Manchmal fragte er sich, was geschehen würde, wenn sie die Kinder einfach einmal streiten lassen würde. Kaum vorstellbar. Noch weniger vorstellbar, dass er dies vorschlug. Mit einem gewissen dramatisch gesteigerten Selbstmitleid aber in der Sache nicht unzutreffend dachte er, er könnte auch im Sterben liegen, Jenny würde aufspringen und ihn sich selbst überlassen, wenn eines der Kinder zu schreiben begann.

Jenny saß neben ihm und sah ihn an,als könne sie seine Gedanken erraten. Wahrscheinlich konnte sie es. Ihre Aufmerksamkeit war halb bei den Kindern, die jetzt irgendeinen Gegenstand über den Flur schleiften, aber sie blieb noch bei ihm und ihr Gesicht war ernst und aschfahl. Er wusste nicht, ob es Ärger oder Sorge war, die sich in ihrer Mimik zeigten, aber er hoffte auf Ärger und sah ihr fast erwartungsvoll entgegen. Ein Streit würde ihn jetzt beleben, spürte er. Sie aber saß auf dem Bettrand und strich ihm einfach über das Haar. Sie liebte ihn also immer noch. Aber sie wusste doch genau, dass er sich verändert hatte und auch, dass er sich unabänderlich weiter verändern würde. Sie hatten oft darüber gestritten, wie wenig Anteil er an allem nahm, was sie schließlich gemeinsam gewollt hatten. Er hatte sich nie so weit hinausgewagt zu sagen, dass es ihr Plan gewesen war und er ihr einfach nur keinen Widerstand entgegengebracht hatte. Dein Plan, Jenny. Ein schöner und unorigineller Plan, der nicht zu dem Mann passte, der er eigentlich hatte sein wollen, aber den er jetzt auch schon nicht mehr wirklich erinnerte. Jenny war nicht dumm und sie war auch nicht uninteressiert. Schließlich war sie seine beste Studentin gewesen, bevor sie die Göttin seines Tisches und Hauses wurde. Sie erkannte daher, dass er nicht mehr so wie früher schrieb, dass er nicht mehr in dem Glauben schrieb, dass es einen Unterschied mache, was er schrieb, sie wusste besser als die anderen, dass seine Arbeit im Institut ein Vorwand war, sich nicht an den Schreibtisch zu setzen, und zugleich ein Vorwand, nicht nach Hause zu kommen. Und sie, seine strahlendste Eroberung, die Mutter seiner kleinen Kinder, die Göttin seines Hauses? Er benutzte sie mit warmer Zuneigung, aber er nahm sie nicht mehr wahr, nicht einmal die Kratzer, die sie über der rechten Flanke hatte, waren ihm am Vorabend aufgefallen, als sie sich gemeinsam im Bad entkleidet hatten, obwohl sie sich keine Mühe gemacht hatte, sie vor ihm zu verbergen.

Aber in diesem Augenblick war das nebensächlich. Jetzt war sie voller Sorgen und wohl dennoch mindestens ebenso zornig auf ihn, aber sie blieb stumm. Er konnte ihre Gedanken auch so hören, aber er war noch zu schwach, zu antworten, sie herauszufordern, den Streit zu provozieren, den er wollte.

Er hörte ihre Gedanken. Wie konnte er sich dieser Gefahr aussetzen? Sie war sicher, dass er seine Medikamente nicht genommen hatte, sie wahrscheinlich über irgendeiner seiner Unternehmungen vergessen hatte. Er war so nachlässig, er nahm nichts jemals ernst, nicht einmal sich selbst. In diesem Jahr war das schon der dritte Anfall. Sie hatte ohnehin keine ruhige Minute mehr, wenn er unterwegs war. Was würde passieren, wenn es das nächste mal auf einer Treppe passierte oder beim Autofahren? Was dann? Was, wenn er jemanden verletzte oder tötete, was, wenn er sich selbst verletzte und ein Pflegefall wurde, was dann, was passiert dann mit mir? Was passiert mit den Kindern? Denkst du an so was? Aber sie fragte es nicht laut, denn der Gedanke, der folgte, der immer folgte, wenn sie so weit gedacht hatte, war schrecklich und sie schämte sich. Sag es doch, Jenny, dachte er , sags doch, dann können wir uns jedenfalls streiten, und ich bleibe im Recht, denn diesen Streit kannst Du nicht gewinnen. Ich weiss, was Du denkst: Wenn es passiert, so wäre es das beste, wenn ich mich selbst totfahren würde, das denkst Du, gib es doch zu, mich selbst, und niemanden sonst, und Du und die Kinder hättet dann die Lebensversicherung, wäret abgesichert, müsstet Euch keine Sorgen machen. So lange sie niemandem sagten, dass es schon der dritte Anfall innerhalb einen Jahres war, und er nachlässig mit seinen Medikamenten war. Aber Jenny streichelte nur sein feuchtes Haar und blieb stumm.

Si a jure discedas vagus eris, et erunt omnia omnibus incerta

or: If you depart from the law, you will go astray …

Legal avatars were walking with me every night right up until dawn. Most of them were missing something, something that was living and breathing in the legal clients who had come to the law office and had told their story of need and desire to the attorney but that somehow had got lost when the client´s life subsequently had been translated to fit in a file. Every day for about 15 minutes after lunch time Mr. O´Leary gave me a short introduction to the new cases he had Ms. Cavendish put on my desk in the morning. He was a very good narrator, mentioning details about clients that a less practiced observer would have overlooked or found insignificant. He was incredibly generous with me, 15 minutes is a long time for a lawyer whether he gets paid by the hour or contingency fees, that I knew even back then. And yet, the gap between his narrative and the legal brief I was supposed to write was so wide. Not unbridgeable but wide enough to truly humble me.

I still remember seeing the avatars slipping out of the files and silently pacing the room waiting for me to finish up. It started one night at about the time when I had been practicing my hand at writing briefs for about three months, practicing day after day with the many different cases that appeared in sets of three or four on my desk in the morning.
In the beginning it me had taken me a really, really long time to come up even with a just-so acceptable brief. By the time I brought the file back to Ms. Cavendish, Mr. O´Leary´s formidable secretary, I had read and reread the case close to a hundred times until I felt that I had either identified all the relevant information that I needed to actually write the brief, including the issue, the facts, the holding, and the relevant parts of the analysis, or, more often, that I had arrived at that kind of sinking, sick feeling that you have when it´s still not good enough but you just cannot do any better. Perversely, I had liked studying law for just that reason: it had made me small and humble and human insofar as it made me fail over and over again and that was perfectly in sync with my Puritan upbringing. I had been raised an atheist Puritan who had the severe character fault of having a creative streak. So if there ever was a law student who should have studied something instead it was me. And yet I continued in a distracted, untechnical, unstructured but seemingly still just-so good enough manner, because „not quitting“ had been ingrained into my personal code since my terrible-twos, and it continued to be my great weakness well into grown-up life. I was too stubborn to quit law school even as I was painting and dreaming and visiting museum after museum, I just couldn´t quit, it was as simple as that.
Generally speaking, before I had decided to go to law school I had been seriously suffering from delusions about what I could do in life, like: really anything. I had been convinced that I could do just about anything that I would set my mind to, you name it, math, sciences, language arts, and I´d be brilliant at it, and yet here I was, a few years later and not even being a quite good enough lawyer.

I simply had no clue what people were like and why they acted the way they did. I had no clue what other people actually wanted from life. No clue whatsoever. And you just can´t be a good lawyer if you don´t get people – on both sides of the law. You need to understand what drives a person and you need to understand what makes the law want to rule that very person in or entitle it to do as desired, you need , with other words, to have a good grasp of societal goals and values. Or, in the absence of such an abstract understanding, you at least need to believe that there is an order to things, a somewhat natural state of being that you will recognize when you see it.
If, on the other side, you are a multifaceted, spacey kid who lets the winds that blow through the city grid take a hold of you and push and pull you into any which direction it pleases, if you are but a drifter, if you live in books and if you cry while reading Sylvia Plath and if you are stricken by a certain Yellow in a Miró painting as if your life´s meaning depends on it, Miró, of all painters, if you are completely content with the universe for the view of the tar beach on the roof of your rental building on a freezing but fiercely clear morning, still barefoot and in your PJs and with a mug of coffee hot enough to burn the skin between your thumb and index finger (your stereotypical European intern kid), if you are happy with cheap Asian food from the corner store for weeks on end, if you are content with sharing your cramped studio apartment with a guy who works crazy hours at a food truck  and crashes on a mattress underneath your dining table, if you get a kick just out of running around Central Park in worn-out-no-brand sneakers trying to keep up with the Mexican runners for a few minutes before collapsing on to the Great Lawn, if you feel insanely alive for a split-second just because the light over Manhattan illuminates the Avenues looking south with toxic quick silver, and if on top of being this incarnation of a European nerd you think that your kicks are what makes all people around you stop dead in their tracks for excitement, then you might be on to something great for life, but as a lawyer you know next to nothing. If you don´t get what actually makes people fight for their very own piece of Lexington Avenue, small or majestic as it may be, you will be but a pathetic excuse for a lawyer.
So night after night, after I had closed the last book, feeling exhausted and ready to loose myself in the city, the avatars were quietly slipping out of the files and following me down the long hallway, past the pale light of Mr. Letterman´s office, into the creaky elevator and down, through the marble tiled lobby and out into the night. As we left the building, the avatars and I, and I was walking out into the night, they were following me and I was to them like the one eyed king amongst the blind. Si a jure discedas vagus eris, et erunt omnia omnibus incerta.

The invisible Mr. Letterman opens an umbrella on 34th street

No matter how late I left the offices Mr. Letterman never once left before me. The door to his offices remained closed throughout the day and throughout the night. I never saw him coming, I never saw him leaving. I never saw him at all. That might have had something to do with the amount of time I spent in the file closet that was the intern´s work space, basically only leaving for brief meetings with Mr. O´Leary and during office lunch time. I spent a lot of time, really a lot of time, figuring out how to do the most basic things like legal research or how to write a memorandum, more like a first year law student than a graduate preparing for a professional career. In the evening I did a lot of reading. I was never in a hurry to go home. As I had studied in Europe I knew next to nothing about the American legal system when I started my internship. I did not participate in any academic program or training  as I was lacking the funds to pay for that kind of education.  So I spent hours studying, mostly reading up on cases. Mr. O´Leary must have had his own reasons to offer me the internship  during which – strictly speaking – I received more of a general education concerning the legal history of the US than a preparation for any kind of specific legal work. Mr. O´Leary corrected my assignements but he never commented on how long it took me to come up with results. Sometimes a painfully long time. The truth was that I was not qualified at all to fill out the position even as an intern, but Mr O´Leary must have had his own reasons to extend his offer to me.  On my first day he had given me a copy of a handwritten list of chronologically ordered cases decided by the United States Supreme Court . The list concentrated on cases decided during the Rehnquist Court, the tenure of Chief Justice William Rehnquist from September 26, 1986 through September 3, 2005. But there were also cases decided during the Warren Court, the tenure of Chief Justice Earl Warren from October 5, 1953 through June 23, 1969, like Watkins v. United States 354 U.S. 178 (1957) , on the rights of a witness in refusing to answer questions before the House Un-American Activities Committee, or Brandenburg v. Ohio 395 U.S. 444 (1969) on the freedom of speech, incitement to riot, or the during the Burger Court, the tenure of Chief Justice Warren Earl Burger from June 23, 1969 through September 26, 1986, like the New York Times Co. v. United States 403 U.S. 713 (1971) on the Freedom of the press, national security and the Pentagon Papers. And so, I had started reading up on these cases at night, eating take-out at my desk and acting out my very own American dream. At around 6.30 pm most of the staff had left the offices. Mr. O´Leary was gone by 9 pm the latest, having a reservation at his favorite restaurant shortly after each night. Mr. Letterman and I stayed on. Every moment I was aware that my time in the closet was a transient state, to the point of being surreal. And this transient state was somehow counteracted by the reliance of the invisible presence of Mr. Letterman in his office. Sometimes I thought that this balance was the true reason why Mr. O´Leary had offered the internship to me, a transient lawyer who reasoned with the legal avatars who had escaped from the files chosen and who definitely had too much of an imagination to be a lawyer.

If I had theories about Mr. O´Leary, it was really Mr. Letterman who – being invisible – intrigued me. Like all things unknown or unknowable his existence behind the pale glowing door made me curious and inspired me to make up stories. The human mind is wired to fill the gaps with some kind of narrative. And so I invented and then reinvented  Mr. Letterman on my nightly walks through the city that never sleeps.My legal avatars  kept me company for a while and often I did not know who was real and who was invented by me or by someone else, who might be equally subjected to insomnia and trying to people the landscapes of his restless mind. with late night company.  One night it suddenly started raining so hard I took a cab from Bank Street back uptown because I was so tired I was afraid I´d fall asleep on the subway. The rain on the windows of the cab washed down like tears and blurred my night vision of traffic lights and movement  on the street resembling a Gerhard Richter painting in progress. When the cab passed 34th street on Fifth avenue I looked down the street and thought I saw a lonely man with an old fashioned macintosh step out from our office building and unhurriedly opening an umbrella.I recognized him  instantly because he was exactly how I had invented him. I thought about how the act of unhurriedly opening an umbrella could tell you all about a man that you needed to in order to know what to expect of him, what kind if man he was. The moment passed quickly. There was little traffic on Fifth and the cab kept moving. I asked the driver to stop and let me out. By the time I had paid the fare and hurried back to 34th Mr. Letterman was nowhere to be seen. I continued to walk east and kept looking for him without any real plan as to what I would do should I find him again. It felt very urgent to find him but I did not see him or any other man in a macintosh. I carried no umbrella and got soaking wet within minutes. I ended up walking home. That was the only time I ever saw Mr. Letterman.

 

 

 

Mr. O´Leary encounters an act of kindness

 

Mr. O´Leary was highly suspicious of acts of kindness. He had been working in a field – contract law – where nothing ever was what it first seemed to be. As a lawyer he had had to train himself to question not just every contract presented to him, but to question even the expressed will of every client who came to him to have a contract drafted.

This was kind of the connecting negative puzzle piece to the legal plain-meaning rule, a principle used by courts in interpreting contracts that provide that the objective definitions of contractual terms are controlling, irrespective of whether the language comports with the actual intention of either party.

Mr. O´Leary was a specialist in creating contracts that satisfied plain-meaning-interpretation, eliminating inconsistencies and double-meaning phrases, extracting the literal content of the contract from the hidden intention of his clients without making it plain that other than purely legal and contractual reasons were actually motivating his clients to sign a contract that was written thus.

His guiding principle in understanding the lawyer-client relationship was that clients expected him to know about them and their intentions without telling him, in fact, for him to know what they could have known about themselves but preferred not to know and thus would not relate to him in plain terms. He considered it his job to shield them from this kind of painful, self-reflecting knowledge and he was supremely certain that his clients expected him to not ever let them know what they preferred not to know about themselves but to keep it disguised from them while at the same time adjusting the contracts to their hidden goals thus allowing them to continue to feel – reasonably – good about themselves and at the same time satisfy – and justify – their true goals.

When he was a young lawyer still – and green with it – he executed – to the letter and in an irreproachable manner – what clients told him to do and wondered when they paid their bills without complaint and still carried their business elsewhere afterwards. But he was quick on the uptake and soon adjusted his business conduct. There were certainly things they did not teach you at law school. Ever since he´d adjusted his guiding principles , clients, high paying clients, knew how to find him even though he was literally hiding amidst his file boxes like the Minotaur at the heart of the labyrinth Daedalus designed.

A graduate and scholarship student of the University of Chicago Law school Mr. O´Leary in his day had had his choice of law firms who´d have been glad to consider his application. He was extremely smart and had an impeccable work ethic. He´d also been subject to the same prep-talk (he called it propaganda) of „success“ as his class mates. Judged by how their alma mater described her alumni they all were but a group of friends who would pick up the phone anytime one of them called with a question and sat down with him to walk through issues. According to their law school they all were extremely fun, thoughtful, smart, and FUN students, and would continue to bring the same energy to their work as lawyers.

It was not that he did not appreciate the excellent education and rigorous academic training he had received.He also knew that the average salary for newly minted law graduates was nearly about $180,000 per year by now and that the graduates were worth it. It meant that as a lawyer with no experience he could have immediately be in the top 5% of U.S. earners. But for some unfathomable reason he also knew that students graduating from a top tier law school were the same as people on average with the only – significant – difference that they were subject to more diversion and temptation.

He did not graduate top of his class to be diverted from life. He could have taken three or four top performing associates from any top law firm and founded his own big law firm as a naming partner. It was all within his reach. But it was not what he had wanted.

If it seemed strange to others that he had accepted Mr. Letterman´s offer to become a partner on 35th street rather than to join one of the top ten law firms in New York and get worn down as an associate there before being hired by an excellent law firm and becoming partner eventually it was because they did not know some of the things about him, he thought he had realized early on.

It was not a sign of humility that he had chosen Mr. Letterman sen. instead. It was not exceptional that he did not get drunk on the prep talk of success. He had not been a recluse in law school. He had actually differed from the other highly motivated graduates and future pilars of society in a degree up, not down, by a notch. He had wanted more. It had been an extreme act of arrogance and late-puberty idealism (the same) and the result of careful research. He had been very clear to himself about what he thought he wanted and what he thought he did not want.

He was convinced back then – and was convinced still – that life mostly just happened to people, even or especially people who graduated from top tier law schools. Even early on in law school, he was convinced that people wasted about 15 – 20 years of their lives and took another ten to rectify their initial mistakes, if they were so lucky to live as long as that. He was not going to be cheated by life in this manner.

Mr. Letterman had an excellent reputation. You did have to know  how to find him. The office address was not sufficient to get in touch with him. But Mr. O`Leary was a good observer. Mr. O´Leary had also been told that Mr. Letterman sen. was legend and did not accept any applications. He had been told that even if Mr. Letterman would accept an application, he´d be likely not to pay the kind of salary that a University of Chicago Law school graduate legitimately could expect as a starting salary. This was concluded by the state of Mr. Letterman´s cramped office and filing system.

But what mattered to Mr. O´Leary was something fairly abstract and elusive: he was convinced that Mr. Letterman was one of the few lawyers he´d ever encountered who was in charge of his own life. His research showed that nobody took Mr. Letterman sen. along for a ride. As Mr. O´Leary saw it, Mr. Letterman owed nobody a kindness. He certainly did not owe him, a recent graduate, an opportunity to reach out for the kind of life he thought Mr. Letterman had found. He knew though he was depending on an act of kindness for Mr. Letterman to accept his application.

Not that he believed in it. In kindness. He had been practicing law for many years now and he had lived in NYC for as many years and he was sure, absolutely sure, that he had never encountered a genuine act of kindness apart from Mr. Letterman´s willingness – as many years ago – to accept his application.

Mr. Letterman disappears

 

Mr. Letterman loved New York City, and he loved his profession. He had graduated from Brooklyn Law School in 1966 and had worked for a year for the New York City Corporation Council’s office. He was a shy and friendly person and a very good lawyer. He certainly did not not have a reputation for aggressiveness, appearing almost apologetical as he was presenting his cases with a polite old-school manner. He did meticulous research and was a sharp analyst. Rudeness aggrieved him. He distinguished himself by winning his cases in an inexorably kind manner.

His parents had been doctors in Brooklyn. He had a sister who was almost 14 years his senior and who had taken over their parents medical practice as they both retired towards the end of his law school time. It had seemed a natural choice that he would do medical malpractice litigation but it had been too obvious a choice for him. Instead he had set up his offices in a small place near the Empire State building and had started to defend New York property owners in claims involving the wide range of problems the city dealt out to them on a daily basis: property damage, negligent hiring, inadequate security, lead poisoning, bodily injury on the premises, intentional assault, arson, and fraud. He was well known in his area of expertise, and he had seen every kind of  human misery conceivable. He was a New York lawyer.

He rarely met clients in his offices. Instead he preferred to sit by the window in a small coffeeshop until well after lunch time, taking notes while clients sat opposite him in the booth that was reserved for him on weekdays. After lunch he quietly slipped out of his booth, payed his bill, left a generous tip and crossed the street. On court days his booth remained empty. Afternoons and evenings he spent at the office working on legal briefs.

He led a typical New York life. If he made a lot of money he certainly did not show off or took a lot of time to spend it. In some ways his taste was very simple. He loved his coffee black, no sugar. He knew who he was and what he liked, but he did not need to talk about it.

He would never tire of his corner of the city. He thought the Empire State building was the world second most beautiful manmade sight. First was the Brooklyn bridge. He considered himself a man born at the right time in the right place.

In 1996, when I started as an intern at O´Leary and Letterman LLP I did not know any of this. In fact, I only knew Mr. Letterman by name, and I never met a staff member of an associate who seemed to have either met him or who had the willingness to share their knowledge if they were in possession of it. Over time I wondered if he even existed or if Mr. O´Leary had simply invented him for the sake of a better company name.

Reading Wallace as a legal intern, or: Being half as smart as a moose makes you a muffin

 

So, it turns out that reading David Foster Wallace kind of inflicted permanent damage to my brain. What I mean to say is that writing German is an elusive task for me since reading Wallace. Writing German I sound, well, I guess, cultured. Professional. Well phrased. Boring. Writing German is something I do every day, as I do it for a living, but which I do not half as well as I would could I use my other language for my legal briefs. I´d be brillant. If I could only write my briefs in English.

I write: „my“ other language, because though I feel I am represented extremely well by what I write in English, I also realize that I am not even close to being a fluent writer in English, and thus being extremely well represented by what I write in English also means that I am extremely well represented by a halting, hacking use of a foreign language riddled with mistakes, misconceptions and yearning. Which as far, as I know, are the signs of true love.

So strong is my rejection of my native language in representing who I am, that I feel better represented by a language that constantly demonstrates my limited ability to use it than my own that I master to the typical bourgeois degree your average lawyer is bound to. It is as if writing in English is a personal code my brain is using; hence the possessive pronoun, „my“ other language.

I am stuck, with other words, in the rejection of my mother tongue like a dutiful wife in a sensible marriage. I am also stuck between two languages, two ages, two cultures. Somewhere along the way I lost myself. It´s been years since I have been me. Thank god. Being me was scary as hell. I read a lot of David Foster Wallace when I was me. I heard the vermin stirring in the walls of the closet I called my New York apartment. I actually heard my hair growing when I turned off the light at night. You may conclude how scary being me was, when I tell you that I took that for a hopeful sign.

At daytime I worked in a crappy small place of a law office of 35th street and Lex. My German fellow interns were on the L.L.M. track, lived in trendy lofts they presumably leased for token rents from some distant American cousin and got accepted into prestigious law firms with company names that were longer than the hallway of my apartment. I worked in a place with boxes full of files stacked along the walls everywhere.

Some days it took me an hour to find my boss who was curiously enough named Mr. O´Leary (as if all my German knowledge of American subculture had convened in one place) because the labyrinth created by the file boxes changed every day as new documents had to be filed or old ones to be found.

I don´t know whether Mr. O´Leary, Esq. ,ever left the premises. Or his office for that matter. He was wearing the same crumpled, dark blue suit every day. Judged by the amount of bento take-out sushi boxes and Chinese fortune cookies that assembled in the margins of his desk like shells and sea weed left by a receding tide line he lived right there. Sometimes, in order to find Mr. O´Leary, in the morning to receive my assignments from him, I simply followed the Pizza guy who never had trouble finding Mr. O´Leary´s office. Mr. O-Leary liked pizza and coffee for breakfast. I never met Mr. Letterman sen.

The firm did real estate law exclusively. This being the age of the internet my boss advertised his services ONLINE with a company website that a client had put together lieu of a legal fee for Mr. OO´Leary and the invisible Mr. Letterman sen. whose existence had never been proven to me or any other employee I had talked to during my three-and-a-half years at O´Leary and Letterman sen. LLP. T

he website looked like a ripped out yellow page ad and said that O-Leary & Letterman sen. LLP did commercial and residential real estate transactions, presented „Comprehensive Legal Strategies for Real Estate Investors“, and excelled in the representation of sellers and purchasers in the sale, financing or leasing of multifamily and single family residential properties and a wide range of commercial properties. My job was mainly to draft office and retail leases somewhere in yet another closet that was 3/4 filled with file boxes, a copy machine and a small desk. The place smelled like cardboard and ozone. The whole firm was a nightmare of a fire hazard.

Once a month the cleaning lady removed the debris of take-out left overs (she never touched the file boxes, of course). When Mr. O´Leary´s desk was clean, there was enough place to write pay cheques. Minimum wages were a dream for me. I knew the cleaning lady was paid royally in comparison. I also knew all of our survival depended on her. She was worth it. I was replaceable. At best.

And yet I felt like I was on fire. No. Delete that. I was on fire. And reading David Foster Wallace confirmed it. That I was smart enough to read David Foster Wallace in English confirmed it. I was on fire and I was so super smart. Smarter than the German interns in the big law firms who for all I knew had no idea who David Foster Wallace was. Nor cared to know. Nor would have been able to read Wallace if they had cared. Or so I wanted to think.

Living in New York in a closet working in between a labyrinth of file boxes doing legal research on LexisNexis. I felt like living in a Coen brothers movie. Just without the action. When I read Wallace I didn´t care that we had a roach infestation in our prewar building or that I was only able to make rent by renting out the space under my dining table to a guy from Senegal who worked in a food truck till four in the morning and came home at 8.00 am to crash for a couple of hours. His name was Jawara. He kept his mattress and his few belongings in such neat order as only very poor people know how. I was rich in comparison to Jawara. We barely saw each other because I left for work when he came back home – which was why the arrangement worked – but I always felt kind of shy around the place that should have been my own but that due to my own kind of poverty I shared with an almost stranger who had set up camp underneath my dining table.

I felt so smart when I read David Foster Wallace (and only then) and I know, I KNOW, you are going to say that this – by statistical probability – could not have been but your typical college kid delusion. A bad case, too. Except that I was past college age. I was on fire and delusional, that much is true. Two things scared me while reading Wallace. 1. I got him (correct that: I was convinced I was the only person in the universe who got him) 2. I realized I was not half as smart as Wallace. Smarter than your average lawyer intern. Not half as smart as Wallace. And being half as smart as Wallace was just not that flattering a thought to me. Being half as smart as a moose makes you a muffin.

At least, I knew a few people who could well have been as smart as Wallace. I had no way to truly prove that, of course, prove that they were almost as smart as my guru Wallace. It was more of an educated guess. But judged by the rate they have died on me since I left the law firm on 35th and Lex. they probably had been. I have learned a few things just by being a muffin in the vicinity of very, very smart people. They tend to hide behind file boxes. And despite the fact that still no big name law firm would hire me, neither would they hire any of the very, very smart people I knew, some of which had law degrees. Not statistically speaking, just deducing by the kind of very, VERY, smart people I knew, I do have something in common with them. Being truly smart makes for a lonely life. As does being a muffin. But so does poverty. Illness. Old age. Alkohol. The wrong nationality. The wrong color of skin. As well as a few other suspects. Being any of the latter and being smart, really smart, is almost sure to be a killer.

But I should start from the beginning. How it happened that a German intern who was green with it, got to work for O´Leary and Letterman sen. LLP. on 35th Street.

Der Fall Eichmann: strafrechtliche Verantwortlichkeit für staatlich legitimiertes Handeln

English: Defendant Adolf Eichmann (inside glas...

English: Defendant Adolf Eichmann (inside glas booth) is sentenced to death by the court at the conclusion of the Eichmann Trial. At the left table seated with two persons, the person on the right (with white hair and headphones) is defense counsel Robert Servatius. (Photo credit: Wikipedia)

http://nachtwachenroman.com/2013/11/22/der-fall-eichmann-strafrechtliche-verantwortlichkeit-fur-staatlich-legitimiertes-handeln/

New York 1998. K sitzt an einem Fenstertisch in ihrem Coffee Shop an der Ecke 94ste Straße und Columbus, trinkt bitteren Kaffee aus einem Pappbecher, starrt aus dem Fenster, und wartet darauf, dass ihr eigener Tag beginnen möge. Jeden Morgen wartet sie so, schaut durch den steten Strom vorbeieilender Passanten, und wartet, dass die Gedanken zurückkehren mögen. Gewöhnlich bringt sie ein Notizbuch und Bleistifte. An diesem Tag liegt neben dem Pappbecher auch ein fettbefleckter, etwas vergilbter Umschlag, adressiert in ihrer eigenen Schrift.  Ein handschriftlicher Bogen und einige Kopien von mit Schreibmaschine beschriebenen Seiten, eineinhalb Zeilen Zeilenabstand, ein Drittel Rand,  die zehn Jahre in diesem Umschlag verborgen waren,  liegen entfaltet vor ihr. Zuletzt hatte sie diese Papiere 1986 in Berlin in den Händen gehalten, gefaltet, in den Umschlag geschoben, den Umschlag adressiert und ihn aufgegeben. Nun sind sie ihr nach New York gefolgt.

Berlin, 16. Juni 1986

Lieber Großvater,

herzlichen Glückwunsch zu Deinem achtzigsten Geburtstag! Ich wäre gerne bei Dir, um mit der Familie Deinen Geburtstag zu feiern. Wir holen es in den Semesterferien nach.

Einstweilen sende ich Dir dieses kleine Paket. Ich hoffe, die Zeichnung gefällt Dir, ich bin dafür mehrere Nachmittage zum Kopieren in die Dahlemer Sammlung gegangen. Dieses kleine Stillleben mit Erdbeeren ist mein liebstes Bild aus der flämischen Galerie.

Du fragst ja immer nach meinem Studium. Mit gleicher Post sende ich Dir daher eine Kopie meines Referates in der Projektgruppe Staatsschutzstrafrecht, “Strafrechtliche Verantwortlichkeit für staatlich legitimiertes Handeln – der Fall Eichmann.” Ich habe noch viele Fragen. 

Deine Katja

„Im Sinne der Anklage – nicht schuldig.“  lautet die Erwiderung Adolf Eichmanns auf die Anklage des Staates Israel, vertreten durch den Generalstaatsanwalt Gideon Hausner.

Vier der Einzelanklagen der israelischen Staatsanwaltschaft legen dem  Angeklagten Verbrechen am jüdischen Volk zur Last, weitere sieben Verbrechen gegen die Menschheit, eine  beschuldigt ihn des Kriegsverbrechens und drei der Mitgliedschaft in feindlichen Organisationen, der Gestapo, der SS und dem SD.  Als rechtliche Grundlage der Anklage zieht der Generalstaatsanwalt  das am 1. August 1950 erlassene Gesetz zur Bestrafung der Nationalsozialisten und ihrer Helfer heran.

Der Strafprozess gegen Adolf Eichmann vor einer Sonderkammer des Bezirksgerichtes Jerusalem beginnt am 11. April 1961. Am 31. Mai 1962 lehnt der Präsident des Staates Israel die eingereichten Gnadengesuche Eichmanns, aber unter anderem auch der Central Conference of American Rabbis und einer Gruppe von Professoren der hebräischen Universität Jerusalems, vertreten durch Martin Buber, ab. Das Todesurteil wird kurz vor Mitternacht desselben Tages durch Erhängen vollstreckt.

Dem Prozess liegt nach israelischer Auffassung die rechtliche Argumentation zugrunde, dass schwerwiegende Verstöße gegen durch das Völkerrecht international geschützte Rechtsgüter nach dem sogenannten Weltrechtsprinzip zu ahnden seien. Dies gelte fraglos für die Vorbereitung und Teilnahme am Völkermord.  Der Staat Israel sieht sich als Vertreter des jüdischen Volkes zur Rechtsfindung im Fall Eichmann prozessual zuständig.

Die Verteidigung durch den Pflichtverteidiger Robert Servatius argumentiert, dass die Amtshandlungen Eichmanns seien zu ihrer Zeit nicht strafbar gewesen seien, und zwar weder nach deutschem noch nach internationalem Recht. Das Gesetz zur Bestrafung der Nationalsozialisten und ihrer Helfer sei erst im Jahr 1950 erlassen worden und dürfe nach rechtsstaatlichen Prinzipien rückwirkend nicht angewandt werden. Der Transport der Juden in die Vernichtungslager sei Eichmann als Amtshandlung rechtlich verpflichtend von dem deutschen Staat als Arbeits- und Befehlsgeber auferlegt worden. Dieselbe Handlung könne aber nicht gleichzeitig rechtmäßig und rechtswidrig sein. Der einzelne dürfe sich auf die Wertung seiner nationalen Rechtsordnung verlassen.

Eichmann habe zwar den Transport der Juden in die Vernichtungslager organisiert. Dieser Aufgabe habe er sich jedoch ausschließlich im Verwaltungsverfahren von seinem Schreibtisch in Berlin aus als Leiter des sogenannten Judenreferates mit der Bezeichnung IV B4 gewidmet.  In den Vernichtungslagern selbst sei er nur zu “Ortsterminen” erschienen. Er sei in allen Angelegenheiten seit seiner Teilnahme als Protokollführer an der Wannseekonferenz, auf welcher die sogenannte “Endlösung” initiiert wurde, dennoch  lediglich ein befehlsgebundener Staatsdiener gewesen. Kurz, er habe mit Akten gearbeitet. Bei der Wahrnehmung seiner Aufgabe habe es sich  um die rein administrative Ausführung eines sogenannten “act of state” gehandelt, für die ausschließlich der Staat selbst und die unmittelbare Staatsführung, nicht aber seine Befehlsgebundenen zur Verantwortung gezogen werden könnten.

Eichmann selbst verweigert sich selbst der Einsicht, dass seine effiziente Planung des Transports Tausender von Menschen in die Vernichtungslager unmittelbar den Genozid vorbereitet und ihn erst ermöglicht hatte.  Eichmann sieht seine Rolle noch während des Prozesses nur als Ausführung einer “Verwaltungsaufgabe”, die er nach bestem Vermögen wahrzunehmen sich verpflichtet sah. Immer wieder hebt er gegenüber den israelischen Untersuchungsbehörden hervor, dass er „persönlich niemals feindselige Gefühle gegen einen Juden“ verspürt habe und im Gegenteil „manchen geradezu freundschaftlich“ verbunden gewesen sei. Dass selbst nur eine Verminderung seiner Effizienz vielen Tausenden von Menschen das Leben hätte retten können, scheint ihm niemals in den Sinn zu kommen.

Als Administrator war Eichmann in der Tat während der Zeit des nationalsozialistischen Regimes gesichtslos und namenlos geblieben. Unter Inanspruchnahme der Hilfe des katholischen Bischofs  Alois Hudal war Eichmann ebenso wie der KZ-Arzt Josef Mengele, der Chefkonstruktuer der Gaswagen Walter Rauf, der SS- und Gestapo Chef von Lyon Klaus Barbie und andere Henker und Schlächter des nationalsozialistischen Regimes entlang der sogenannten “Rattenlinie”, der rat line,  über Rom nach Argentinien geflohen. Erst 1960 hatte ihn der israelische Geheimdienst dort aufgespürt und ihn nach Israel entführt. Auch die hierin mangels Auslieferungsabkommens zwischen Argentinien und Israel  liegende Völkerrechtsverletzung rügt der Verteidiger Servatius im Prozess gegen Eichmann.

Bis zum Ende des Prozessgeschehens bestreitet Eichmann seine rechtliche Verantwortlichkeit, obwohl er infolge seiner Teilnahme an der Wannseer Konferenz von Beginn an gewusst hatte, dass es sich bei den geplanten Lagern nicht um “Arbeits-‘” sondern um Vernichtungslager für einen Völkermord unfassbaren Ausmaßes handelte . Dennoch ist er offiziell bis zuletzt der Ansicht, dass es für ihn allein darauf angekommen sei, sich einer “Verwaltungsaufgabe” nach “bestem” Vermögen” zu widmen. Dass dieses “beste Vermögen” den Tod von 4 Millionen Menschen bedeutete, erreicht ihn argumentativ nicht, ist logisch nachrangig. Schließlich bietet er sich an, sich “aus moralischer Verantwortlichkeit” selbst zu erhängen. In diesem makabren Angebot liegt in letzter Konsequenz noch einmal das Bestreiten der strafrechtlichen Zuständigkeit der israelischen Gerichtsbarkeit.

Hannah Ahrendt, die dem Prozess als Beobachterin beiwohnte, charakterisierte den Angeklagten in „Der Prozess Eichmann. Die Banalität des Bösen“ als erschreckend normal: “Das Beunruhigende and der Person Eichmann war doch gerade, dass er war wie viele, und dass diese vielen weder pervers noch sadistisch, sondern schrecklich und erschreckend normal waren und sind. Vom Standpunkt unserer Rechtsauffassung und an unseren moralischen Urteilsmaßstäben gemessen, war diese Normalität erschreckender als alle Gräuel zusammengenommen, denn sie implizierte, dass dieser neue Verbrechertypus unter Bedingungen handelt, die es ihm beinahe unmöglich machen, sich seiner Untaten bewusst zu werden.“

Es ist diese “Banalität des Bösen”, ein Begriff, für dessen Prägung Arendt heftig angegriffen and angefeindet wurde, die Frage nach der Möglichkeit der Unrechtseinsicht des Täters, die bis heute beunruhigen muss. Wer den Standpunkt verteidigen wollte, dass die Handlanger des Völkermordes des Dritten Reiches in der Tat unter Umständen gehandelt hatten, die es ihnen unmöglich gemacht haben sollten, das Unrecht ihres Handelns trotz seiner Ungeheuerlichkeit zu erkennen (und dass es daher keinen rechtlich legitimen  Weg habe geben können, diese Taten gegenüber anderen Tätern als jenen der unmittelbaren Staatsführung zu verfolgen), muss in Konsequenz der eigenen Argumentation eigentlich in ständiger Furcht leben, dass sich die Geschichte wiederholt, vielleicht in neuem Kleid, dass sie sich möglicherweise in diesem Augenblick erneut zuträgt, wenn auch auf anderen Schauplätzen.