Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht

ImageIch erinnere. Ich träume. Ich erinnere. In einer fernen Stadt, einem fernen Kontinent träumte ich von einem längst verblühten Garten in Deutschland. “Die Veilchen nickten sanft, es war ein Traum.” Und von dem Gärtner, der diesen Garten mit Bauernhänden bewirtschaftete wie ein Feld.

Ich erinnere. Seine Hände, muskulöse, braun gefleckte Altershände, die Form dieser Hände, ihre erdschwere Stofflichkeit, ihren festen Griff, dem meine eigenen Hände kaum Kraft entgegenzusetzen haben. Ich erinnere eine unbeholfene, steife Umarmung, seine gedrungene Gestalt unter rauem Tweed, den von Zweifeln unberührten Klang seiner Stimme. Und einen Garten, seinen Garten.

Von Zeit zu Zeit träume ich von diesem Garten, in dem mein Bewusstsein sich entfaltet hatte wie fadiges Unkraut, träume von sauber geharkten Kieswegen, dem blank gescheuertem Betonboden der Terrasse, auf dem Ameisen in der Mittagsonne militärische Exerzitien halten, träume von der gnadenlosen Ordnung, die mein Großvater der Fülle des Sommers Jahr um Jahr abtrotzte, träume von mit Paketschnur abgesteckten Beeten, in denen er Gemüse und Blumen in geometrischer Ausrichtung hielt, sich Tag für Tag mit muskulösem Rundrücken hinabbeugend, um jedes zarte Blättchen keimenden Unkrauts unfehlbar auszureißen, sehe in Form gestochene Rasenflächen, kurz rasiert wie die Köpfe von Rekruten, giftgrüne Nylonnetze über Apfel-, Birnen-, Pflaumen- und Kirschbäumen, Stachel- und Johannisbeerbüschen, Erdbeerreihen und Himbeerranken.

Höre die genussvolle Litanei botanischer Ordnungsbegriffe, assoziiert mit flüchtigen Bildern. Solanum tuberosum, die Kartoffel, vier zartspinstige, weiße Blütenblätter, violettgesprenkelt wie die Triebe der gelagerten Knolle; Brassica oleracea var. capitata, der Weißkohl, im Wind tanzende, gelbe Bechersterne; Daucus carota, die Möhre, schäumend wie die Gischt der Schafgarbe in den Sommerwiesen; Cucumis sativus, die Gurke, sechsblättrig geteilter, weißer Schleier über fruchtig grünem Grund.

Bete ihm lautlos nach, dass Apfel (Malus communis pumila) Birne (Pyrus), Pflaume oder Zwetschke (Prunus domestica), Aprikose (Prunus armeniaca), die im nördlichen Klima nicht gedeihen wollte, Kirsche (Prunus avium), Erdbeere (Fragaria ananassa), Himbeere (Rubus idäus) und Brombeere (Rubus) allesamt Rosengewächse (rosaceä) seien.

Zierrosen, in Reih und Glied entlang des Rasens gepflanzt, liebte er als Sinnbild dieser üppigen und doch kultivierten Fruchtbarkeit, während er die Blumenbeete im Übrigen der Pflege meiner Großmutter anempfahl, der Blumengarten – Frauensache, nur hier und dort eine Korrektur, eine Rüge, ein schneller Schnitt.

Mit seinen Rosen sprach er, schmeichelte und schimpfte, streifte Maden einzeln von ihren Blättern und ertränkte sie in einem Eimer Laugenwasser. Drohte Frost, hüllte er jeden Rosenstrauch vorsichtig, bedacht, keinen Trieb, keine späte Knospe zu knicken, in Sackleinen, schüttete Torf und Schredderspäne an, kontrollierte jeden Morgen sorgenvoll, ob sie die Nacht gut überstanden hätten. Sein äußerstes an Zärtlichkeit gegenüber einem Geschöpf.

Mit annähernd religiöser Ehrfurcht war er seinen Rosen verbunden, das war selbst für ein Kind ersichtlich. Und doch war seine Liebe nicht von einfacher, tröstender Art, war sie nicht großmütig und mild, sondern streng, nicht annehmend, sondern fordernd. Niemals war es einer Rose erlaubt, in den Sträuchern zu überblühen, Rosenblätter, die sich aus den Blüten gelöst hatten, las mein Großvater täglich einzeln aus den Beeten. Aber auch Blüten, die nicht die gewünschte Größe erreichten, die den Augen meines Großvaters in irgendeiner Weise makelhaft erschienen, sei es durch fehlende Symmetrie, ein welkes Blütenblatt, unerwünschte Färbung, wurden abgeschnitten. Die welken Rosen, Rosenblätter und Zweige mischte er in einen gesonderten Komposthaufen, gemeinsam mit Apfelschalen und anderen Obstabfällen aus der Küche meiner Großmutter sowie dem Herbstlaub der Obstbäume. Die nährstoffreiche Erde, die er so produzierte, wurde im Frühjahr wieder in die Rosenbeete verteilt.

Was mein Großvater anstrebte, war nichts Geringeres als Perfektion. Er nannte es auch “Reinheit”. Seine Rosen glichen den Abbildungen in den Gartenkatalogen, in denen er im Winter blätterte. Ich besitze eine alte Fotographie aus den siebziger Jahren, in nunmehr vergilbten Kodakfarben, auf der eine einzelne Rose zu sehen ist, die in ihrer formalen Symmetrie beinahe unwirklich scheint. Die sommerliche Wildheit von Heckenrosen oder die lieblichen Zerstreutheit einer Bauernrose sprachen nicht zu meinem Großvater. Schönheit war für ihn gleichbedeutend mit Ordnung, alles musste von Ordnung durchdrungen sein, einer unbarmherzigen, unabwendbaren Ordnung, die es aufzudecken oder herzustellen galt. Seine Ordnung. Seine Ordnung. Ein unaufhörliches Mahlwerk.