Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht

ImageIch erinnere. Ich träume. Ich erinnere. In einer fernen Stadt, einem fernen Kontinent träumte ich von einem längst verblühten Garten in Deutschland. “Die Veilchen nickten sanft, es war ein Traum.” Und von dem Gärtner, der diesen Garten mit Bauernhänden bewirtschaftete wie ein Feld.

Ich erinnere. Seine Hände, muskulöse, braun gefleckte Altershände, die Form dieser Hände, ihre erdschwere Stofflichkeit, ihren festen Griff, dem meine eigenen Hände kaum Kraft entgegenzusetzen haben. Ich erinnere eine unbeholfene, steife Umarmung, seine gedrungene Gestalt unter rauem Tweed, den von Zweifeln unberührten Klang seiner Stimme. Und einen Garten, seinen Garten.

Von Zeit zu Zeit träume ich von diesem Garten, in dem mein Bewusstsein sich entfaltet hatte wie fadiges Unkraut, träume von sauber geharkten Kieswegen, dem blank gescheuertem Betonboden der Terrasse, auf dem Ameisen in der Mittagsonne militärische Exerzitien halten, träume von der gnadenlosen Ordnung, die mein Großvater der Fülle des Sommers Jahr um Jahr abtrotzte, träume von mit Paketschnur abgesteckten Beeten, in denen er Gemüse und Blumen in geometrischer Ausrichtung hielt, sich Tag für Tag mit muskulösem Rundrücken hinabbeugend, um jedes zarte Blättchen keimenden Unkrauts unfehlbar auszureißen, sehe in Form gestochene Rasenflächen, kurz rasiert wie die Köpfe von Rekruten, giftgrüne Nylonnetze über Apfel-, Birnen-, Pflaumen- und Kirschbäumen, Stachel- und Johannisbeerbüschen, Erdbeerreihen und Himbeerranken.

Höre die genussvolle Litanei botanischer Ordnungsbegriffe, assoziiert mit flüchtigen Bildern. Solanum tuberosum, die Kartoffel, vier zartspinstige, weiße Blütenblätter, violettgesprenkelt wie die Triebe der gelagerten Knolle; Brassica oleracea var. capitata, der Weißkohl, im Wind tanzende, gelbe Bechersterne; Daucus carota, die Möhre, schäumend wie die Gischt der Schafgarbe in den Sommerwiesen; Cucumis sativus, die Gurke, sechsblättrig geteilter, weißer Schleier über fruchtig grünem Grund.

Bete ihm lautlos nach, dass Apfel (Malus communis pumila) Birne (Pyrus), Pflaume oder Zwetschke (Prunus domestica), Aprikose (Prunus armeniaca), die im nördlichen Klima nicht gedeihen wollte, Kirsche (Prunus avium), Erdbeere (Fragaria ananassa), Himbeere (Rubus idäus) und Brombeere (Rubus) allesamt Rosengewächse (rosaceä) seien.

Zierrosen, in Reih und Glied entlang des Rasens gepflanzt, liebte er als Sinnbild dieser üppigen und doch kultivierten Fruchtbarkeit, während er die Blumenbeete im Übrigen der Pflege meiner Großmutter anempfahl, der Blumengarten – Frauensache, nur hier und dort eine Korrektur, eine Rüge, ein schneller Schnitt.

Mit seinen Rosen sprach er, schmeichelte und schimpfte, streifte Maden einzeln von ihren Blättern und ertränkte sie in einem Eimer Laugenwasser. Drohte Frost, hüllte er jeden Rosenstrauch vorsichtig, bedacht, keinen Trieb, keine späte Knospe zu knicken, in Sackleinen, schüttete Torf und Schredderspäne an, kontrollierte jeden Morgen sorgenvoll, ob sie die Nacht gut überstanden hätten. Sein äußerstes an Zärtlichkeit gegenüber einem Geschöpf.

Mit annähernd religiöser Ehrfurcht war er seinen Rosen verbunden, das war selbst für ein Kind ersichtlich. Und doch war seine Liebe nicht von einfacher, tröstender Art, war sie nicht großmütig und mild, sondern streng, nicht annehmend, sondern fordernd. Niemals war es einer Rose erlaubt, in den Sträuchern zu überblühen, Rosenblätter, die sich aus den Blüten gelöst hatten, las mein Großvater täglich einzeln aus den Beeten. Aber auch Blüten, die nicht die gewünschte Größe erreichten, die den Augen meines Großvaters in irgendeiner Weise makelhaft erschienen, sei es durch fehlende Symmetrie, ein welkes Blütenblatt, unerwünschte Färbung, wurden abgeschnitten. Die welken Rosen, Rosenblätter und Zweige mischte er in einen gesonderten Komposthaufen, gemeinsam mit Apfelschalen und anderen Obstabfällen aus der Küche meiner Großmutter sowie dem Herbstlaub der Obstbäume. Die nährstoffreiche Erde, die er so produzierte, wurde im Frühjahr wieder in die Rosenbeete verteilt.

Was mein Großvater anstrebte, war nichts Geringeres als Perfektion. Er nannte es auch “Reinheit”. Seine Rosen glichen den Abbildungen in den Gartenkatalogen, in denen er im Winter blätterte. Ich besitze eine alte Fotographie aus den siebziger Jahren, in nunmehr vergilbten Kodakfarben, auf der eine einzelne Rose zu sehen ist, die in ihrer formalen Symmetrie beinahe unwirklich scheint. Die sommerliche Wildheit von Heckenrosen oder die lieblichen Zerstreutheit einer Bauernrose sprachen nicht zu meinem Großvater. Schönheit war für ihn gleichbedeutend mit Ordnung, alles musste von Ordnung durchdrungen sein, einer unbarmherzigen, unabwendbaren Ordnung, die es aufzudecken oder herzustellen galt. Seine Ordnung. Seine Ordnung. Ein unaufhörliches Mahlwerk.

Das Möbiusband

K fährt vorsichtig mit der Spitze ihres Zeigefingers an der goldenen Schlinge entlang. Der Anhänger ist das kunstvolle Modell eines Möbiusbandes, ein mathematisches Fingerspiel. Ihr Großvater, Nicolai Rieper, hatte es für seine Frau anfertigen lassen, lange vor Ks Geburt. Es … Continue reading

Die Radbruchsche Formel und Restitutionsansprüche

Notiz: Radbruch zum gesetzlichen Unrecht und der Natur übergesetzlichen Rechts. Nach der sogenannten Radbruch’schen Formel entschied das BVerfG 1968,  dass die Akte der Vermögenseinziehung unter den Nationalsozialisten nicht isoliert, sondern nur in ihrem Kontext der Vernichtung von Menschen zu bewerten seien und der BGH, dass diese Akte “niemals Recht, sondern von Anfang an das Gegenteil, nämlich krasses Unrecht waren.” Allerdings legte der BGH zugleich dar, dass die alliierten Rückerstattungsgesetze – auch wenn sie faktisch einen weiten Ausschluss konkreter Rückgabebegehren bewirkten, rechtmäßig waren – da sie die wieder  herzustellende Rechtssicherheit als eines hohen Gutes des Rechtsstaates zu schaffen geeignet gewesen seien. Die Frage bleibt bis heute: wenn das Unrecht so krass (Wortlaut der Entscheidung) war, dass die Unerträglichkeitsklausel Radbruchs zur Anwendung kommen konnte (und daran besteht kein Zweifel), wie anders als durch vollständige Wiedergutmachung konnte ihm auch in rechtlich hinreichender Weise geantwortet werden?

Und weiter: der Rechtsfrieden, der derart wieder hergestellt wurde, war nicht der Rechtsfrieden derjenigen, die ihres Lebens, ihrer Lebenswerke und ihres Vermögens beraubt wurden. Wie die Erben Max Sterns es formulieren: Rechtsfrieden auf Seiten der Opfer des nationalsozialistischen Regimes kann erst mit Befriedung der Ansprüche durch Restitution geschehen.

Sehen wir in die Passage des BGH, mit welcher im Jahr 1953 der Rechtsfrieden der jungen Bundesrepublik mit den Folgen einer umfassenden Aufarbeitung und Restitution aufgewogen wird, so bleibt der Eindruck einer gewissen Hast. Hier heißt es in einer für eine BHG Entscheidung recht nachlässigen Sprache (siehe: “Rechtswirrwarr”): “Dadurch, dass der nationalsozialistische Staat in der Lage gewesen war, seine Akte des Unrechts viele Jahre mit allen ihm zur Verfügung stehenden Machtmitteln durchzusetzen, waren deren Auswirkungen auf allen Lebensgebieten so weittragend und tiefgreifend, dass nur ein neuer Rechtswirrwarr entstanden wäre, wenn die Rechtsordnung über die nun einmal entstandene Tatsachen einfach durch Nichtbeachtung hinweggegangen wäre. Die Entwirrung des durch jene Unrechtsakte geschaffenen Chaos konnte vielmehr nur durch eine besondere gesetzliche Regelung vorgenommen werden.”  BGHZ 9,34 (44 f.) = NJW 1953, 542

“Weittragend und tiefgreifend” war in der Tat die Aufgabe, die sich der jungen Bundesrepublik in der Aufarbeitung seiner jüngsten Vergangenheit stellte und welcher sie jedenfalls in den fünfziger Jahren nach wohl inzwischen einhelliger Auffassung nicht nachkam. Zu stark war der Wiedereinzug von unter dem Nationalsozialisten tätigen Funktionären in die Ämter der jungen Bundesrepublik. Bequemlichkeit, Wiederaufbaueuphorie, eine fehlende Auswahl alternativer, fachlich kompetenter Anwärter (weil diese ermordet oder vertrieben worden waren) – dies sind die nachsichtigsten Erklärungen der Dynamik jener Zeit. “Weittragend und tiefgreifend” – wie im Grundsatz vom BGH erkannt – wäre das Maß für ein hinreichendes Gesetz gewesen, die aus dem Unrecht resultierenden Vermögensverluste zu restituieren. Wenn das Unrecht derart krass ist, dass die Radbruchsche Formel der Unerträglichkeit zum Tragen kommt, so bleibt das erlittene Unrecht als unerträglich im Sinne Radbruchs bestehen, wenn ihm keine ausgleichendes oder doch wenigstens ausgleichende Gerechtigkeit anstrebendes Recht zur Seite gestellt wird.

Ein Gesetz, dass dies nicht bewirken kann, so bleibt zu argumentieren, hat auch nicht die Kraft das “krasse Unrecht” zu befrieden.

Der Fall Eichmann: Strafrechtliche Verantwortlichkeit für staatlich legitimiertes Handeln

Der Fall Eichmann: Strafrechtliche Verantwortlichkeit für staatlich legitimiertes Handeln.

In der letzten Wochenende-Ausgabe der “taz” (vom 15.03.14) erschien ein Interview zum Thema Restitution von beschlagnahmter Kunst während des Terrorregimes der Nationalsozialisten in Deutschland, das auf zwei langen, anregenden Gesprächen mit der taz-Redakteurin Petra Schellen beruhte, die mir Gelegenheit gab, zu diesem Themenkreis umfassend Stellung zu nehmen. In diesem Interview ist unter anderem in den biografischen Hinweisen von diesem Buch “Nachtwachen” die Sprache, auf das ich seither mehrmals angesprochen wurde. Auf der hier verlinkten Webseite “nachtwachenroman.com” finden sich für den Interessierten Ausschnitte aus dem Roman. Vielen Dank für das Interesse!

Die Strafprozessordnung als Mittel zur Restitution von NS-Raubkunst?

Jenen, die mir im Zusammenhang mit meinem kurzen dpa-Interview zu der von den von Herrn Cornelius Gurlitt beauftragten Rechtsanwälte eingelegten Beschwerde gegen die Beschlagnahme der Bilder aus der Schwabinger Wohnung, geschrieben haben:

Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, Ihre Meinung zu dem Vorgehen der Ermittlungsbehörden im Fall Gurlitt zu artikulieren. In der Tat halte ich die Strafprozessordnung nicht für das geeignete Mittel, eine Restitution von NS-Raubkunst auf rechtsstaatlichem Wege zu erreichen. Wie Sie dem Artikel auch entnehmen konnten, plädiere ich hingegen dafür, dass wir den Erben der rechtmäßigen Eigentümer endlich durch entsprechende Gesetzgebung die rechtlichen Instrumentarien zur Restitution bereit stellen, um erlittenes Unrecht jedenfalls so weit wieder auszugleichen, wie das durch die Rückgabe der Bilder an die Erben geschehen kann.

Dass ich fordere, dass dies mit rechtsstaatlichen Mitteln zu geschehen habe, ist in meinen Augen eine demokratische Grundforderung, die ich gerade in Hinsicht auf die Erfahrungen unseres Landes während des NS-Regimes für unerlässlich halte.

Vielleicht können Sie selbst durch engagierte Meinungsbildung bei Ihren Vertretern im Bundestag dazu beitragen, dass ein Gesetz zur Restitution von NS-Raubkunst verabschiedet wird. Ich weiß aus meiner Arbeit mit Jugendlichen, dass auch unter jungen Menschen der Wunsch zu einem Ausgleich des maßlosen Unrechts, das jüdischen Mitbürgern während des NS- Regimes zugefügt wurde, weit verbreitet ist und nach wie vor viele Menschen eben gerade nicht der Meinung sind, dass “dies alles lang zurückliegt”.

Die Bibliothek der Schatten (aus dem Roman: Nachtwachen)

Signature of James Joyce from Ulysses, 1936 Bo...

Signature of James Joyce from Ulysses, 1936 Bodley Head Edition, Copy #3 of 100 (Photo credit: Wikipedia)

Der Urgroßvater hatte sein gesamtes Leben in Schleswig-Holstein verbracht, dennoch war er nach den Darstellungen seines Sohnes des Englischen auf eine Weise mächtig gewesen, die es ihm erlaubt haben musste, Joyce im Original zu lesen. Mit Bedauern empfindet K ihre jugendliche Ignoranz. Sie hatte immer nur ungeduldig darauf gewartet, dass die Geschichte, die der Großvater ihr wieder und wieder erzählte, ein Ende haben möge, so dass sie sich wieder ihrem eigenen Buch widmen konnte. Außerdem war es K von Kindheit an selbstverständlich gewesen, dass Wissen einfach durch beharrliches Interesse erworben wird.

Sie hatte es niemals in Frage gestellt, dass ein Dorflehrer sich in seinem Studierzimmer ganz seinem Interesse an zeitgenössischer Literatur widmen konnte, weil sie auch ihren Großvater in fortwährender Beschäftigung mit Ideen und Wissen erlebt hatte, die ihren Ursprung ausschließlich in seiner Lektüre zu haben schienen. Erst jetzt kommt ihr dies bemerkenswert vor.

Erst jetzt versteht sie, dass die Geschichte, die ihr Großvater ihr erzählte, tatsächlich von zwei Elementen bestimmt war. Die Leidenschaft des Urgroßvaters für seine Bücher, das war nur die eine, die leicht erinnerte Seite der Geschichte. Das andere Element der Erzählung, jenes dass K lange überhört hatte, das sie erst jetzt, in der Erinnerung erfasst, war, dass der Großvater sich immer nach seinem Vater gesehnt hatte. Dass er als Junge einen Vater gehabt hatte, der sich einer Sache mit ganzer Leidenschaft zu widmen verstand, während er sich um seinem Sohn nur mit kühlem Pflichtbewusstsein zuwendet. Er vernachlässigt ihn nie. Aber er ist auch niemals wirklich anwesend. Die Sehnsucht, die den Jungen umtreibt, sieht er nicht. 

Und doch wird auch dieser Sohn, mein Großvater, viele Jahre seines Lebens vor seinem eigenen Bücherschrank verbringen und sich seinen  Ideen widmen, während er als Herausgeber einer lokalen Zeitung landwirtschaftliche Ausstellungen besucht und Anzeigenkunden wirbt. Niemals gibt er seine lebenslange Suche nach einer Erklärung dafür auf, dass Ideen die Macht haben, den Lauf der Geschichte zu bestimmen, zum Guten wie zum Grausamen. Wer denken würde, dass der Großvater sich in der Folge seiner Laufbahn eine kryptofaschistische Bibliothek zusammengestellt hätte, um der verflossenen Zeit des NS-Regimes hinterher zu trauern, befände sich im Irrtum. Dennoch ist es eine komplizierte Sammlung von Titeln, die K nach seinem Tod in den Händen hält und von der einiges nun in ihrer eigenen Bibliothek steht.  Literatur von Halldor Laxness, Anna Seghers, Lion Feuchtwanger, Franz Kafka standen in dem Eichenschrank des Großvaters Seite an Seite mit der Deutschen Geschichte von Golo Mann und Sachbüchern des Spiegel Chefredakteurs Stefan Aust. Bibliophile Ausgaben von Victor Hugo, James Joyce, Ezra Pond, Knut Hamsun und Gottfried Benn hielten seltsame Nachbarschaft mit Heinrich Harrers “Sieben Jahre in Tibet” und “Die weisse Spinne” und dem “Mahabaratha”. Mit dem Bürgerlichen Gesetzbuch und einer Festausgabe des Grundgesetzes.

Und schließlich hatte K eine ganz ähnliche Wissenssuche in den Archiven der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Freien Universität Berlin fortgesetzt. Ohne sich Rechenschaft darüber abzulegen, wonach sie suchte und warum. Eine Suche, die jetzt, zehn Jahre nach dem Tod des Großvaters andauert. Bücher des Urgroßvaters und des Großvaters begleiten sie dabei wie eine Sammlung von Wissen, das sich immer schon versteht. Wie schwer ist es, sich aus diesem Wissen zu lösen und selbst zu denken.

Ob der Dorflehrer Genugtuung bei dem Gedanken empfunden hätte, dass sein Sohn und jetzt seine Urenkelin immer noch mit seinen Büchern leben? Mit Büchern, die er mit dem Rest einer Erbschaft und seinem Gehalt als Dorfschullehrer bei einem Buchhändler in Kiel erworben hatte.  Obwohl er lange vor der Geburt selbst  ihrer Mutter bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen war, hält K es für nicht ausgeschlossen, dass die Leidenschaft dieses Dorflehrers mit ursächlich sein mag an ihrer eigenen Liebe zur englischen Sprache, die sie so weit auf die Reise geschickt hat, an ihrer Leidenschaft für Sprache überhaupt, an ihrer Leidenschaft für Recherche.

Und sie könnte diese Leidenschaft für Bücher und Ideen als ein Erbe der ganz besonderen Art annehmen, diese Leidenschaft für das Wissen über Generationen, wenn sie die Lebensgeschichte ihres Großvaters ignorieren könnte. Wenn sie sich selbst davon überzeugen könnte, dass die Form, welche die Leidenschaft des Urgroßvaters angenommen hatte, nicht den fruchtbaren Boden für die blinden Überzeugungen des Großvaters geschaffen hätte. Und wenn sie nicht befürchten würde, dass tief in ihr derselbe Wille zur gnadenlosen Konsequenz verborgen läge.

„Die Dubliners“, erstmals herausgegeben 1914 in England durch den Verleger Grant Richards, erscheint mit dem Beginn des ersten Weltkrieges. Bereits 1916, Nick Rieper ist 10 Jahre alt, sind Deutschland und Großbritannien Kriegsgegner in einem grauenhaften Krieg, der sich wie Feuer ausbreitet und 17 Millionen Menschen das Leben kosten soll. Wie war es möglich gewesen, dass in einem Winkel Schleswig-Holsteins ein Dorfschullehrer sich den Antagonismen der Zeit gegenüber blind zu sein erlaubte und sich dieses Buch zu seiner persönlichen Bibel erkor? Und wie war dieses Buch, die englische Originalausgabe der Dubliners zu ihm gelangt?

Der Fall Eichmann: strafrechtliche Verantwortlichkeit für staatlich legitimiertes Handeln

English: Defendant Adolf Eichmann (inside glas...

English: Defendant Adolf Eichmann (inside glas booth) is sentenced to death by the court at the conclusion of the Eichmann Trial. At the left table seated with two persons, the person on the right (with white hair and headphones) is defense counsel Robert Servatius. (Photo credit: Wikipedia)

http://nachtwachenroman.com/2013/11/22/der-fall-eichmann-strafrechtliche-verantwortlichkeit-fur-staatlich-legitimiertes-handeln/

New York 1998. K sitzt an einem Fenstertisch in ihrem Coffee Shop an der Ecke 94ste Straße und Columbus, trinkt bitteren Kaffee aus einem Pappbecher, starrt aus dem Fenster, und wartet darauf, dass ihr eigener Tag beginnen möge. Jeden Morgen wartet sie so, schaut durch den steten Strom vorbeieilender Passanten, und wartet, dass die Gedanken zurückkehren mögen. Gewöhnlich bringt sie ein Notizbuch und Bleistifte. An diesem Tag liegt neben dem Pappbecher auch ein fettbefleckter, etwas vergilbter Umschlag, adressiert in ihrer eigenen Schrift.  Ein handschriftlicher Bogen und einige Kopien von mit Schreibmaschine beschriebenen Seiten, eineinhalb Zeilen Zeilenabstand, ein Drittel Rand,  die zehn Jahre in diesem Umschlag verborgen waren,  liegen entfaltet vor ihr. Zuletzt hatte sie diese Papiere 1986 in Berlin in den Händen gehalten, gefaltet, in den Umschlag geschoben, den Umschlag adressiert und ihn aufgegeben. Nun sind sie ihr nach New York gefolgt.

Berlin, 16. Juni 1986

Lieber Großvater,

herzlichen Glückwunsch zu Deinem achtzigsten Geburtstag! Ich wäre gerne bei Dir, um mit der Familie Deinen Geburtstag zu feiern. Wir holen es in den Semesterferien nach.

Einstweilen sende ich Dir dieses kleine Paket. Ich hoffe, die Zeichnung gefällt Dir, ich bin dafür mehrere Nachmittage zum Kopieren in die Dahlemer Sammlung gegangen. Dieses kleine Stillleben mit Erdbeeren ist mein liebstes Bild aus der flämischen Galerie.

Du fragst ja immer nach meinem Studium. Mit gleicher Post sende ich Dir daher eine Kopie meines Referates in der Projektgruppe Staatsschutzstrafrecht, “Strafrechtliche Verantwortlichkeit für staatlich legitimiertes Handeln – der Fall Eichmann.” Ich habe noch viele Fragen. 

Deine Katja

„Im Sinne der Anklage – nicht schuldig.“  lautet die Erwiderung Adolf Eichmanns auf die Anklage des Staates Israel, vertreten durch den Generalstaatsanwalt Gideon Hausner.

Vier der Einzelanklagen der israelischen Staatsanwaltschaft legen dem  Angeklagten Verbrechen am jüdischen Volk zur Last, weitere sieben Verbrechen gegen die Menschheit, eine  beschuldigt ihn des Kriegsverbrechens und drei der Mitgliedschaft in feindlichen Organisationen, der Gestapo, der SS und dem SD.  Als rechtliche Grundlage der Anklage zieht der Generalstaatsanwalt  das am 1. August 1950 erlassene Gesetz zur Bestrafung der Nationalsozialisten und ihrer Helfer heran.

Der Strafprozess gegen Adolf Eichmann vor einer Sonderkammer des Bezirksgerichtes Jerusalem beginnt am 11. April 1961. Am 31. Mai 1962 lehnt der Präsident des Staates Israel die eingereichten Gnadengesuche Eichmanns, aber unter anderem auch der Central Conference of American Rabbis und einer Gruppe von Professoren der hebräischen Universität Jerusalems, vertreten durch Martin Buber, ab. Das Todesurteil wird kurz vor Mitternacht desselben Tages durch Erhängen vollstreckt.

Dem Prozess liegt nach israelischer Auffassung die rechtliche Argumentation zugrunde, dass schwerwiegende Verstöße gegen durch das Völkerrecht international geschützte Rechtsgüter nach dem sogenannten Weltrechtsprinzip zu ahnden seien. Dies gelte fraglos für die Vorbereitung und Teilnahme am Völkermord.  Der Staat Israel sieht sich als Vertreter des jüdischen Volkes zur Rechtsfindung im Fall Eichmann prozessual zuständig.

Die Verteidigung durch den Pflichtverteidiger Robert Servatius argumentiert, dass die Amtshandlungen Eichmanns seien zu ihrer Zeit nicht strafbar gewesen seien, und zwar weder nach deutschem noch nach internationalem Recht. Das Gesetz zur Bestrafung der Nationalsozialisten und ihrer Helfer sei erst im Jahr 1950 erlassen worden und dürfe nach rechtsstaatlichen Prinzipien rückwirkend nicht angewandt werden. Der Transport der Juden in die Vernichtungslager sei Eichmann als Amtshandlung rechtlich verpflichtend von dem deutschen Staat als Arbeits- und Befehlsgeber auferlegt worden. Dieselbe Handlung könne aber nicht gleichzeitig rechtmäßig und rechtswidrig sein. Der einzelne dürfe sich auf die Wertung seiner nationalen Rechtsordnung verlassen.

Eichmann habe zwar den Transport der Juden in die Vernichtungslager organisiert. Dieser Aufgabe habe er sich jedoch ausschließlich im Verwaltungsverfahren von seinem Schreibtisch in Berlin aus als Leiter des sogenannten Judenreferates mit der Bezeichnung IV B4 gewidmet.  In den Vernichtungslagern selbst sei er nur zu “Ortsterminen” erschienen. Er sei in allen Angelegenheiten seit seiner Teilnahme als Protokollführer an der Wannseekonferenz, auf welcher die sogenannte “Endlösung” initiiert wurde, dennoch  lediglich ein befehlsgebundener Staatsdiener gewesen. Kurz, er habe mit Akten gearbeitet. Bei der Wahrnehmung seiner Aufgabe habe es sich  um die rein administrative Ausführung eines sogenannten “act of state” gehandelt, für die ausschließlich der Staat selbst und die unmittelbare Staatsführung, nicht aber seine Befehlsgebundenen zur Verantwortung gezogen werden könnten.

Eichmann selbst verweigert sich selbst der Einsicht, dass seine effiziente Planung des Transports Tausender von Menschen in die Vernichtungslager unmittelbar den Genozid vorbereitet und ihn erst ermöglicht hatte.  Eichmann sieht seine Rolle noch während des Prozesses nur als Ausführung einer “Verwaltungsaufgabe”, die er nach bestem Vermögen wahrzunehmen sich verpflichtet sah. Immer wieder hebt er gegenüber den israelischen Untersuchungsbehörden hervor, dass er „persönlich niemals feindselige Gefühle gegen einen Juden“ verspürt habe und im Gegenteil „manchen geradezu freundschaftlich“ verbunden gewesen sei. Dass selbst nur eine Verminderung seiner Effizienz vielen Tausenden von Menschen das Leben hätte retten können, scheint ihm niemals in den Sinn zu kommen.

Als Administrator war Eichmann in der Tat während der Zeit des nationalsozialistischen Regimes gesichtslos und namenlos geblieben. Unter Inanspruchnahme der Hilfe des katholischen Bischofs  Alois Hudal war Eichmann ebenso wie der KZ-Arzt Josef Mengele, der Chefkonstruktuer der Gaswagen Walter Rauf, der SS- und Gestapo Chef von Lyon Klaus Barbie und andere Henker und Schlächter des nationalsozialistischen Regimes entlang der sogenannten “Rattenlinie”, der rat line,  über Rom nach Argentinien geflohen. Erst 1960 hatte ihn der israelische Geheimdienst dort aufgespürt und ihn nach Israel entführt. Auch die hierin mangels Auslieferungsabkommens zwischen Argentinien und Israel  liegende Völkerrechtsverletzung rügt der Verteidiger Servatius im Prozess gegen Eichmann.

Bis zum Ende des Prozessgeschehens bestreitet Eichmann seine rechtliche Verantwortlichkeit, obwohl er infolge seiner Teilnahme an der Wannseer Konferenz von Beginn an gewusst hatte, dass es sich bei den geplanten Lagern nicht um “Arbeits-‘” sondern um Vernichtungslager für einen Völkermord unfassbaren Ausmaßes handelte . Dennoch ist er offiziell bis zuletzt der Ansicht, dass es für ihn allein darauf angekommen sei, sich einer “Verwaltungsaufgabe” nach “bestem” Vermögen” zu widmen. Dass dieses “beste Vermögen” den Tod von 4 Millionen Menschen bedeutete, erreicht ihn argumentativ nicht, ist logisch nachrangig. Schließlich bietet er sich an, sich “aus moralischer Verantwortlichkeit” selbst zu erhängen. In diesem makabren Angebot liegt in letzter Konsequenz noch einmal das Bestreiten der strafrechtlichen Zuständigkeit der israelischen Gerichtsbarkeit.

Hannah Ahrendt, die dem Prozess als Beobachterin beiwohnte, charakterisierte den Angeklagten in „Der Prozess Eichmann. Die Banalität des Bösen“ als erschreckend normal: “Das Beunruhigende and der Person Eichmann war doch gerade, dass er war wie viele, und dass diese vielen weder pervers noch sadistisch, sondern schrecklich und erschreckend normal waren und sind. Vom Standpunkt unserer Rechtsauffassung und an unseren moralischen Urteilsmaßstäben gemessen, war diese Normalität erschreckender als alle Gräuel zusammengenommen, denn sie implizierte, dass dieser neue Verbrechertypus unter Bedingungen handelt, die es ihm beinahe unmöglich machen, sich seiner Untaten bewusst zu werden.“

Es ist diese “Banalität des Bösen”, ein Begriff, für dessen Prägung Arendt heftig angegriffen and angefeindet wurde, die Frage nach der Möglichkeit der Unrechtseinsicht des Täters, die bis heute beunruhigen muss. Wer den Standpunkt verteidigen wollte, dass die Handlanger des Völkermordes des Dritten Reiches in der Tat unter Umständen gehandelt hatten, die es ihnen unmöglich gemacht haben sollten, das Unrecht ihres Handelns trotz seiner Ungeheuerlichkeit zu erkennen (und dass es daher keinen rechtlich legitimen  Weg habe geben können, diese Taten gegenüber anderen Tätern als jenen der unmittelbaren Staatsführung zu verfolgen), muss in Konsequenz der eigenen Argumentation eigentlich in ständiger Furcht leben, dass sich die Geschichte wiederholt, vielleicht in neuem Kleid, dass sie sich möglicherweise in diesem Augenblick erneut zuträgt, wenn auch auf anderen Schauplätzen.

Mehr Fragen auf Umwegen: Das Museum in der Invalidenstraße (aus dem Roman Nachtwachen)

http://nachtwachenroman.com/2013/07/19/das-museum-fur-naturkunde-in-der-invalidenstrase-1986/

Berlin, 13. März 1986

Lieber Großvater,

gestern bin ich mit der S-Bahn nach Ostberlin gefahren, um ins Naturkundemuseum in der Invalidenstraße zu gehen, wie Du vorgeschlagen hast. Ich musste beim Grenzübergang 25 D-Mark in Ostmark umtauschen, Zwangsumtausch. Danke für das Weihnachtsgeld, Großvater.

Germany - 1923 - 2000000 Marks - FrontGermany – 1923 – 2000000 Marks – Front (Photo credit: evilsoapbox)

Ich wünschte, Du hättest mir mehr aus Deiner Berliner Zeit erzählt! Verglichen zum Beispiel mit demSchloss Charlottenburg in seinem sorgfältig rekonstruierten Zustand, scheinen die Museumsinsel oder das Naturkundemuseum  trotz ihrer Größe und zentralen Lage beinahe vergessen, als würden sie hier nur noch geduldet, als sei es eine Frage der Zeit, bis man sich ihrer entledigen wolle. Fontanes Großbürgertum lässt sich, so finde ich,  hier in Ost-Berlin ironischerweise besser beschwören als im Westen, der eigentlich nur noch eine sorgfältig inszenierte Touristenkulisse des zwanzigsten Jahrhunderts zu sein scheint.

Das Naturkundemuseum hat sich gewiss nicht verändert, seit Du in den vierziger Jahren an Deinen freien Wochenenden dort ein- und ausgegangen bist, wahrscheinlich ist seither nicht einmal Staub gewischt worden. Du hast gemeint, das Museum lege Zeugnis ab von der hohen Zeit der Taxonomie in Deutschland Ende des vorigen Jahrhunderts, ein unerschöpfbarer Vorrat an Wissen sei hier gesammelt und dem Volk (Deine Worte) zur Belehrung zugänglich gemacht worden. Du warst empört, als ich erwiderte, ich fände keinen Gefallen an ausgestopften Tieren. Du meintest, es stünde mir nicht an, zu beurteilen, was ich nicht einmal gesehen habe und wolltest meinen Einwand nicht gelten lassen, dass man nicht unbedingt Augenzeuge sein müsse, um einen Sachverhalt zu beurteilen. Das sei nichts als juristische Wortverdreherei, hast Du gesagt, und daraus seien schon viele Missverständnisse entstanden. (Sprichst Du deshalb fast niemals über Deine Zeit in Berlin, Großvater? Oder Allenstein, heute Olsztyn? Oder Stuttgart?

Jedenfalls bin ich also jetzt dort gewesen, um mir selbst ein Bild zu machen. Du hast gesagt, das Naturkundemuseum sei ein Ort, der dem Verständnis des Lebens diene, ich empfand es eher als ein Ort, an dem der Tod präzise kultiviert wird. Taxonomie, Wissenschaft von der Bestimmung, Einordnung und Benennung der Lebewesen. Du zitiertest sogar die Bibel, die Du als Kulturquelle bezeichnest:  Indem Gott, der Herr, die Wesen benannte, rief er sie ins Leben, Namen waren sein Schöpfungsgesang. Als Du dieses Zitat anführtest, musste ich übrigens daran denken, wie auch Du abendlich durch Deinen Garten, Deine Schöpfung, gehst, und Deine Obstbäume, Gemüse, Blumen bei ihrem Namen rufst, “Ihr seid mein.”  Aber zurück zum Naturkundemuseum, und mit Deinen eigenen Worten: Der lautlose Gott wilhelminischer Wissenschaft, indem er bestimmt, einordnet und benennt, zitiert was ist, lebendig ist, in die staubige Stille des Todes in der Invalidenstraße.

Fruchtlose, furchtbare Gelehrsamkeit: Augen aus Glas in ausgebeulten Bälgern, die nur schwerlich vom Staub freizuhalten in den Jahren stumpf und brüchig geworden sind. Das Register des Lebendigen – ein Ort des Todes. Erfasst wird, was die Schlachtung überdauert: die butterbrotpapierne Hirnhaut des Meerkätzchens, der grün schimmernde Flügel eines gepfählten, chitinhaarigen Insekts, Froschhaut eingegossen in einen Teich aus längst vergilbtem Harz, ein Hermelin in blutwilder Königswürde, erstarrt in respektloser Offenbarung, die Flüchtigkeit einer Maus, klein und unbedeutsam in ihrem sezierten Mäusebau, ohne Ausweg in alle Ewigkeit, der Kadaver des mutierten Zooaffen, dessen Namen, Charlie, Du so zärtlich rekapituliertest. Alle in graugrünem Licht mit pedantischer Beschriftung. Mit beziehungslosen, dekorativen Grabbeigaben bedacht. Ein Museum der Monstrositäten.

Augen stieren, aber der Draht, mit dem sie in das Leder gebohrt sind, überträgt keine Impulse in sägemehl-verdichtete Leere. Das sorgfältig konservierte Wesen, das, lebendig, sich nicht darin erschöpft hatte, eine bestimmbare Masse von Herz, Niere und Hirn zu sein, Schnauze, Klauen, Fellzeichnung, denn da all diese Attribute ihm zugeordnet waren, musste es etwas gewesen sein, das außerhalb dieser organischen, des Besitzes fähigen Gegenständlichkeit existiert hatte, dieses Wesen, das möglicherweise mehr gewesen war als eine Funktion seiner zusammenwirkenden organischen Fähigkeiten, dieses Wesen ist jetzt fort. Was immer es gewesen sein mag, das es vermocht hatte, dem Lederbalg den blinden Zweck Leben und Kommunikation einzuhauchen, hat sich Konservierung und quantitativer Erfassung entzogen. Schöpfungsgesang, Großvater. Name und Musik.

Deshalb mutet der Versuch, die lebendige, natürliche Ordnung durch eine Ausstellung von Kadavern zu rekonstruieren, armselig an. Eine gescheiterte, lineare Klassifikation des Lebendigen. Treffend wiedergegeben in wilhelminischer Gelehrsamkeit indes findet sich die erworbene Unfähigkeit des Menschen, das Leben anders als durch seine Besitzverhältnisse wahrzunehmen. Die Zurschaustellung des Toten als etwas vorgeblich Lebendigen erzieht zu eben dieser Taubheit gegenüber der wesentlich komplexeren, reicheren Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen. “ Ich bin fast zu dem Satz gediehen: „Bildung ist ein Weltunglück.““ Fontane.

Hätte man all diese jämmerlichen Reste nicht unter dem rein physiognomischen Anschein des Lebens, sondern als Totes konserviert und ausgestellt! Dort hinge das Hermelin schlaff über den dürren Ästen. Hier rönne der Maus die blaue Zunge aus dem Mäulchen. Der verwucherte Gorilla läge mit ausgehöhlten Augen zusammengekrümmt auf grünem Kachelboden. Unter Glas krampfte das haarige Insekt zu einem schillernden Häufchen. Ist das Naturkundemuseum nicht eine Prophezeiung dessen, wessen sich der Mensch im kommenden zwanzigsten Jahrhundert an seiner Schöpfung fähig erweisen wird – und dem Menschen?

Marcel Proust in 1900Marcel Proust in 1900 (Photo credit: Wikipedia)

Die umgetauschten 25 DM habe ich übrigens beim besten Willen nicht ausgeben können. Unter anderem habe ich Bücher gekauft, eine kleine Ausgabe Anatol France, Das Rosenholzmöbel, Philipp Reclam jun. Leipzig, und habe in einem Musikgeschäft unter den LindenKlavierpartituren für meinen Nachbarn Robert Nass abgeholt. Im Austausch für diesen Botengang hat mein Nachbar Robert mir den ersten Band von Proust “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” in einer kleinen rot-marmorierten Ausgabe von Insel geliehen.  Irgendwie passend, finde Du nicht auch? Auch ich suche nach der verlorenen Zeit. Nur dass es nicht meine verlorene Zeit ist, sondern Deine.

Jetzt fängt das Semester bald wieder an, ich habe meine große Zivilrechtshausarbeit gestern gerade rechtzeitig abgegeben und werde die nächsten zwei Wochen im Institut arbeiten, um noch etwas Geld für das Semesterende zu verdienen. Im Sommer können sie mich glücklicherweise wieder als Lektorin für 40 Stunden in der Woche beschäftigen, damit dürfte das nächste Semester gesichert sein!

Deine Katja