Hinter den Spiegeln, Julians Geschichte, LiterRATura #23, Ausschnitt aus: “Das Kartenspiel”

img_0317-1LiteRATura # 23 , Julians Geschichte / Auszug aus: Das Kartenspiel
„Kannst Du bitte endlich die Tür aufmachen“, rief es aus dem Flur. Er war nun schon über 20 Minuten im Bad, länger als üblich. Es ging ihm nicht gut. Wie jeden Morgen hatte er sich eingeschlossen, um in der für ihn passenden Geschwindigkeit und unbedrängt von seiner Frau und seinen beiden Kindern wach zu werden. Er sah auf die Uhr. Noch 15 Minuten, bis Jenny die Kinder wecken würde, solange konnte sie noch warten. Sie ließ nicht nach: „Was machst Du denn so lange da drinnen? Ich muss heute morgen zum Schülerfrühstück. Hörst Du mich?“.
D. schenkte ihr keinerlei Beachtung. Sie würde gehen. Sie ging immer, wenn er nur lange genug schwieg. Seit Wochen schlief er schlecht. Gründe gab es genug: Seine Position im Institut war nicht mehr so unangreifbar wie früher. Zudem gab es seit neuestem Gerede. J. hatte ihn verlegen darüber aufgeklärt, dass Gerüchte über ihn und F. kursierten. Der Grund war, dass F. und er oft die letzten waren, die das Institut verließen. So what. Aber gestern Abend hatte man sie zusammen gesehen, als sie Essen gegangen waren. F. hatte nach dem Spiel einen gehörigen Appetit, und obwohl er sie dazu hatte überreden können, weit aus dem Zentrum heraus zu fahren, unter dem Vorwand, er wolle zu seinem Lieblingsitaliener, hatte er Pech gehabt: Peters, der Lektor des Instituts war mit seiner Familie vor einem Jahr ins West End gezogen. D. hatte das leider vergessen.
Beide Männer hatten sich nichts anmerken lassen, und Peters hatte das Restaurant in Begleitung seiner neuen Frau, die D. vom letzten Weihnachtsfest kannte aber die ihn offenbar nicht erkannte, wenig später ohne formellen Gruß verlassen, aber mit einem zutraulichen Augenzwinkern in seine Richtung. Als D. Peters erblickt hatte, war seine erste Befürchtung gewesen, dass F. die Geschichte jetzt beenden würde, weil sie befürchten würde, Peters würde sich das Maul zerreißen. Ihre größte Furcht war, dass die anderen Anlass haben könnten, zu denken, sie habe die Stelle nicht aufgrund ihrer Leistung sondern aufgrund ihrer persönlichen Beziehung zu D. erhalten. D. wußte das. Es kümmerte sie nicht, was die anderen über ihr Privatleben dachten. Aber es machte ihr etwas aus, wenn man ihrer Arbeit nicht den angemessenen Respekt entgegen brachte. Es zeigte ihm, dass sie trotz ihrer zur Schau getragenen Überlegenheit letztlich nicht sicher war, ob ihre Arbeit gut genug war. Manchmal dachte er, dass ihre Arbeit gerade deshalb so gut war, weil sie diesen grundsätzlichen Zweifel an sich selbst hegte.

Aber F. hatte, so unglaublich das klang, Peters überhaupt nicht wahrgenommen, sondern sich vollständig ihren Linguine ergeben, die vor ihr auf dem großen Pastateller vor sich hin dampften und die sie sich begierig und fast selbstvergessen Gabel um Gabel in den Mund stopfte. Sie war eine phantastische Frau! Er hatte die ersten Wochen nach ihrer Einstellung in einer Art Rauschzustand verbracht, ja, er war fast glücklich gewesen, und geblieben war das Gefühl der Lebendigkeit, wenn sie in seiner Nähe war.

Aber wenn er in den Spiegel sah, wie an diesem Morgen, in den großen Spiegel über dem Marmorwaschtisch mit den zwei ehelichen Waschbecken, überkam ihn ein Gefühl, dass eine gewisse Melancholie mit Abscheu mischte. Er atmete aus und sah seinen Bauch über den Hosenrand sinken. Es war wohl nicht abzusehen, dass der Speckring um seinen Bauch jemals wieder kleiner werden würde, auch wenn er tatsächlich mit Frühsport beginnen würde wie er sich von Zeit zu Zeit vornahm.

Er zog den Bauch wieder ein und erinnerte sich des Sixpacks, den er früher gehabt zu haben glaubte. Wenn er den Bauch einzog, sah er noch passabel aus. Seine Schultern waren seltsamer weise hager und seine Beine schlank. Es war alles nur eine Frage der Kleidung. Es war teurer geworden als früher, gut auszusehen, aber er war noch passabel. Jedenfalls in seinen eigenen Augen.

Mit J. konnte er wohl nicht mehr konkurrieren. Er atmete wieder aus und spürte erneut das Metall der Gürtelschnalle in seinem Bauch. Er beugte sich zum Spiegel vor, und lenkte den Blick auf sein müdes Gesicht, die Wangen, die begannen über seine scharfen Wangenknochen zu hängen, seine gute Grundstruktur, wie seine Mutter einmal stolz gesagt hatte, er massierte die beginnenden Tränensäcke und grinste sich selbst halb ironisch, halb grimassenhaft an. Wenn F. erreicht hätte, was sie wollte, war es mit ihnen vorbei, dachte er mit plötzlicher Klarheit. All die Worte über intellektuelle Verbundenheit und Freundschaft waren gut und schön, aber er sollte es besser wissen. Er kommentierte seine Beobachtung. Aber wenn ich ehrlich bin, macht mir das nicht wirklich etwas aus. Oder war das ehrlich? Machte es ihm wirklich nichts aus, dass Frauen ihm jetzt für seinen Volvo und und seine Position als Institutsleiter und ihre potentielle Karriere schöne Augen machten statt wie früher für sein Aussehen und seine aufstrebende Karriere als Schriftsteller? War das wirklich ein Unterschied? Mitte 50 war nach seiner Überzeugung ein furchtbares Alter für einen Mann. Das Leben hält für jeden unendlich viele Enttäuschungen bereit, dass wusste er schon lange, aber er hatte gelernt, damit umzugehen, war sogar stolz auf seine Souveränität im Umgang mit Enttäuschungen. Er hatte aus seiner Midlife-crisis sogar literarischen Gewinn gezogen. Midlife-crisis, was für ein altmodisches Wort, er musste es in die Liste aufnehmen, das gab es in einem Zeitalter konstanter Selbstoptimierung im offiziellen Sprachgebrauch gar nicht mehr, die midlife-crisis. Jedenfalls hatte er dieses Gefühl, das ihn wie einen dauernden leicht ziehenden Zahnschmerz begleitete, in einer Geschichte ausgeweidet, die er „Der Tag an dem ich alle meine Träume zu Grabe trug ohne einen einzigen Laut der Trauer von mir geben zu müssen“, genannt hatte und in der LiteRATura # 19 veröffentlicht. Er hatte einige Anerkennung von den Kritikern erhalten, die sich immer zu Wort meldeten, wenn er etwas veröffentlichte, und einige enthusiastische Leserbriefe. Wenn er ehrlich war, hatte ihm dieses Lob doch etwas bedeutet. Er konnte immer noch, wenn er wollte. Und doch sollte er es besser wissen, er kannte den akademischen Literaturbetrieb gut genug, um zu wissen, dass dieses offizielle Lob auch eine Währung war, mit der man vieles bezahlen konnte, und die ihren eigenen Tauschkurs hatte.
Aber nein, all diese Dinge waren nicht verantwortlich für seine schlaflosen Nächte. Das wäre auch einfach lächerlich gewesen. Sein Selbstbild war seit jeher das eines abgeklärten, gelassenen Beobachters. Er hatte sein ganzes Leben dem, was er das allgemeine Gejammer nannte, das ihm überall entgegenschlug, in der realen Welt ebenso wie in der Selbstentblößungsliteratur, Verachtung entgegen gebracht. Sein Vorbild war der große Meister der Bescheidenheit William Maxwell gewesen. Aber um so aufrichtig zu sein, wie er es eben vermochte, hatte er bestenfalls eine Art Warhol-Pose entwickelt, die es ihm erlaubte, nicht zu viel von dem zuzulassen, was ihn schmerzte. „So what ?“ „Was solls“ . So hatte er es sich beigebracht, um die Dinge, die er bei sich die “schlimmen Dinge” nannte, einzuordnen, sie zu bagatellisieren, und ihnen damit den Schneid abzukaufen. Aber nach und nach war aus der Pose ein Gefühl der Entfremdung geworden, ein Gefühl, als stehe er wie ein Zuschauer neben seinem eigenen Leben, und kommentiere es wie einen Film. Einen jener mittelmäßig interessanten Arthouse-Filme, die man am nächsten Morgen vergaß. Letztlich war die einfache Frage, was ein Leben eigentlich noch interessant machte, wenn man sich erst einmal eingerichtet hatte mit all diesen Dingen, Marmor im Bad, Eichendielen im Schlafzimmer, den Volvo, Urlaub in schöner Kulisse. Er konnte sich nicht mehr erinnern, wo genau genau das Gefühl, aus sich selbst herausgetreten zu sein, seinen Ursprung hatte, aber er wusste, dass er ihm wenig entgegengesetzt hatte und jetzt kaum noch wusste, wie er sein Leben anders als aus dem Off leben sollte. Seine Faszination mit F. lag gerade darin, dass er sich in ihrer Gegenwart manchmal in sich selbst zurück begeben konnte, wenn auch nur wie in ein Ferienhaus mit Fenstern zum Meer.

Am schlimmsten empfand er , dass er sich auch immer weiter von Jenny und den Kindern entfernte. Dies war seine dritte Ehe und seine zweite Familie, er hatte sich die Kinder fast ebenso gewünscht wie Jenny, deren erste Ehe es war und die einen detaillierten Entwurfsplan für ihr gemeinsames Leben besaß. Es verließ sich auf sie und segelte mit dem Wind, den sie erzeugte, aber er blieb zunehmend unbeteiligt an diesem Leben, dem er als notwendiger Statist beiwohnte. Das war nicht fair gegenüber Jenny, aber er konnte es, nein, er wollte es nicht ändern. Es war seine „Truman Show“ für Fortgeschrittene, wenn man so wollte.
Heute Nacht war es ihm besonders schlimm ergangen. Lange Zeit hatte er einfach den großen fluoreszierenden Zeiger auf dem Wecker verfolgt, wie der quälend langsam über die Zeit hinweg strich und anzeigte, wie er sein Leben vergeudete. Selbst im Schlaf. Dann war er wohl doch weg gedämmert und statt der Zeiger waren Bilder aufgetaucht, vertraut und schrecklich zugleich, und immer noch irgendwie vor dem Hintergrund des nächtlich vertrauten Schlafzimmers, so dass er sich im Traum mit geteiltem Wach- und Traumbewusstsein nicht sicher war, ob er wach war oder schlief.

Die Bilder hatten sich in einem ungeheuren Tempo abgewechselt, F., die Linguine verschlang als wären es lange Würmer, Peters, der ihn mit entblößtem Gebiss wie ein zorniger Affe angrinste, während er mit seiner Ehefrau aus dem Restaurant watschelte, Jenny, die lange blutige Kratzer auf ihrer weißen Haut hatte, da war ein seltsamer Nebel gewesen, der aus der Küche des Restaurants zu quellen schien, F., die immer noch unbekümmert ihre sich windenden Linguine verschlang und ihn dabei merkwürdig konzentriert anstarrte, und dann, unvermeidlich, die plötzliche Entdeckung, dass er vergessen hatte, seine Hose wieder anzuziehen und mit steifgebügeltem Hemd und Krawatte, aber mit nacktem Gesäß auf den roten, kühlen Kunstlederpolstern saß, und zwar, natürlich, mit einer deutlichen Erektion, die ihn halb ins Wachsein zurückholte und automatisch nach seiner Frau greifen ließ, die sich ebenso automatisch von ihm wegdrehte und in seinen Traum zurückstieß, wo er sich wieder Peters wissendem Affengrinsen gegenübersah und F.s immer noch bis zum Rand gefüllten Pastateller mit den sich windenden Linguini. Die mechanischen Bewegungen der sonst so geschmeidigen F. beim Aufrollen der Würmer auf die Gabel, das leere Grinsen des Kollegen, die ungelöste sexuelle Spannung verursachten ihm noch im Traum Herzrasen, und er erwachte schweißgebadet und mit erhöhtem Puls und immer noch hart. Der Blick auf den Wecker hatte fünf Uhr dreißig gezeigt und mit einem Blick auf den Rücken seiner schlafenden Frau hatte er von einem zweiten Versuch abgesehen und war aus dem Bett und über den Flur ins Bad gestolpert, wo er das heiße Wasser in der Dusche angestellt hatte und sich den Schlafanzug vom Leib gerissen hatte, aber statt in die Dusche zu steigen hatte er keuchend in den Spiegel gestarrt und zugesehen, wie der heiße Dampf sein Spiegelbild nach und nach auslöschte. Zugleich hatte er mit einem Gefühl von kommentierender Lächerlichkeit versucht, die Beklemmung, die nach ihm griff, fort zu atmen wie er es nach seinem letzten Zusammenbruch auf Anraten seines Hausarztes gelernt hatte, während er zugleich Hand anlegte.

Auch danach war die Beklemmung nicht vollständig gewichen trotz einer gewissen temporären Erleichterung. Er versuchte erneut bewusst zu atmen und seine Fassung zurück zu gewinnen. Er hatte mechanisch begonnen sich anzukleiden, obwohl die Dusche immer noch lief, Unterhose und Jeans, die er beim Auskleiden gestern Abend über den Hocker geworfen hatte. Dann hatte Jenny begonnen, Einlass zu begehren, damit sie rechtzeitig zum Schülerfrühstück in der Schule sein konnte. Jetzt hatte sie endlich aufgegeben. er hörte sie in der Küche hantieren. Sie vergaß nie die Prioritäten.

Er holte tief Luft und schloss den Gürtel. Dann atmete er wieder aus. Sein Atem blies noch tiefere Nebelfelder auf das schon beschlagene Spiegelglas. „Gott, hilf mir“ schrieb er einer Eingebung folgend quer über den Spiegel.
Da war das scharf geformte und eng gepresste „m“ aus seiner Handschrift zu sehen und ein „G“, das er erst beim zweiten Hinsehen als sein eigenes interpretierte. Gott war seit Adorno ebenfalls nur noch ein theoretisches Konzept. Nichts passte zusammen. Es war nicht einmal ein ironischer Kommentar. Er war eine einzige Inszenierung, ein Clown. Rund um die einzelnen Buchstaben lief das Wasser auf der Spiegelfläche aus den Buchstaben und das Glas herunter. Er starrte die Tropfen auf der Glasfläche an, in denen wieder ein fragmentarisches Spiegelbild erschien, und fühlte, wie er von dem Spiegel angezogen wurde wie von einem Luftsog und wie sein Gesicht ganz ohne bewussten Einsatz seiner Nackenmuskulatur näher an das tropfende Wort “Gott”herangeführt wurde, während er selbst immer noch ironisch aus dem Off kommentierte. Das Nebelfeld verdichtete sich immer stärker, jetzt berührte er es, und es bot ihm keinen Widerstand, es war sanft und kühl und elektrisch und nahm ihn schließlich ganz in sich auf, und er sah nichts mehr, nur das lichte Grau, und er hörte auch seine eigene innere Stimme nicht mehr, und das war eine unfassbare Erleichterung. Für einen kurzen Zeitpunkt meinte er, er könne Elektronen um die Wassermoleküle hinter den Spiegeln wirbeln sehen. Er, war überrascht, welch laute Geräusche das machte. Er wunderte sich für einen flüchtigen Augenblick, warum dieses Geräusch sonst nicht zu hören war, die kleinen Dinger machten wirklich einen höllischen Lärm. Aber bevor er den Gedanken zu Ende gebracht hatte, schlugen helle Blitze in seine Netzhaut ein, und er stürzte durch den Nebel, der plötzlich nicht mehr sanft war, sondern schneidend wie Glassplitter, und er krampfte zusammen, wieder und wieder, und verlor die Orientierung, bis der Nebel sich färbte, rot, und sich dann lichtete, pink, und ihn wieder ausspie auf der anderen Seite, der richtigen Seite des Spiegels, in sein eigenes eheliches Badezimmer am Kaiserdamm in Berlin.
Zurück im Badezimmer drehte sich die Welt noch immer um ihn herum, als säße er auf einem Kinderkarussell, genauso wie gerade zuvor die Elektronen um die Moleküle geflitzt waren, nur war er jetzt ein Elektron. Es fiel ihm gerade nicht ein, wer das Molekül war, aber tatsächlich fühlte er sich für einen Augenblick irgendwie besser, fast wie wie neu geboren und er schaffte es sogar, wieder etwas wie Amusement über das gerade erlebte Schauspiel zu generieren. Soviel konnte er schließlich von sich selbst erwarten, nämlich, dass er sich nicht der Verzweiflung überließ, sondern dass er sich auch hiermit arrangierte und seinen Nutzen daraus zog.
Von draußen hörte er – immer noch wie aus weiter Ferne – aufgeregtes Geschrei. Er brauchte etwa zwei Minuten um zu begreifen, dass die Stimme, die da so erbärmlich schrie, seiner Frau Jenny gehörte. Obwohl ihm ziemlich schwummrig war erhob er sich und positionierte seinen Hintern auf den Rand der Badewanne. Seine Hände schlossen die Tür auf, ohne dass er sich aus seiner gekrümmten Haltung erhob. Seine Muskeln waren immer noch verkrampft. Jenny öffnete die Tür und drängte in den Raum. Im Hintergrund wuselten die Kinder. „Endlich! Ich möchte wissen, … Oh mein Gott. Du bist voller Blut“, stellte sie mit schriller Stimme fest, in der Empörung, Angst und, in Anbetracht dessen, dass er auf der Badewanne saß und sich nicht auf dem Boden krümmte, auch etwas Erleichterung mitschwang.
Ohne ihr einen einzigen Moment ins Gesicht zu blicken drückte Daniel sich mit einiger Mühe an ihr vorbei aus dem Badezimmer in den Flur, wo die Kinder ungerührt seiner Erscheinung weiter tobten und ihn glücklicher Weise nicht wahrnahmen und wankte halbnackt an der Wand entlang ins gemeinsame Schlafzimmer und schloss die Tür hinter sich. Er hörte durch die geschlossene Tür, wie Jenny mit den Kindern sprach. Er stellte sich vor den Kleiderschrankspiegel und nahm seine schwarze Hornbrille von seiner Nase, die wie durch ein Wunder an ihrer Stelle geblieben war, und rieb sich die Augen. Jenny hatte ihn für verrückt erklärt, als er sein randloses Gestell gegen dieses auffällige Modell ausgetauscht hatte. „Du steckst echt in der Krise“, hatte sie gesagt, und seine Brille dann keines weiteren Kommentars mehr gewürdigt. Ihm wurde weich in den Knien und er wankte zurück zum Bett und legte sich vorsichtig wieder hin.

Diesmal hatte ihn seine Epilepsie mehr gekostet als ein paar Hirnzellen, stellte er fest, als er an sich hinunter sah und eine unberührte Bestandsaufnahme versuchte. Offensichtlich war er in sich zusammengekrampft und wie ein Stein zu Boden gegangen. Sein Gebiss muss kurz auf dem Waschbecken aufgesetzt haben. Dafür hatte er Tribut zahlen müssen. Die Zähne hatten seine Unterlippe teilperforiert, das war die Quelle des Blutes, das sich grosszügig über den Boden und sein Kinn und seinen Hals und seinen Oberkörper verteilt hatte. Aber seine Zunge war heil geblieben, Gott sei Dank, er musste Ende der Woche einen Vortrag halten. Er strich mit seiner Zunge über seine Schneide- und Eckzähne und stellte erleichtert fest, dass kein Zahn fehlte oder angeschlagen war. Da keine Zahnstücke im Mund waren beschloss, er dass Blut, das sich immer noch zwischen seinen Zähnen in seinem Mund sammelte, herunterzuschlucken.
Die Tür zum Schlafzimmer öffnete und schloss sich wieder. Jennys Schritte barfuss auf den verdammten Eichendielen. Er lag flach auf ihrer Seite im gemeinsamen Ehebett und lauschte ihren nackten Füßen. Seine Sinne waren immer noch überaktiv. Er roch ihren Schweiß auf dem Kopfkissen, das er zur Seite gedrückt hatte, um flach zu liegen. Er mochte ihren Geruch. Er nahm das Kissen hoch und drückte es sich fest auf das Gesicht und sog ihren spezifischen Jennygeruch ein. Sie schliefen noch manchmal miteinander, immerhin. Oft hatte er allerdings das Gefühl, dass sie lediglich keine Kraft mehr verschwenden wollte, um sich gegen seine Avancen zur Wehr zu setzen. Sie wusste, wie nachtragend er war, wenn er in dieser Beziehung nicht bekam, was er wollte.
Er nahm das Kissen vom Gesicht und sah sie an. Sie setzte sich neben ihn auf die Bettkante. Der Kissenbezug war blutig. Draußen tobten die Kinder über den Flur. Sie hatten etwa vier Minuten, bis eines zu schreien beginnen und Jenny aufspringen würde, um den Streit zu schlichten. Manchmal fragte er sich, was geschehen würde, wenn sie die Kinder einfach einmal streiten lassen würde. Kaum vorstellbar. Noch weniger vorstellbar, dass er dies vorschlug. Mit einem gewissen dramatisch gesteigerten Selbstmitleid aber in der Sache nicht unzutreffend dachte er, er könnte auch im Sterben liegen, Jenny würde aufspringen und ihn sich selbst überlassen, wenn eines der Kinder zu schreiben begann.

Jenny saß neben ihm und sah ihn an,als könne sie seine Gedanken erraten. Wahrscheinlich konnte sie es. Ihre Aufmerksamkeit war halb bei den Kindern, die jetzt irgendeinen Gegenstand über den Flur schleiften, aber sie blieb noch bei ihm und ihr Gesicht war ernst und aschfahl. Er wusste nicht, ob es Ärger oder Sorge war, die sich in ihrer Mimik zeigten, aber er hoffte auf Ärger und sah ihr fast erwartungsvoll entgegen. Ein Streit würde ihn jetzt beleben, spürte er. Sie aber saß auf dem Bettrand und strich ihm einfach über das Haar. Sie liebte ihn also immer noch. Aber sie wusste doch genau, dass er sich verändert hatte und auch, dass er sich unabänderlich weiter verändern würde. Sie hatten oft darüber gestritten, wie wenig Anteil er an allem nahm, was sie schließlich gemeinsam gewollt hatten. Er hatte sich nie so weit hinausgewagt zu sagen, dass es ihr Plan gewesen war und er ihr einfach nur keinen Widerstand entgegengebracht hatte. Dein Plan, Jenny. Ein schöner und unorigineller Plan, der nicht zu dem Mann passte, der er eigentlich hatte sein wollen, aber den er jetzt auch schon nicht mehr wirklich erinnerte. Jenny war nicht dumm und sie war auch nicht uninteressiert. Schließlich war sie seine beste Studentin gewesen, bevor sie die Göttin seines Tisches und Hauses wurde. Sie erkannte daher, dass er nicht mehr so wie früher schrieb, dass er nicht mehr in dem Glauben schrieb, dass es einen Unterschied mache, was er schrieb, sie wusste besser als die anderen, dass seine Arbeit im Institut ein Vorwand war, sich nicht an den Schreibtisch zu setzen, und zugleich ein Vorwand, nicht nach Hause zu kommen. Und sie, seine strahlendste Eroberung, die Mutter seiner kleinen Kinder, die Göttin seines Hauses? Er benutzte sie mit warmer Zuneigung, aber er nahm sie nicht mehr wahr, nicht einmal die Kratzer, die sie über der rechten Flanke hatte, waren ihm am Vorabend aufgefallen, als sie sich gemeinsam im Bad entkleidet hatten, obwohl sie sich keine Mühe gemacht hatte, sie vor ihm zu verbergen.

Aber in diesem Augenblick war das nebensächlich. Jetzt war sie voller Sorgen und wohl dennoch mindestens ebenso zornig auf ihn, aber sie blieb stumm. Er konnte ihre Gedanken auch so hören, aber er war noch zu schwach, zu antworten, sie herauszufordern, den Streit zu provozieren, den er wollte.

Er hörte ihre Gedanken. Wie konnte er sich dieser Gefahr aussetzen? Sie war sicher, dass er seine Medikamente nicht genommen hatte, sie wahrscheinlich über irgendeiner seiner Unternehmungen vergessen hatte. Er war so nachlässig, er nahm nichts jemals ernst, nicht einmal sich selbst. In diesem Jahr war das schon der dritte Anfall. Sie hatte ohnehin keine ruhige Minute mehr, wenn er unterwegs war. Was würde passieren, wenn es das nächste mal auf einer Treppe passierte oder beim Autofahren? Was dann? Was, wenn er jemanden verletzte oder tötete, was, wenn er sich selbst verletzte und ein Pflegefall wurde, was dann, was passiert dann mit mir? Was passiert mit den Kindern? Denkst du an so was? Aber sie fragte es nicht laut, denn der Gedanke, der folgte, der immer folgte, wenn sie so weit gedacht hatte, war schrecklich und sie schämte sich. Sag es doch, Jenny, dachte er , sags doch, dann können wir uns jedenfalls streiten, und ich bleibe im Recht, denn diesen Streit kannst Du nicht gewinnen. Ich weiss, was Du denkst: Wenn es passiert, so wäre es das beste, wenn ich mich selbst totfahren würde, das denkst Du, gib es doch zu, mich selbst, und niemanden sonst, und Du und die Kinder hättet dann die Lebensversicherung, wäret abgesichert, müsstet Euch keine Sorgen machen. So lange sie niemandem sagten, dass es schon der dritte Anfall innerhalb einen Jahres war, und er nachlässig mit seinen Medikamenten war. Aber Jenny streichelte nur sein feuchtes Haar und blieb stumm.

Sonntag Nachmittag beim Malen: Gedanken für das nächste Kapitel meines neuen Buches, eine Skizze

Sonntag Nachmittag, beim Malen, wenn die Gedanken ohne Ordnung kommen und wie Schatten über die Bildoberfläche huschen. Und so entsteht, nach und nach, eine Idee für  das nächste  Kapitel meines neuen Buches: “Unser Bewusstsein, finden wir es nicht reflektiert in … Continue reading

Schrödinger’s cat – or: On the art of being in multiple locations simultaneously

  After a couple of years working  part time as a lawyer I just started working in a full time position. The first week brought me to about 50 hours and an additional 13 hours commuting time. My brain – … Continue reading

One second of eternity at Lake Willoughby

IMGP1041Lake Willoughby, grated into plutonic rock by a deep glacier, is a 300 feet deep, water filled scar between two mountains with biblical names, Mount Hor to the West and the Eastern Mount Pisgah. If you stand on the North Shore of the lake, it actually has the appearance of a deep fjord, though there is no outlet to the sea. Instead there is said to be an underground aquifer connecting the basin of Lake Willoughby to that of another eerie body of water beyond Mount Hor, Crystal Lake. In my mind that acquifer had the form of a water filled cathedral, in my mind I saw swimmers gliding swiftly through a space abandoned by a people even older than they were. There was an incredible, inexplicable light the way I imaged this. You have to keep in mind that I imagined this within a dream without actually seeing it, two steps down and under. Even though my sober mind took offense with the inexplicability of the light.

While I was thinking and conjuring up images within the dream I stood at the waters edge of the lake as I had done many summers and the water exactly like the water of lake Willoughby as I remembered it acted like a mirror. The surface seemed to be like a sheet of glass of finest quality, separating the clearly visible underneath from the still world above, and the mirror image of this world like an incomprehensible fourth dimension in between both worlds. Again I saw the forms in the distance, gathering around precariously piled up, submerged boulders. Each winter these boulders avalanche down Mount Pisgah and roll into the lake to form the outline of an inaccessible stone city, creating an intricate mountainous terrain. I wondered how long it would take to fill the deep ravine of the lake with boulders and fleetingly thought of the old story about the small bird wearing away a mountain with his beak to mark the passing of the first second of eternity. In my dream I had this thought.

Brooklyn Art Library: The Sketchbook Project … to be postmarked by January 15th

http://www.sketchbookproject.com/brooklynartlibrary 

The Sketchbook Project is a global, crowd-sourced art project and interactive, traveling exhibition of handmade books by the Brooklyn Art Library.

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This sketchbook titled “The Mechanics of Longing”  (working title) is going to be my second submission … to be postmarked by January 15th which actually means that I have to be finished by Sunday night. This submission is by far more ambitious than my previous selection to the Brooklyn Art Library, the simple childhood story “The Whisper”. I have come quite a distance, finally allowing myself to draw, to illustrate – the pages are in a narrative sequence, moving through time not just be the sequence of the pages turning which indicates the passing of time in almost any book but by the “time wheels” which on every page actually function as a clockwork of a fairly abstract idea of storytelling. The creatures still have a storybook like quality but are allowed to look much more sophisticated than before. To explain why that kind of art work seemed out of the question for me before is material for a separate blog post (I need to get back to drawing) but for now I am absolutely enchanted by the creatures appearing underneath my pen. I am still pushing my boundaries, exploring how far I think I can go without compromising artistic integrity. These don’t have to sell. They are allowed to breathe. So I can.Foto

artist statement (mine)

this knowing “you are on to something good” is exactly where the artist meets the scientist. only that in general the scientist will be patient and disciplined enough to acquire the skills necessary to actually explore and eventually understand that unfounded suspicion and the artist will just take a cursory inventory of the idea’s implications and then take to the type writer (or the canvas) like the monkey, ready to blindly shell out the sequence of letters to actually and surprisingly eloquently prove that “it” was always known.Bild

reweaving the fabric of time

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i have committed to the practice of exchanging, if only for 3.141592653 minutes a day, now for then, up for down and today for yesterday

so when, during those 3.141592653 minutes, i see my hand guiding a pen over the paper, rather than to follow the steady progress of a new drawing, i see it erased line by line, and am rewarded by the promises of a work just envisioned, not yet constraint by its execution,

when i scan the sky for vaporous messages of ominous prophecies instead of wilting under the weight of a heaven i care not to imagine i look down into the vast expanses of the deep oceanic universe consisting of the probabilities of its continuable or discreet measurable properties, energy, position, momentum, angular momentum, and i escape, if only for a moment, the inescapable urge of the common mind to inject the holy into the profane as described so aptly by eliade

and, at last, when i walk the well-known streets that carry the contagion of my own history continuously infecting my present with meaning like an obsession i backtrace and erase the past step by step to acquire a new sense of what this place could be if it was not what it is already.

Ez 9:4-6 KJV

Ez 9:4-6 KJV

eliminating comforting words seems an appropriate strategy to counter the hours relentlessly expanding the fabric of the mind between midnight and dawn. left behind are words with letters like ceramic blades well suited to cut sharp silhouettes into the darkness. … Continue reading