Hinter den Spiegeln, Julians Geschichte, LiterRATura #23, Ausschnitt aus: “Das Kartenspiel”

img_0317-1LiteRATura # 23 , Julians Geschichte / Auszug aus: Das Kartenspiel
„Kannst Du bitte endlich die Tür aufmachen“, rief es aus dem Flur. Er war nun schon über 20 Minuten im Bad, länger als üblich. Es ging ihm nicht gut. Wie jeden Morgen hatte er sich eingeschlossen, um in der für ihn passenden Geschwindigkeit und unbedrängt von seiner Frau und seinen beiden Kindern wach zu werden. Er sah auf die Uhr. Noch 15 Minuten, bis Jenny die Kinder wecken würde, solange konnte sie noch warten. Sie ließ nicht nach: „Was machst Du denn so lange da drinnen? Ich muss heute morgen zum Schülerfrühstück. Hörst Du mich?“.
D. schenkte ihr keinerlei Beachtung. Sie würde gehen. Sie ging immer, wenn er nur lange genug schwieg. Seit Wochen schlief er schlecht. Gründe gab es genug: Seine Position im Institut war nicht mehr so unangreifbar wie früher. Zudem gab es seit neuestem Gerede. J. hatte ihn verlegen darüber aufgeklärt, dass Gerüchte über ihn und F. kursierten. Der Grund war, dass F. und er oft die letzten waren, die das Institut verließen. So what. Aber gestern Abend hatte man sie zusammen gesehen, als sie Essen gegangen waren. F. hatte nach dem Spiel einen gehörigen Appetit, und obwohl er sie dazu hatte überreden können, weit aus dem Zentrum heraus zu fahren, unter dem Vorwand, er wolle zu seinem Lieblingsitaliener, hatte er Pech gehabt: Peters, der Lektor des Instituts war mit seiner Familie vor einem Jahr ins West End gezogen. D. hatte das leider vergessen.
Beide Männer hatten sich nichts anmerken lassen, und Peters hatte das Restaurant in Begleitung seiner neuen Frau, die D. vom letzten Weihnachtsfest kannte aber die ihn offenbar nicht erkannte, wenig später ohne formellen Gruß verlassen, aber mit einem zutraulichen Augenzwinkern in seine Richtung. Als D. Peters erblickt hatte, war seine erste Befürchtung gewesen, dass F. die Geschichte jetzt beenden würde, weil sie befürchten würde, Peters würde sich das Maul zerreißen. Ihre größte Furcht war, dass die anderen Anlass haben könnten, zu denken, sie habe die Stelle nicht aufgrund ihrer Leistung sondern aufgrund ihrer persönlichen Beziehung zu D. erhalten. D. wußte das. Es kümmerte sie nicht, was die anderen über ihr Privatleben dachten. Aber es machte ihr etwas aus, wenn man ihrer Arbeit nicht den angemessenen Respekt entgegen brachte. Es zeigte ihm, dass sie trotz ihrer zur Schau getragenen Überlegenheit letztlich nicht sicher war, ob ihre Arbeit gut genug war. Manchmal dachte er, dass ihre Arbeit gerade deshalb so gut war, weil sie diesen grundsätzlichen Zweifel an sich selbst hegte.

Aber F. hatte, so unglaublich das klang, Peters überhaupt nicht wahrgenommen, sondern sich vollständig ihren Linguine ergeben, die vor ihr auf dem großen Pastateller vor sich hin dampften und die sie sich begierig und fast selbstvergessen Gabel um Gabel in den Mund stopfte. Sie war eine phantastische Frau! Er hatte die ersten Wochen nach ihrer Einstellung in einer Art Rauschzustand verbracht, ja, er war fast glücklich gewesen, und geblieben war das Gefühl der Lebendigkeit, wenn sie in seiner Nähe war.

Aber wenn er in den Spiegel sah, wie an diesem Morgen, in den großen Spiegel über dem Marmorwaschtisch mit den zwei ehelichen Waschbecken, überkam ihn ein Gefühl, dass eine gewisse Melancholie mit Abscheu mischte. Er atmete aus und sah seinen Bauch über den Hosenrand sinken. Es war wohl nicht abzusehen, dass der Speckring um seinen Bauch jemals wieder kleiner werden würde, auch wenn er tatsächlich mit Frühsport beginnen würde wie er sich von Zeit zu Zeit vornahm.

Er zog den Bauch wieder ein und erinnerte sich des Sixpacks, den er früher gehabt zu haben glaubte. Wenn er den Bauch einzog, sah er noch passabel aus. Seine Schultern waren seltsamer weise hager und seine Beine schlank. Es war alles nur eine Frage der Kleidung. Es war teurer geworden als früher, gut auszusehen, aber er war noch passabel. Jedenfalls in seinen eigenen Augen.

Mit J. konnte er wohl nicht mehr konkurrieren. Er atmete wieder aus und spürte erneut das Metall der Gürtelschnalle in seinem Bauch. Er beugte sich zum Spiegel vor, und lenkte den Blick auf sein müdes Gesicht, die Wangen, die begannen über seine scharfen Wangenknochen zu hängen, seine gute Grundstruktur, wie seine Mutter einmal stolz gesagt hatte, er massierte die beginnenden Tränensäcke und grinste sich selbst halb ironisch, halb grimassenhaft an. Wenn F. erreicht hätte, was sie wollte, war es mit ihnen vorbei, dachte er mit plötzlicher Klarheit. All die Worte über intellektuelle Verbundenheit und Freundschaft waren gut und schön, aber er sollte es besser wissen. Er kommentierte seine Beobachtung. Aber wenn ich ehrlich bin, macht mir das nicht wirklich etwas aus. Oder war das ehrlich? Machte es ihm wirklich nichts aus, dass Frauen ihm jetzt für seinen Volvo und und seine Position als Institutsleiter und ihre potentielle Karriere schöne Augen machten statt wie früher für sein Aussehen und seine aufstrebende Karriere als Schriftsteller? War das wirklich ein Unterschied? Mitte 50 war nach seiner Überzeugung ein furchtbares Alter für einen Mann. Das Leben hält für jeden unendlich viele Enttäuschungen bereit, dass wusste er schon lange, aber er hatte gelernt, damit umzugehen, war sogar stolz auf seine Souveränität im Umgang mit Enttäuschungen. Er hatte aus seiner Midlife-crisis sogar literarischen Gewinn gezogen. Midlife-crisis, was für ein altmodisches Wort, er musste es in die Liste aufnehmen, das gab es in einem Zeitalter konstanter Selbstoptimierung im offiziellen Sprachgebrauch gar nicht mehr, die midlife-crisis. Jedenfalls hatte er dieses Gefühl, das ihn wie einen dauernden leicht ziehenden Zahnschmerz begleitete, in einer Geschichte ausgeweidet, die er „Der Tag an dem ich alle meine Träume zu Grabe trug ohne einen einzigen Laut der Trauer von mir geben zu müssen“, genannt hatte und in der LiteRATura # 19 veröffentlicht. Er hatte einige Anerkennung von den Kritikern erhalten, die sich immer zu Wort meldeten, wenn er etwas veröffentlichte, und einige enthusiastische Leserbriefe. Wenn er ehrlich war, hatte ihm dieses Lob doch etwas bedeutet. Er konnte immer noch, wenn er wollte. Und doch sollte er es besser wissen, er kannte den akademischen Literaturbetrieb gut genug, um zu wissen, dass dieses offizielle Lob auch eine Währung war, mit der man vieles bezahlen konnte, und die ihren eigenen Tauschkurs hatte.
Aber nein, all diese Dinge waren nicht verantwortlich für seine schlaflosen Nächte. Das wäre auch einfach lächerlich gewesen. Sein Selbstbild war seit jeher das eines abgeklärten, gelassenen Beobachters. Er hatte sein ganzes Leben dem, was er das allgemeine Gejammer nannte, das ihm überall entgegenschlug, in der realen Welt ebenso wie in der Selbstentblößungsliteratur, Verachtung entgegen gebracht. Sein Vorbild war der große Meister der Bescheidenheit William Maxwell gewesen. Aber um so aufrichtig zu sein, wie er es eben vermochte, hatte er bestenfalls eine Art Warhol-Pose entwickelt, die es ihm erlaubte, nicht zu viel von dem zuzulassen, was ihn schmerzte. „So what ?“ „Was solls“ . So hatte er es sich beigebracht, um die Dinge, die er bei sich die “schlimmen Dinge” nannte, einzuordnen, sie zu bagatellisieren, und ihnen damit den Schneid abzukaufen. Aber nach und nach war aus der Pose ein Gefühl der Entfremdung geworden, ein Gefühl, als stehe er wie ein Zuschauer neben seinem eigenen Leben, und kommentiere es wie einen Film. Einen jener mittelmäßig interessanten Arthouse-Filme, die man am nächsten Morgen vergaß. Letztlich war die einfache Frage, was ein Leben eigentlich noch interessant machte, wenn man sich erst einmal eingerichtet hatte mit all diesen Dingen, Marmor im Bad, Eichendielen im Schlafzimmer, den Volvo, Urlaub in schöner Kulisse. Er konnte sich nicht mehr erinnern, wo genau genau das Gefühl, aus sich selbst herausgetreten zu sein, seinen Ursprung hatte, aber er wusste, dass er ihm wenig entgegengesetzt hatte und jetzt kaum noch wusste, wie er sein Leben anders als aus dem Off leben sollte. Seine Faszination mit F. lag gerade darin, dass er sich in ihrer Gegenwart manchmal in sich selbst zurück begeben konnte, wenn auch nur wie in ein Ferienhaus mit Fenstern zum Meer.

Am schlimmsten empfand er , dass er sich auch immer weiter von Jenny und den Kindern entfernte. Dies war seine dritte Ehe und seine zweite Familie, er hatte sich die Kinder fast ebenso gewünscht wie Jenny, deren erste Ehe es war und die einen detaillierten Entwurfsplan für ihr gemeinsames Leben besaß. Es verließ sich auf sie und segelte mit dem Wind, den sie erzeugte, aber er blieb zunehmend unbeteiligt an diesem Leben, dem er als notwendiger Statist beiwohnte. Das war nicht fair gegenüber Jenny, aber er konnte es, nein, er wollte es nicht ändern. Es war seine „Truman Show“ für Fortgeschrittene, wenn man so wollte.
Heute Nacht war es ihm besonders schlimm ergangen. Lange Zeit hatte er einfach den großen fluoreszierenden Zeiger auf dem Wecker verfolgt, wie der quälend langsam über die Zeit hinweg strich und anzeigte, wie er sein Leben vergeudete. Selbst im Schlaf. Dann war er wohl doch weg gedämmert und statt der Zeiger waren Bilder aufgetaucht, vertraut und schrecklich zugleich, und immer noch irgendwie vor dem Hintergrund des nächtlich vertrauten Schlafzimmers, so dass er sich im Traum mit geteiltem Wach- und Traumbewusstsein nicht sicher war, ob er wach war oder schlief.

Die Bilder hatten sich in einem ungeheuren Tempo abgewechselt, F., die Linguine verschlang als wären es lange Würmer, Peters, der ihn mit entblößtem Gebiss wie ein zorniger Affe angrinste, während er mit seiner Ehefrau aus dem Restaurant watschelte, Jenny, die lange blutige Kratzer auf ihrer weißen Haut hatte, da war ein seltsamer Nebel gewesen, der aus der Küche des Restaurants zu quellen schien, F., die immer noch unbekümmert ihre sich windenden Linguine verschlang und ihn dabei merkwürdig konzentriert anstarrte, und dann, unvermeidlich, die plötzliche Entdeckung, dass er vergessen hatte, seine Hose wieder anzuziehen und mit steifgebügeltem Hemd und Krawatte, aber mit nacktem Gesäß auf den roten, kühlen Kunstlederpolstern saß, und zwar, natürlich, mit einer deutlichen Erektion, die ihn halb ins Wachsein zurückholte und automatisch nach seiner Frau greifen ließ, die sich ebenso automatisch von ihm wegdrehte und in seinen Traum zurückstieß, wo er sich wieder Peters wissendem Affengrinsen gegenübersah und F.s immer noch bis zum Rand gefüllten Pastateller mit den sich windenden Linguini. Die mechanischen Bewegungen der sonst so geschmeidigen F. beim Aufrollen der Würmer auf die Gabel, das leere Grinsen des Kollegen, die ungelöste sexuelle Spannung verursachten ihm noch im Traum Herzrasen, und er erwachte schweißgebadet und mit erhöhtem Puls und immer noch hart. Der Blick auf den Wecker hatte fünf Uhr dreißig gezeigt und mit einem Blick auf den Rücken seiner schlafenden Frau hatte er von einem zweiten Versuch abgesehen und war aus dem Bett und über den Flur ins Bad gestolpert, wo er das heiße Wasser in der Dusche angestellt hatte und sich den Schlafanzug vom Leib gerissen hatte, aber statt in die Dusche zu steigen hatte er keuchend in den Spiegel gestarrt und zugesehen, wie der heiße Dampf sein Spiegelbild nach und nach auslöschte. Zugleich hatte er mit einem Gefühl von kommentierender Lächerlichkeit versucht, die Beklemmung, die nach ihm griff, fort zu atmen wie er es nach seinem letzten Zusammenbruch auf Anraten seines Hausarztes gelernt hatte, während er zugleich Hand anlegte.

Auch danach war die Beklemmung nicht vollständig gewichen trotz einer gewissen temporären Erleichterung. Er versuchte erneut bewusst zu atmen und seine Fassung zurück zu gewinnen. Er hatte mechanisch begonnen sich anzukleiden, obwohl die Dusche immer noch lief, Unterhose und Jeans, die er beim Auskleiden gestern Abend über den Hocker geworfen hatte. Dann hatte Jenny begonnen, Einlass zu begehren, damit sie rechtzeitig zum Schülerfrühstück in der Schule sein konnte. Jetzt hatte sie endlich aufgegeben. er hörte sie in der Küche hantieren. Sie vergaß nie die Prioritäten.

Er holte tief Luft und schloss den Gürtel. Dann atmete er wieder aus. Sein Atem blies noch tiefere Nebelfelder auf das schon beschlagene Spiegelglas. „Gott, hilf mir“ schrieb er einer Eingebung folgend quer über den Spiegel.
Da war das scharf geformte und eng gepresste „m“ aus seiner Handschrift zu sehen und ein „G“, das er erst beim zweiten Hinsehen als sein eigenes interpretierte. Gott war seit Adorno ebenfalls nur noch ein theoretisches Konzept. Nichts passte zusammen. Es war nicht einmal ein ironischer Kommentar. Er war eine einzige Inszenierung, ein Clown. Rund um die einzelnen Buchstaben lief das Wasser auf der Spiegelfläche aus den Buchstaben und das Glas herunter. Er starrte die Tropfen auf der Glasfläche an, in denen wieder ein fragmentarisches Spiegelbild erschien, und fühlte, wie er von dem Spiegel angezogen wurde wie von einem Luftsog und wie sein Gesicht ganz ohne bewussten Einsatz seiner Nackenmuskulatur näher an das tropfende Wort “Gott”herangeführt wurde, während er selbst immer noch ironisch aus dem Off kommentierte. Das Nebelfeld verdichtete sich immer stärker, jetzt berührte er es, und es bot ihm keinen Widerstand, es war sanft und kühl und elektrisch und nahm ihn schließlich ganz in sich auf, und er sah nichts mehr, nur das lichte Grau, und er hörte auch seine eigene innere Stimme nicht mehr, und das war eine unfassbare Erleichterung. Für einen kurzen Zeitpunkt meinte er, er könne Elektronen um die Wassermoleküle hinter den Spiegeln wirbeln sehen. Er, war überrascht, welch laute Geräusche das machte. Er wunderte sich für einen flüchtigen Augenblick, warum dieses Geräusch sonst nicht zu hören war, die kleinen Dinger machten wirklich einen höllischen Lärm. Aber bevor er den Gedanken zu Ende gebracht hatte, schlugen helle Blitze in seine Netzhaut ein, und er stürzte durch den Nebel, der plötzlich nicht mehr sanft war, sondern schneidend wie Glassplitter, und er krampfte zusammen, wieder und wieder, und verlor die Orientierung, bis der Nebel sich färbte, rot, und sich dann lichtete, pink, und ihn wieder ausspie auf der anderen Seite, der richtigen Seite des Spiegels, in sein eigenes eheliches Badezimmer am Kaiserdamm in Berlin.
Zurück im Badezimmer drehte sich die Welt noch immer um ihn herum, als säße er auf einem Kinderkarussell, genauso wie gerade zuvor die Elektronen um die Moleküle geflitzt waren, nur war er jetzt ein Elektron. Es fiel ihm gerade nicht ein, wer das Molekül war, aber tatsächlich fühlte er sich für einen Augenblick irgendwie besser, fast wie wie neu geboren und er schaffte es sogar, wieder etwas wie Amusement über das gerade erlebte Schauspiel zu generieren. Soviel konnte er schließlich von sich selbst erwarten, nämlich, dass er sich nicht der Verzweiflung überließ, sondern dass er sich auch hiermit arrangierte und seinen Nutzen daraus zog.
Von draußen hörte er – immer noch wie aus weiter Ferne – aufgeregtes Geschrei. Er brauchte etwa zwei Minuten um zu begreifen, dass die Stimme, die da so erbärmlich schrie, seiner Frau Jenny gehörte. Obwohl ihm ziemlich schwummrig war erhob er sich und positionierte seinen Hintern auf den Rand der Badewanne. Seine Hände schlossen die Tür auf, ohne dass er sich aus seiner gekrümmten Haltung erhob. Seine Muskeln waren immer noch verkrampft. Jenny öffnete die Tür und drängte in den Raum. Im Hintergrund wuselten die Kinder. „Endlich! Ich möchte wissen, … Oh mein Gott. Du bist voller Blut“, stellte sie mit schriller Stimme fest, in der Empörung, Angst und, in Anbetracht dessen, dass er auf der Badewanne saß und sich nicht auf dem Boden krümmte, auch etwas Erleichterung mitschwang.
Ohne ihr einen einzigen Moment ins Gesicht zu blicken drückte Daniel sich mit einiger Mühe an ihr vorbei aus dem Badezimmer in den Flur, wo die Kinder ungerührt seiner Erscheinung weiter tobten und ihn glücklicher Weise nicht wahrnahmen und wankte halbnackt an der Wand entlang ins gemeinsame Schlafzimmer und schloss die Tür hinter sich. Er hörte durch die geschlossene Tür, wie Jenny mit den Kindern sprach. Er stellte sich vor den Kleiderschrankspiegel und nahm seine schwarze Hornbrille von seiner Nase, die wie durch ein Wunder an ihrer Stelle geblieben war, und rieb sich die Augen. Jenny hatte ihn für verrückt erklärt, als er sein randloses Gestell gegen dieses auffällige Modell ausgetauscht hatte. „Du steckst echt in der Krise“, hatte sie gesagt, und seine Brille dann keines weiteren Kommentars mehr gewürdigt. Ihm wurde weich in den Knien und er wankte zurück zum Bett und legte sich vorsichtig wieder hin.

Diesmal hatte ihn seine Epilepsie mehr gekostet als ein paar Hirnzellen, stellte er fest, als er an sich hinunter sah und eine unberührte Bestandsaufnahme versuchte. Offensichtlich war er in sich zusammengekrampft und wie ein Stein zu Boden gegangen. Sein Gebiss muss kurz auf dem Waschbecken aufgesetzt haben. Dafür hatte er Tribut zahlen müssen. Die Zähne hatten seine Unterlippe teilperforiert, das war die Quelle des Blutes, das sich grosszügig über den Boden und sein Kinn und seinen Hals und seinen Oberkörper verteilt hatte. Aber seine Zunge war heil geblieben, Gott sei Dank, er musste Ende der Woche einen Vortrag halten. Er strich mit seiner Zunge über seine Schneide- und Eckzähne und stellte erleichtert fest, dass kein Zahn fehlte oder angeschlagen war. Da keine Zahnstücke im Mund waren beschloss, er dass Blut, das sich immer noch zwischen seinen Zähnen in seinem Mund sammelte, herunterzuschlucken.
Die Tür zum Schlafzimmer öffnete und schloss sich wieder. Jennys Schritte barfuss auf den verdammten Eichendielen. Er lag flach auf ihrer Seite im gemeinsamen Ehebett und lauschte ihren nackten Füßen. Seine Sinne waren immer noch überaktiv. Er roch ihren Schweiß auf dem Kopfkissen, das er zur Seite gedrückt hatte, um flach zu liegen. Er mochte ihren Geruch. Er nahm das Kissen hoch und drückte es sich fest auf das Gesicht und sog ihren spezifischen Jennygeruch ein. Sie schliefen noch manchmal miteinander, immerhin. Oft hatte er allerdings das Gefühl, dass sie lediglich keine Kraft mehr verschwenden wollte, um sich gegen seine Avancen zur Wehr zu setzen. Sie wusste, wie nachtragend er war, wenn er in dieser Beziehung nicht bekam, was er wollte.
Er nahm das Kissen vom Gesicht und sah sie an. Sie setzte sich neben ihn auf die Bettkante. Der Kissenbezug war blutig. Draußen tobten die Kinder über den Flur. Sie hatten etwa vier Minuten, bis eines zu schreien beginnen und Jenny aufspringen würde, um den Streit zu schlichten. Manchmal fragte er sich, was geschehen würde, wenn sie die Kinder einfach einmal streiten lassen würde. Kaum vorstellbar. Noch weniger vorstellbar, dass er dies vorschlug. Mit einem gewissen dramatisch gesteigerten Selbstmitleid aber in der Sache nicht unzutreffend dachte er, er könnte auch im Sterben liegen, Jenny würde aufspringen und ihn sich selbst überlassen, wenn eines der Kinder zu schreiben begann.

Jenny saß neben ihm und sah ihn an,als könne sie seine Gedanken erraten. Wahrscheinlich konnte sie es. Ihre Aufmerksamkeit war halb bei den Kindern, die jetzt irgendeinen Gegenstand über den Flur schleiften, aber sie blieb noch bei ihm und ihr Gesicht war ernst und aschfahl. Er wusste nicht, ob es Ärger oder Sorge war, die sich in ihrer Mimik zeigten, aber er hoffte auf Ärger und sah ihr fast erwartungsvoll entgegen. Ein Streit würde ihn jetzt beleben, spürte er. Sie aber saß auf dem Bettrand und strich ihm einfach über das Haar. Sie liebte ihn also immer noch. Aber sie wusste doch genau, dass er sich verändert hatte und auch, dass er sich unabänderlich weiter verändern würde. Sie hatten oft darüber gestritten, wie wenig Anteil er an allem nahm, was sie schließlich gemeinsam gewollt hatten. Er hatte sich nie so weit hinausgewagt zu sagen, dass es ihr Plan gewesen war und er ihr einfach nur keinen Widerstand entgegengebracht hatte. Dein Plan, Jenny. Ein schöner und unorigineller Plan, der nicht zu dem Mann passte, der er eigentlich hatte sein wollen, aber den er jetzt auch schon nicht mehr wirklich erinnerte. Jenny war nicht dumm und sie war auch nicht uninteressiert. Schließlich war sie seine beste Studentin gewesen, bevor sie die Göttin seines Tisches und Hauses wurde. Sie erkannte daher, dass er nicht mehr so wie früher schrieb, dass er nicht mehr in dem Glauben schrieb, dass es einen Unterschied mache, was er schrieb, sie wusste besser als die anderen, dass seine Arbeit im Institut ein Vorwand war, sich nicht an den Schreibtisch zu setzen, und zugleich ein Vorwand, nicht nach Hause zu kommen. Und sie, seine strahlendste Eroberung, die Mutter seiner kleinen Kinder, die Göttin seines Hauses? Er benutzte sie mit warmer Zuneigung, aber er nahm sie nicht mehr wahr, nicht einmal die Kratzer, die sie über der rechten Flanke hatte, waren ihm am Vorabend aufgefallen, als sie sich gemeinsam im Bad entkleidet hatten, obwohl sie sich keine Mühe gemacht hatte, sie vor ihm zu verbergen.

Aber in diesem Augenblick war das nebensächlich. Jetzt war sie voller Sorgen und wohl dennoch mindestens ebenso zornig auf ihn, aber sie blieb stumm. Er konnte ihre Gedanken auch so hören, aber er war noch zu schwach, zu antworten, sie herauszufordern, den Streit zu provozieren, den er wollte.

Er hörte ihre Gedanken. Wie konnte er sich dieser Gefahr aussetzen? Sie war sicher, dass er seine Medikamente nicht genommen hatte, sie wahrscheinlich über irgendeiner seiner Unternehmungen vergessen hatte. Er war so nachlässig, er nahm nichts jemals ernst, nicht einmal sich selbst. In diesem Jahr war das schon der dritte Anfall. Sie hatte ohnehin keine ruhige Minute mehr, wenn er unterwegs war. Was würde passieren, wenn es das nächste mal auf einer Treppe passierte oder beim Autofahren? Was dann? Was, wenn er jemanden verletzte oder tötete, was, wenn er sich selbst verletzte und ein Pflegefall wurde, was dann, was passiert dann mit mir? Was passiert mit den Kindern? Denkst du an so was? Aber sie fragte es nicht laut, denn der Gedanke, der folgte, der immer folgte, wenn sie so weit gedacht hatte, war schrecklich und sie schämte sich. Sag es doch, Jenny, dachte er , sags doch, dann können wir uns jedenfalls streiten, und ich bleibe im Recht, denn diesen Streit kannst Du nicht gewinnen. Ich weiss, was Du denkst: Wenn es passiert, so wäre es das beste, wenn ich mich selbst totfahren würde, das denkst Du, gib es doch zu, mich selbst, und niemanden sonst, und Du und die Kinder hättet dann die Lebensversicherung, wäret abgesichert, müsstet Euch keine Sorgen machen. So lange sie niemandem sagten, dass es schon der dritte Anfall innerhalb einen Jahres war, und er nachlässig mit seinen Medikamenten war. Aber Jenny streichelte nur sein feuchtes Haar und blieb stumm.

The elusive act of teaching children how to be creative …

To be creative is a basic desire of humans, all humans. It is a genuine expression of who we are even before we are defined by our social and economic circumstances. To teach a child to be creative therefore seems … Continue reading

Coloring a map of the United States with Sennelier pastels

My mother was busy preparing dinner and answering questions my sister had while sitting at the big wooden table and doing her homework. This evening she was coloring and cutting out the states and gluing them in the right place … Continue reading

ART – creativity from down the rabbit hole …

the white rabbit's cardTo be creative is a basic desire of humans, all humans. It is a genuine expression of who we are even before we are defined by our social and economic circumstances. To teach a child to be creative therefore seems to me an elusive act. I look at children with a sense of awe, they are still there, right at the origin, and all I do as an art teacher is to take them on the same kind of  long walk that I had been privileged to undertake with my grandparents and I simply allow them to discover their world and to collect at will what responds to their own desire of creating this world new. If we’d allow our children more freedom and time to explore their own world and provide them with materials that are not dedicated to specific purposes, we could cut back on many extracurricular activities. Let them venture out there and the artist that lives in every one of us but is acutely alive in our children is ready to meet all the great challenges of art right in our neighborhood.

Working with young artists

IMG_5531Working with Young Artists

By trade I am a lawyer. Many lawyers do have a passion besides their original profession though, I happen to have three, if you count my love for children in general and my own children in particular. The other two are writing and art. I mention this because you will surely want to know how I am qualified to “teach art” or as I prefer to say: to work with and alongside young artists.

My grandmother used to say I have been born with a brush in one and in pen in my other hand – and as far as I can remember I have been scribbling and drawing on every appropriate surface – and some less suited. That I came to study law is strange, all things considered, but I guess I wanted to try out if I could succeed doing something else and law had always been intriguing to me. It turned out that I could succeed. I graduated with two law degrees – and came straight back to art. And at some point I started doing it both: art and law. Kids have always played a role. I have been teaching all kinds of classes, art and law, over the last ten years, and it has been a truly rewarding part of my life, not just my professional life. As you might imagine, I am never asked how I qualify to teach legal workshops, I am a lawyer after all, but often how come I teach art as well.

I do believe that art is not the esoteric, isolated endeavor that people sometimes take it to be. Artists are well advised to take notice of their world and have an understanding of it that transcends the visual. Beuys pointed out that every person is an artist, that artistic creation is at the center of human life. He went as far as demanding that every physician, scientist, philosopher be first trained in art. I will venture further by saying that the art world would profit if artists would first be trained in a trade that explores the practical aspects of their environment. Every artist is part of a tangible social reality. The training to become a lawyer might in the end not be either so far from or so detrimental to artistic process as is might seem at first.

Why I do love to work with young artists? Because it refreshing to leave the stereotypes that people retreat to as they become older. Every child I have ever had the pleasure to meet turned out to be an original artist (albeit sometimes a frustrated one …).
I respect the creative work children are capable of. As a first hand witness and as someone who still draws and paints, saws and glues every day: There is no time like childhood to experience the joy of art.

I had the good luck to be raised by a grandmother who had the wisdom of an older generation to pretty much let me do whatever I thought appropriate as long as I did not nail her good table linens onto a broomstick for a pirate sail (happened only once) or cut out my great grandmother’s lace to make curtains for fairy dwellings, also a one time never to happen again situation.

However I was allowed to make use of any tool that I would find in my grandfathers tool shed or in the kitchen without anyone trying to figure out if they were child appropriate. I was also allowed to make generous use of old newspapers and magazines, of the newsprint paper that my grandfather, who was publisher of a local newspaper, brought home, and in general of every piece of metal, screw, paper, feather, stone or yes, glass! that I would pick up on our long walks. It never occurred to my grandparents that I might pick up some dangerous germs on the way.

I brought everything home and assembled it very much the way every child will when you do not interfere. I do not know where our desire to “make” things has its origin but I do know that we already possess it as children, together with an instinct of how things fit together. If children are not allowed to roam as freely as I was, they will still build markers from pebbles and stones, they’d still use sticks to draw in sand, build strange, improvised gardens in mud, decorate prefabricated play structures with ritual signs.

To be creative is a basic desire of humans, all humans. It is a genuine expression of who we are even before we are defined by our social and economic circumstances. To teach a child to be creative therefore seems to me an elusive act. I look at children with a sense of awe, they are still there, right at the origin, and all I do as an art teacher is to take them on the same kind of  long walk that I had been privileged to undertake with my grandparents and I simply allow them to discover their world and to collect at will what responds to their own desire of creating this world new. If we’d allow our children more freedom and time to explore their own world and provide them with materials that are not dedicated to specific purposes, we could cut back on many extracurricular activities. Let them venture out there and the artist that lives in every one of us but is acutely alive in our children is ready to meet all the great challenges of art right in our neighborhood.

To come back to the question of my own expertise: I do believe with visionary clarity that it is not my academic expertise that is relevant. It is my willingness to acknowledge and celebrate children as the artists they are. I do believe that art is not a matter of paper and ink, of perspective and shading, I do believe though art techniques can be taught art cannot, no more than breathing, walking, seeing. It is something that happens when things go right or when you have to make them come out right. Art is life.

But is it ART?

English: Butter making woman Français : femme,...

English: Butter making woman Français : femme, faisant du beurre Deutsch: Frau Butter stampfend (Photo credit: Wikipedia)

Alternative approaches to teaching ART

Joseph Beuys and the use of butter and animal fat in his work

 

This is a journal entry describing an indirect approach to the question if a certain object as later illustrated by Joseph Beuys “fat corner” is or is not art. Rather than to start by discussing what art might be, I took two sticks of butter and a box to a class of fifth graders. I opened the butter and started squishing it between my hands without explaining what I was doing and why I was doing it. The butter was slightly softened and was growing softer still through handling and it had good sculptural properties. As I worked air into it, it produced disgusting sounds. I walked around the room, talking about art in general,never referring to my activity, still working the butter between my hands. The kids were intrigued, their reaction ranged from mere disgust to laughter, on which i did not comment, but after a while they started to be fascinated by their own responses to the demonstration, how emotional, shocking, entertaining this seemed to them – and why, and so they talked about that. in the end I sculpted the butter into a corner of the box. I picked the box up and presented it to them like a diorama. then I asked: is it art?

 

Out of 21 kids, based on their own experience of the performance, 19 judged it to be art.”

 

„Rutkas Tagebuch“

„Rutkas Tagebuch“.

All jenen, die meinen, man habe nicht wissen können, dass die jüdischen Nachbarn, die abgeholt wurden, ganze Familien, die in der Nacht auf Ladeflächen von Lastwagen fortgebracht wurden, mit dem Ziel ihrer Ermordung fortgebracht wurden, denen sei die Lektüre dieses Tagebuches eines vierzehnjährigen polnischen Mädchens, Rutka Laskier, empfohlen, ermordet 1943 in Auschwitz. Rutka Laskier führte ein Tagebuch, das erst 60 Jahre später bekannt wurde, ein Zeugnis der Zeit, aus dem unmissverständlich hervorgeht, dass dieses Mädchen, 14 Jahre alt, sehr genau wusste, welches Leid und Elend ihr zugedacht waren. Ich reblogge diesen Artikel aus dem exzellenten blog “Wortspiele” in Anknüpfung an die Diskussion darüber, mit welchen Zeitdokumenten der Holocaust an den Schulen unterrichtet werden sollte. Die vorgestellte Ausgabe enthält ein Nachwort von Miriam Pressler.

childhood

IMG_3109When did we forget to spin the dream, when did our world cease to hold small promises of meaning and adventure, a life time of stories still to be told? How did we grow up to forget the sensual richness of the world, the intense pleasure we can find only in simple things and moments? When did we cease to live today in order to reach for a tomorrow that we never truly know will exist – and if it does, it comes only to be given up and traded in for yet another tomorrow until there is no tomorrow left? When did we start squandering our present moments for squalid projections of who we could be if only? When did we tire of that what we have , right here and right now, the word, the discovery of nothing and everything, the breath of boredom and adventure alike?

Anne Franks Tagebuch im Schulunterricht

Signature of Anne Frank

Signature of Anne Frank (Photo credit: Wikipedia)

Mein Beitrag zu einer blog-Diskussion über die Lektüre des Tagebuches der Anne Frank im Schulunterricht:

Wer das Tagebuch von Anne Frank ausschließlich als verstörendes Beispiel für die Geschichte eines Opfers der Nationalsozialisten ansieht und es deshalb als unzumutbare Lektüre für Kinder  im Schulunterricht ansieht, hat es wahrscheinlich nicht gelesen. Ja, das Buch kann sehr traurig machen. Aber die Lektüre verstört nicht. Sie verleiht einer dunklen Zeit ein menschliches Gesicht.

Es ist richtig, Anne Frank wurde von dem Nationalsozialisten verfolgt und ermordet. Kinder lesen die Aufzeichnungen Annes in dem Wissen, dass die Autorin niemals erwachsen werden durfte, dass Anne Frank in einer Zeit lebte, in welcher in Deutschland und den Ländern, die Deutschland besetzt hielt,  selbst Kinder verfolgt und getötet wurden. Dennoch haben drei Generationen von jungen Menschen dieses Buch quasi als Gegengift zu der Verzweiflung gelesen, die mit dem Bewusstsein einhergehen kann, was Menschen einander antun können. Dies gilt insbesondere für Kinder in Deutschland, die begreifen, dass dies die Geschichte ihres eigenen Landes ist.

Anne starb in Bergen-Belsen an Typhus. Die Verhältnisse, unter denen sie eingesperrt und untergebracht worden war, machen ihren Tod zum Mord. In Annes Tagebuch lesen wir dennoch nicht von Hass und Vergeltungssucht, obwohl die Aufzeichnungen in dem klarem Verständnis der Gefahr geschrieben wurde, in dem die Autorin und ihre Familie in ihrem Versteck in Amsterdam leben mussten. 

Wir werden vielmehr Zeuge, dass ein sehr junger, sehr begabter Mensch sich auch in der dunkelsten Zeit deutscher und europäischer Geschichte die Liebe zum Leben und ihre Wünsche für ihre eigene Zukunft zu bewahren verstand. Wir lesen, dass ein junges Mädchen sich trotz höchster Not von einem Fleck Sternen besätem Nachthimmels, erspäht aus der Enge ihres Verstecks, verzaubern lassen konnte. Wir lesen von Lebensmut und Menschlichkeit in einer unmenschlichen Zeit. Und das ist der Grund, warum dieses Tagebuch nach all diesen Jahren immer noch und immer wieder gelesen wird – und warum es eine geeignete Schullektüre ist.

Das Tagebuch der Anne Frank spricht davon, wer Menschen sein können, gerade auch junge Menschen. Es spricht davon, dass ein Mensch in den dunkelsten Tagen Liebe und der Hoffnung empfinden und sie auch an andere weiter geben kann. Wer an den Menschen verzweifelt, wer an der deutschen Geschichte verzweifelt, wende sich an dieses Buch. Es zeigt in klarer Sprache, dass wir die Wahl haben, zu sein, wer wir sein wollen.

Anne Frank, Dietrich Bonhoeffer, Sophie Scholl, Victor Klemperer haben sie sich ihre menschliche Stimme, ihre Gefühle und Würde auch in der Verfolgung nicht nehmen lassen. Auch dies lässt sich aus der Geschichte Deutschlands lernen – auch dies ist Teil unserer Geschichte.

Dass einzelne Menschen, unter ihnen sehr junge Menschen wie Anne Frank und Sophie Scholl, nicht mit Hass sondern mit fragendem Verwundern auf diejenigen reagierten, die sie verfolgten, darf uns mit dem, was Menschen vermögen, versöhnen, auch wenn es uns auferlegt, dass wir uns mit diesem Teil unserer Geschichte niemals aussöhnen dürfen. Es war Finsternis in jener Zeit – aber es gab auch Licht.  Dass uns gerade von denen, die verfolgt wurden, Stimmen der Menschlichkeit überliefert sind,  zeigt uns und unseren Kindern einen Weg aus der Verzweiflung über unsere eigene Geschichte.

Unseren Kindern im Schulunterricht oder zu Hause das Tagebuch der Anne Frank zu geben, und es ihrer Stimme zu überlassen, zu beschreiben, wer wir als Menschen sind und wer wir sein können, ist für mich vor allem anderen nicht nur eine Geste der Bewunderung für den unfassbaren Mut, der in Anne Franks Worten klingt, einen Mut, den ich auch meinen eigenen Kindern und Schülerinnen und Schülern wünsche,  mögen sie niemals solche Zeiten erleben, sondern auch eine späte Erfüllung von Annes Wunsch, eine ihrer Begabung entsprechende Schriftstellerin zu werden und nachfolgende Generationen zu berühren und zu beeinflussen.

Ich glaube, dass es nach der Lektüre von Anne Franks Tagebuch möglich ist, sich in Angesicht von Anne unerschütterlichem Lebensmut unserer Geschichte, der deutschen Geschichte, anzunehmen, auch dort, wo sie unerträglich ist, sie nicht zu verleugnen, sie weiter zum Gegenstand unserer Betrachtung zu machen. Sie nicht zu vergessen, die Menschen, die unter den Nationalsozialisten verfolgt wurden, nicht zu vergessen. Nicht zu wünschen, dass dieser Teil unserer Geschichte vergessen werde,  nicht zuletzt auch, weil das hieße, das diese Menschen in Vergessenheit gerieten. Ich möchte glauben, dass dies möglich ist.

Mehr Mut als der, zu unserer Geschichte zu stehen, aus ihr zu lernen, ist von uns, den nachfolgenden Generation, derzeit nicht verlangt. Mut, in unserer Zeit zu wirken, zum Beispiel Verfolgte anderer Regime aufzunehmen, und ihnen eine Möglichkeit zum Neuanfang zu bieten. Sie nicht zurück zu schicken in das Elend, dem sie zu entkommen versuchen.

Das ist sehr wenig im Vergleich zu dem Mut, den ein Mädchen in Todesgefahr aufbrachte, um ihr Leben in einem Versteck in einem Hinterhaus weiter zu leben. Etwas von Annes Mut und Liebe und ihrem unerschütterlichem Glauben daran, dass das Leben ein Geschenk ist, sollte es uns erlauben, die ganze Geschichte Deutschlands, unsere Geschichte, gegenwärtig zu halten, sie auszuhalten und weiterzugeben – und zwar zusammen mit der Hoffnung, dass wir immer die Wahl haben, zu sein, wer wir sein wollen.

Anne Frank, Sophie Scholl, Dietrich Bonhoeffer – sie waren nicht nur Licht in ihrer eigenen, sondern ein Vermächtnis auch an unsere Zeit.

Annes Tagebuch ist ein Geschenk, keine Bürde. Es gehört in den Schulunterricht. Es gehört zum kulturellen Erbe unserer Kinder.

Art and me, or: The crowd at my breakfast table

Wer guckt da durch?

Art and me, we have a strange and very complicated relationship. I have been chasing it with determination and desperation, and it has cold-heartedly denied me. The pain of rejected love is cruel, but I submitted to it only so long. I retreated, admitting defeat was the most dignified thing to do in this situation, I thought, and I became a lawyer. But then, surprise, instead of going its own way, art took up a habit of following me instead, never quite disappearing out of sight, yes, I would say, teasing me, challenging me.

Eventually, we made up, kind of, since then I have been treating it with respectful nonchalance,and it has been faithfully and annoyingly waiting for me ever since at the breakfast table, casually asking me: “So, what are you up to today?”, not being offended by my silence while I am hiding behind my crucially important notes for the day, while I am all business, anticipating legal arguments and dictating the first legal brief in my mind, instead asking again, equally casually: “Mind, if I tag along?”, and I – with an air of studied indifference respond: “Sure, why not?”, and out the door we rush.

And when I come home in the evening and I open my very important briefcase out tumble bits of this and that, drawings on note paper, done while I was on the phone, creatures with big eyes while I was thinking about security of data transmission, one of my new wooden drawings “Watch out while you are being watched” over a quick coffee break. At home I don’t know how to archive the mass of these  bits and pieces anymore, nor where to store the heap of casual paintings done at night, JUST because, and during every free moment and I feel like I imagine the husband must be feeling who doesn’t quite know whether he is cheating on his wife when he spends time with a female friend his wife is well aware of or whether he is cheating on said female friend when spending quality time with his wife.

Garbriel Lorca, the beautiful Spanish poet who was murdered by the Nationalist Forces shortly after the beginning of the Spanish Civil War in 1936 – who really was a much better poet than an artist expressed it very much the same way, because he loved drawing, tenderly calling it his “mistress” while he stayed married, of course he did, to his writing. I remember reading in a small, illustrated Lorca volume I had bought at the Heinrich Heine Buchhandlung at the main train station of the Berlin Zoo station – a book store that was as great and complicated and deep and full of books and ideas about books as it could possibly get, probably a dependance of Borges library. I was twenty and attending classes by Prof. Robert Kudielka at the HdK, the University of Fine Arts in then still Westberlin – while actually meaning to study law at the Free University. You see, from the beginning this was a complicated thing and the small Lorca volume seem to me like an announcement of something I was not ready to grasp yet. I still own it.

I got constantly side-tracked during those years because of places like the Heinrich-Heine book store where they absolutely supported the idea of spending your entire cash worth a month of earnings at  some student’s job on a heap of books you could just so carry to the register – after first staying for what seemed like days in the sacred railway catacombs, resembling a labyrinth of overpacked shelves. You’d come out with marvelous finds, books that had been hiding for decades, books unknown even to the book seller, and you and the book seller would jointly rejoice in the find, and the book seller would come up with a fantasy price for the book because the one displayed on the inside of the cover seemed – unreal. 51 cents, Pfennige, or something like this. So, you’d pay 2,50 DM, and it wasn’t a used book, it was a book that had been waiting for you to be the first owner patiently since about 1953, well over a decade before you had been born and even more time before you became literate and then some more.

I got constantly side-tracked because there were the collections of old masters in Dahlem, one S-Bahn station before Thielplatz, my law school station, and you’d only guess that I must be a somewhat decent lawyer for passing my exams besides the fact that getting off the train in Dahlem to for a small detour through the beautiful tree-lines streets of Dahlem as often as not ended up with an entire day in the collections, studying Rembrandt and Baehr and flemish artists instead or, if I made it to class in the morning, not returning from the university’s cafeteria at lunch time because it was located pretty much right next to the collections.

I am actually now practicing law, specializing, surprise, on art and law, and art still has a very sly way of side-tracking me. Maybe it has something to do with the fourteen years I spent in New York, idling away time at the MoMA and the Met, and at Crawford Doyle booksellers. Art has always influenced the Why and Where, has seduced me to accept situations I would not have dreamed of for the sake of studying a Vermeer at the Metropolitan Museum of Art, Calder’s Circus at the Whitney, or rough Miro drawings at MoMA or Gerhard Richter‘s black and white paintings at MoMA, Odilon Redon, Armando Reverón, Richard Serra, Lucian Freud, Swoon, Kiki Smith, Marina Abramović, Nancy Spero, my appetite may have been more voracious than discerning, but it found nourishment as I found distraction from more pressing questions and challenges and time passed swiftly as I was holding still, holding still and just looking and looking.At times that seems my main occupation. Looking. Thinking. Understanding. Reversing. Looking again.

Sometimes now I suspect that I do what I do – including law – because of art not despite, but I am loath to follow up on that suspicion. For now, I like the casual question in the morning, the uncertainty, the “Wow, this is still going on” and with as much determination and desperation as ever before. One could not ask for better. Want me to tag along. Sure.

By the way, above drawing is one done on the side, complementing a serious legal interest of mine. Even as I write this blog. Who is watching you? I am still married to the law. But if you made you way through to here, you realize that I as I have spoken about “art” as a single occupation I have really referred to two loves: Writing and painting. Now, that is – almost – too much for one life. definitely for one blog article that is already stretching the limits of a reasonable article’s length.  It’s a bit crowded at the breakfast table at times.