Die Bibliothek der Schatten (aus dem Roman: Nachtwachen)

Signature of James Joyce from Ulysses, 1936 Bo...

Signature of James Joyce from Ulysses, 1936 Bodley Head Edition, Copy #3 of 100 (Photo credit: Wikipedia)

Der Urgroßvater hatte sein gesamtes Leben in Schleswig-Holstein verbracht, dennoch war er nach den Darstellungen seines Sohnes des Englischen auf eine Weise mächtig gewesen, die es ihm erlaubt haben musste, Joyce im Original zu lesen. Mit Bedauern empfindet K ihre jugendliche Ignoranz. Sie hatte immer nur ungeduldig darauf gewartet, dass die Geschichte, die der Großvater ihr wieder und wieder erzählte, ein Ende haben möge, so dass sie sich wieder ihrem eigenen Buch widmen konnte. Außerdem war es K von Kindheit an selbstverständlich gewesen, dass Wissen einfach durch beharrliches Interesse erworben wird.

Sie hatte es niemals in Frage gestellt, dass ein Dorflehrer sich in seinem Studierzimmer ganz seinem Interesse an zeitgenössischer Literatur widmen konnte, weil sie auch ihren Großvater in fortwährender Beschäftigung mit Ideen und Wissen erlebt hatte, die ihren Ursprung ausschließlich in seiner Lektüre zu haben schienen. Erst jetzt kommt ihr dies bemerkenswert vor.

Erst jetzt versteht sie, dass die Geschichte, die ihr Großvater ihr erzählte, tatsächlich von zwei Elementen bestimmt war. Die Leidenschaft des Urgroßvaters für seine Bücher, das war nur die eine, die leicht erinnerte Seite der Geschichte. Das andere Element der Erzählung, jenes dass K lange überhört hatte, das sie erst jetzt, in der Erinnerung erfasst, war, dass der Großvater sich immer nach seinem Vater gesehnt hatte. Dass er als Junge einen Vater gehabt hatte, der sich einer Sache mit ganzer Leidenschaft zu widmen verstand, während er sich um seinem Sohn nur mit kühlem Pflichtbewusstsein zuwendet. Er vernachlässigt ihn nie. Aber er ist auch niemals wirklich anwesend. Die Sehnsucht, die den Jungen umtreibt, sieht er nicht. 

Und doch wird auch dieser Sohn, mein Großvater, viele Jahre seines Lebens vor seinem eigenen Bücherschrank verbringen und sich seinen  Ideen widmen, während er als Herausgeber einer lokalen Zeitung landwirtschaftliche Ausstellungen besucht und Anzeigenkunden wirbt. Niemals gibt er seine lebenslange Suche nach einer Erklärung dafür auf, dass Ideen die Macht haben, den Lauf der Geschichte zu bestimmen, zum Guten wie zum Grausamen. Wer denken würde, dass der Großvater sich in der Folge seiner Laufbahn eine kryptofaschistische Bibliothek zusammengestellt hätte, um der verflossenen Zeit des NS-Regimes hinterher zu trauern, befände sich im Irrtum. Dennoch ist es eine komplizierte Sammlung von Titeln, die K nach seinem Tod in den Händen hält und von der einiges nun in ihrer eigenen Bibliothek steht.  Literatur von Halldor Laxness, Anna Seghers, Lion Feuchtwanger, Franz Kafka standen in dem Eichenschrank des Großvaters Seite an Seite mit der Deutschen Geschichte von Golo Mann und Sachbüchern des Spiegel Chefredakteurs Stefan Aust. Bibliophile Ausgaben von Victor Hugo, James Joyce, Ezra Pond, Knut Hamsun und Gottfried Benn hielten seltsame Nachbarschaft mit Heinrich Harrers “Sieben Jahre in Tibet” und “Die weisse Spinne” und dem “Mahabaratha”. Mit dem Bürgerlichen Gesetzbuch und einer Festausgabe des Grundgesetzes.

Und schließlich hatte K eine ganz ähnliche Wissenssuche in den Archiven der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Freien Universität Berlin fortgesetzt. Ohne sich Rechenschaft darüber abzulegen, wonach sie suchte und warum. Eine Suche, die jetzt, zehn Jahre nach dem Tod des Großvaters andauert. Bücher des Urgroßvaters und des Großvaters begleiten sie dabei wie eine Sammlung von Wissen, das sich immer schon versteht. Wie schwer ist es, sich aus diesem Wissen zu lösen und selbst zu denken.

Ob der Dorflehrer Genugtuung bei dem Gedanken empfunden hätte, dass sein Sohn und jetzt seine Urenkelin immer noch mit seinen Büchern leben? Mit Büchern, die er mit dem Rest einer Erbschaft und seinem Gehalt als Dorfschullehrer bei einem Buchhändler in Kiel erworben hatte.  Obwohl er lange vor der Geburt selbst  ihrer Mutter bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen war, hält K es für nicht ausgeschlossen, dass die Leidenschaft dieses Dorflehrers mit ursächlich sein mag an ihrer eigenen Liebe zur englischen Sprache, die sie so weit auf die Reise geschickt hat, an ihrer Leidenschaft für Sprache überhaupt, an ihrer Leidenschaft für Recherche.

Und sie könnte diese Leidenschaft für Bücher und Ideen als ein Erbe der ganz besonderen Art annehmen, diese Leidenschaft für das Wissen über Generationen, wenn sie die Lebensgeschichte ihres Großvaters ignorieren könnte. Wenn sie sich selbst davon überzeugen könnte, dass die Form, welche die Leidenschaft des Urgroßvaters angenommen hatte, nicht den fruchtbaren Boden für die blinden Überzeugungen des Großvaters geschaffen hätte. Und wenn sie nicht befürchten würde, dass tief in ihr derselbe Wille zur gnadenlosen Konsequenz verborgen läge.

„Die Dubliners“, erstmals herausgegeben 1914 in England durch den Verleger Grant Richards, erscheint mit dem Beginn des ersten Weltkrieges. Bereits 1916, Nick Rieper ist 10 Jahre alt, sind Deutschland und Großbritannien Kriegsgegner in einem grauenhaften Krieg, der sich wie Feuer ausbreitet und 17 Millionen Menschen das Leben kosten soll. Wie war es möglich gewesen, dass in einem Winkel Schleswig-Holsteins ein Dorfschullehrer sich den Antagonismen der Zeit gegenüber blind zu sein erlaubte und sich dieses Buch zu seiner persönlichen Bibel erkor? Und wie war dieses Buch, die englische Originalausgabe der Dubliners zu ihm gelangt?

Der Fall Eichmann: strafrechtliche Verantwortlichkeit für staatlich legitimiertes Handeln

English: Defendant Adolf Eichmann (inside glas...

English: Defendant Adolf Eichmann (inside glas booth) is sentenced to death by the court at the conclusion of the Eichmann Trial. At the left table seated with two persons, the person on the right (with white hair and headphones) is defense counsel Robert Servatius. (Photo credit: Wikipedia)

http://nachtwachenroman.com/2013/11/22/der-fall-eichmann-strafrechtliche-verantwortlichkeit-fur-staatlich-legitimiertes-handeln/

New York 1998. K sitzt an einem Fenstertisch in ihrem Coffee Shop an der Ecke 94ste Straße und Columbus, trinkt bitteren Kaffee aus einem Pappbecher, starrt aus dem Fenster, und wartet darauf, dass ihr eigener Tag beginnen möge. Jeden Morgen wartet sie so, schaut durch den steten Strom vorbeieilender Passanten, und wartet, dass die Gedanken zurückkehren mögen. Gewöhnlich bringt sie ein Notizbuch und Bleistifte. An diesem Tag liegt neben dem Pappbecher auch ein fettbefleckter, etwas vergilbter Umschlag, adressiert in ihrer eigenen Schrift.  Ein handschriftlicher Bogen und einige Kopien von mit Schreibmaschine beschriebenen Seiten, eineinhalb Zeilen Zeilenabstand, ein Drittel Rand,  die zehn Jahre in diesem Umschlag verborgen waren,  liegen entfaltet vor ihr. Zuletzt hatte sie diese Papiere 1986 in Berlin in den Händen gehalten, gefaltet, in den Umschlag geschoben, den Umschlag adressiert und ihn aufgegeben. Nun sind sie ihr nach New York gefolgt.

Berlin, 16. Juni 1986

Lieber Großvater,

herzlichen Glückwunsch zu Deinem achtzigsten Geburtstag! Ich wäre gerne bei Dir, um mit der Familie Deinen Geburtstag zu feiern. Wir holen es in den Semesterferien nach.

Einstweilen sende ich Dir dieses kleine Paket. Ich hoffe, die Zeichnung gefällt Dir, ich bin dafür mehrere Nachmittage zum Kopieren in die Dahlemer Sammlung gegangen. Dieses kleine Stillleben mit Erdbeeren ist mein liebstes Bild aus der flämischen Galerie.

Du fragst ja immer nach meinem Studium. Mit gleicher Post sende ich Dir daher eine Kopie meines Referates in der Projektgruppe Staatsschutzstrafrecht, “Strafrechtliche Verantwortlichkeit für staatlich legitimiertes Handeln – der Fall Eichmann.” Ich habe noch viele Fragen. 

Deine Katja

„Im Sinne der Anklage – nicht schuldig.“  lautet die Erwiderung Adolf Eichmanns auf die Anklage des Staates Israel, vertreten durch den Generalstaatsanwalt Gideon Hausner.

Vier der Einzelanklagen der israelischen Staatsanwaltschaft legen dem  Angeklagten Verbrechen am jüdischen Volk zur Last, weitere sieben Verbrechen gegen die Menschheit, eine  beschuldigt ihn des Kriegsverbrechens und drei der Mitgliedschaft in feindlichen Organisationen, der Gestapo, der SS und dem SD.  Als rechtliche Grundlage der Anklage zieht der Generalstaatsanwalt  das am 1. August 1950 erlassene Gesetz zur Bestrafung der Nationalsozialisten und ihrer Helfer heran.

Der Strafprozess gegen Adolf Eichmann vor einer Sonderkammer des Bezirksgerichtes Jerusalem beginnt am 11. April 1961. Am 31. Mai 1962 lehnt der Präsident des Staates Israel die eingereichten Gnadengesuche Eichmanns, aber unter anderem auch der Central Conference of American Rabbis und einer Gruppe von Professoren der hebräischen Universität Jerusalems, vertreten durch Martin Buber, ab. Das Todesurteil wird kurz vor Mitternacht desselben Tages durch Erhängen vollstreckt.

Dem Prozess liegt nach israelischer Auffassung die rechtliche Argumentation zugrunde, dass schwerwiegende Verstöße gegen durch das Völkerrecht international geschützte Rechtsgüter nach dem sogenannten Weltrechtsprinzip zu ahnden seien. Dies gelte fraglos für die Vorbereitung und Teilnahme am Völkermord.  Der Staat Israel sieht sich als Vertreter des jüdischen Volkes zur Rechtsfindung im Fall Eichmann prozessual zuständig.

Die Verteidigung durch den Pflichtverteidiger Robert Servatius argumentiert, dass die Amtshandlungen Eichmanns seien zu ihrer Zeit nicht strafbar gewesen seien, und zwar weder nach deutschem noch nach internationalem Recht. Das Gesetz zur Bestrafung der Nationalsozialisten und ihrer Helfer sei erst im Jahr 1950 erlassen worden und dürfe nach rechtsstaatlichen Prinzipien rückwirkend nicht angewandt werden. Der Transport der Juden in die Vernichtungslager sei Eichmann als Amtshandlung rechtlich verpflichtend von dem deutschen Staat als Arbeits- und Befehlsgeber auferlegt worden. Dieselbe Handlung könne aber nicht gleichzeitig rechtmäßig und rechtswidrig sein. Der einzelne dürfe sich auf die Wertung seiner nationalen Rechtsordnung verlassen.

Eichmann habe zwar den Transport der Juden in die Vernichtungslager organisiert. Dieser Aufgabe habe er sich jedoch ausschließlich im Verwaltungsverfahren von seinem Schreibtisch in Berlin aus als Leiter des sogenannten Judenreferates mit der Bezeichnung IV B4 gewidmet.  In den Vernichtungslagern selbst sei er nur zu “Ortsterminen” erschienen. Er sei in allen Angelegenheiten seit seiner Teilnahme als Protokollführer an der Wannseekonferenz, auf welcher die sogenannte “Endlösung” initiiert wurde, dennoch  lediglich ein befehlsgebundener Staatsdiener gewesen. Kurz, er habe mit Akten gearbeitet. Bei der Wahrnehmung seiner Aufgabe habe es sich  um die rein administrative Ausführung eines sogenannten “act of state” gehandelt, für die ausschließlich der Staat selbst und die unmittelbare Staatsführung, nicht aber seine Befehlsgebundenen zur Verantwortung gezogen werden könnten.

Eichmann selbst verweigert sich selbst der Einsicht, dass seine effiziente Planung des Transports Tausender von Menschen in die Vernichtungslager unmittelbar den Genozid vorbereitet und ihn erst ermöglicht hatte.  Eichmann sieht seine Rolle noch während des Prozesses nur als Ausführung einer “Verwaltungsaufgabe”, die er nach bestem Vermögen wahrzunehmen sich verpflichtet sah. Immer wieder hebt er gegenüber den israelischen Untersuchungsbehörden hervor, dass er „persönlich niemals feindselige Gefühle gegen einen Juden“ verspürt habe und im Gegenteil „manchen geradezu freundschaftlich“ verbunden gewesen sei. Dass selbst nur eine Verminderung seiner Effizienz vielen Tausenden von Menschen das Leben hätte retten können, scheint ihm niemals in den Sinn zu kommen.

Als Administrator war Eichmann in der Tat während der Zeit des nationalsozialistischen Regimes gesichtslos und namenlos geblieben. Unter Inanspruchnahme der Hilfe des katholischen Bischofs  Alois Hudal war Eichmann ebenso wie der KZ-Arzt Josef Mengele, der Chefkonstruktuer der Gaswagen Walter Rauf, der SS- und Gestapo Chef von Lyon Klaus Barbie und andere Henker und Schlächter des nationalsozialistischen Regimes entlang der sogenannten “Rattenlinie”, der rat line,  über Rom nach Argentinien geflohen. Erst 1960 hatte ihn der israelische Geheimdienst dort aufgespürt und ihn nach Israel entführt. Auch die hierin mangels Auslieferungsabkommens zwischen Argentinien und Israel  liegende Völkerrechtsverletzung rügt der Verteidiger Servatius im Prozess gegen Eichmann.

Bis zum Ende des Prozessgeschehens bestreitet Eichmann seine rechtliche Verantwortlichkeit, obwohl er infolge seiner Teilnahme an der Wannseer Konferenz von Beginn an gewusst hatte, dass es sich bei den geplanten Lagern nicht um “Arbeits-‘” sondern um Vernichtungslager für einen Völkermord unfassbaren Ausmaßes handelte . Dennoch ist er offiziell bis zuletzt der Ansicht, dass es für ihn allein darauf angekommen sei, sich einer “Verwaltungsaufgabe” nach “bestem” Vermögen” zu widmen. Dass dieses “beste Vermögen” den Tod von 4 Millionen Menschen bedeutete, erreicht ihn argumentativ nicht, ist logisch nachrangig. Schließlich bietet er sich an, sich “aus moralischer Verantwortlichkeit” selbst zu erhängen. In diesem makabren Angebot liegt in letzter Konsequenz noch einmal das Bestreiten der strafrechtlichen Zuständigkeit der israelischen Gerichtsbarkeit.

Hannah Ahrendt, die dem Prozess als Beobachterin beiwohnte, charakterisierte den Angeklagten in „Der Prozess Eichmann. Die Banalität des Bösen“ als erschreckend normal: “Das Beunruhigende and der Person Eichmann war doch gerade, dass er war wie viele, und dass diese vielen weder pervers noch sadistisch, sondern schrecklich und erschreckend normal waren und sind. Vom Standpunkt unserer Rechtsauffassung und an unseren moralischen Urteilsmaßstäben gemessen, war diese Normalität erschreckender als alle Gräuel zusammengenommen, denn sie implizierte, dass dieser neue Verbrechertypus unter Bedingungen handelt, die es ihm beinahe unmöglich machen, sich seiner Untaten bewusst zu werden.“

Es ist diese “Banalität des Bösen”, ein Begriff, für dessen Prägung Arendt heftig angegriffen and angefeindet wurde, die Frage nach der Möglichkeit der Unrechtseinsicht des Täters, die bis heute beunruhigen muss. Wer den Standpunkt verteidigen wollte, dass die Handlanger des Völkermordes des Dritten Reiches in der Tat unter Umständen gehandelt hatten, die es ihnen unmöglich gemacht haben sollten, das Unrecht ihres Handelns trotz seiner Ungeheuerlichkeit zu erkennen (und dass es daher keinen rechtlich legitimen  Weg habe geben können, diese Taten gegenüber anderen Tätern als jenen der unmittelbaren Staatsführung zu verfolgen), muss in Konsequenz der eigenen Argumentation eigentlich in ständiger Furcht leben, dass sich die Geschichte wiederholt, vielleicht in neuem Kleid, dass sie sich möglicherweise in diesem Augenblick erneut zuträgt, wenn auch auf anderen Schauplätzen.

Mehr Fragen auf Umwegen: Das Museum in der Invalidenstraße (aus dem Roman Nachtwachen)

http://nachtwachenroman.com/2013/07/19/das-museum-fur-naturkunde-in-der-invalidenstrase-1986/

Berlin, 13. März 1986

Lieber Großvater,

gestern bin ich mit der S-Bahn nach Ostberlin gefahren, um ins Naturkundemuseum in der Invalidenstraße zu gehen, wie Du vorgeschlagen hast. Ich musste beim Grenzübergang 25 D-Mark in Ostmark umtauschen, Zwangsumtausch. Danke für das Weihnachtsgeld, Großvater.

Germany - 1923 - 2000000 Marks - FrontGermany – 1923 – 2000000 Marks – Front (Photo credit: evilsoapbox)

Ich wünschte, Du hättest mir mehr aus Deiner Berliner Zeit erzählt! Verglichen zum Beispiel mit demSchloss Charlottenburg in seinem sorgfältig rekonstruierten Zustand, scheinen die Museumsinsel oder das Naturkundemuseum  trotz ihrer Größe und zentralen Lage beinahe vergessen, als würden sie hier nur noch geduldet, als sei es eine Frage der Zeit, bis man sich ihrer entledigen wolle. Fontanes Großbürgertum lässt sich, so finde ich,  hier in Ost-Berlin ironischerweise besser beschwören als im Westen, der eigentlich nur noch eine sorgfältig inszenierte Touristenkulisse des zwanzigsten Jahrhunderts zu sein scheint.

Das Naturkundemuseum hat sich gewiss nicht verändert, seit Du in den vierziger Jahren an Deinen freien Wochenenden dort ein- und ausgegangen bist, wahrscheinlich ist seither nicht einmal Staub gewischt worden. Du hast gemeint, das Museum lege Zeugnis ab von der hohen Zeit der Taxonomie in Deutschland Ende des vorigen Jahrhunderts, ein unerschöpfbarer Vorrat an Wissen sei hier gesammelt und dem Volk (Deine Worte) zur Belehrung zugänglich gemacht worden. Du warst empört, als ich erwiderte, ich fände keinen Gefallen an ausgestopften Tieren. Du meintest, es stünde mir nicht an, zu beurteilen, was ich nicht einmal gesehen habe und wolltest meinen Einwand nicht gelten lassen, dass man nicht unbedingt Augenzeuge sein müsse, um einen Sachverhalt zu beurteilen. Das sei nichts als juristische Wortverdreherei, hast Du gesagt, und daraus seien schon viele Missverständnisse entstanden. (Sprichst Du deshalb fast niemals über Deine Zeit in Berlin, Großvater? Oder Allenstein, heute Olsztyn? Oder Stuttgart?

Jedenfalls bin ich also jetzt dort gewesen, um mir selbst ein Bild zu machen. Du hast gesagt, das Naturkundemuseum sei ein Ort, der dem Verständnis des Lebens diene, ich empfand es eher als ein Ort, an dem der Tod präzise kultiviert wird. Taxonomie, Wissenschaft von der Bestimmung, Einordnung und Benennung der Lebewesen. Du zitiertest sogar die Bibel, die Du als Kulturquelle bezeichnest:  Indem Gott, der Herr, die Wesen benannte, rief er sie ins Leben, Namen waren sein Schöpfungsgesang. Als Du dieses Zitat anführtest, musste ich übrigens daran denken, wie auch Du abendlich durch Deinen Garten, Deine Schöpfung, gehst, und Deine Obstbäume, Gemüse, Blumen bei ihrem Namen rufst, “Ihr seid mein.”  Aber zurück zum Naturkundemuseum, und mit Deinen eigenen Worten: Der lautlose Gott wilhelminischer Wissenschaft, indem er bestimmt, einordnet und benennt, zitiert was ist, lebendig ist, in die staubige Stille des Todes in der Invalidenstraße.

Fruchtlose, furchtbare Gelehrsamkeit: Augen aus Glas in ausgebeulten Bälgern, die nur schwerlich vom Staub freizuhalten in den Jahren stumpf und brüchig geworden sind. Das Register des Lebendigen – ein Ort des Todes. Erfasst wird, was die Schlachtung überdauert: die butterbrotpapierne Hirnhaut des Meerkätzchens, der grün schimmernde Flügel eines gepfählten, chitinhaarigen Insekts, Froschhaut eingegossen in einen Teich aus längst vergilbtem Harz, ein Hermelin in blutwilder Königswürde, erstarrt in respektloser Offenbarung, die Flüchtigkeit einer Maus, klein und unbedeutsam in ihrem sezierten Mäusebau, ohne Ausweg in alle Ewigkeit, der Kadaver des mutierten Zooaffen, dessen Namen, Charlie, Du so zärtlich rekapituliertest. Alle in graugrünem Licht mit pedantischer Beschriftung. Mit beziehungslosen, dekorativen Grabbeigaben bedacht. Ein Museum der Monstrositäten.

Augen stieren, aber der Draht, mit dem sie in das Leder gebohrt sind, überträgt keine Impulse in sägemehl-verdichtete Leere. Das sorgfältig konservierte Wesen, das, lebendig, sich nicht darin erschöpft hatte, eine bestimmbare Masse von Herz, Niere und Hirn zu sein, Schnauze, Klauen, Fellzeichnung, denn da all diese Attribute ihm zugeordnet waren, musste es etwas gewesen sein, das außerhalb dieser organischen, des Besitzes fähigen Gegenständlichkeit existiert hatte, dieses Wesen, das möglicherweise mehr gewesen war als eine Funktion seiner zusammenwirkenden organischen Fähigkeiten, dieses Wesen ist jetzt fort. Was immer es gewesen sein mag, das es vermocht hatte, dem Lederbalg den blinden Zweck Leben und Kommunikation einzuhauchen, hat sich Konservierung und quantitativer Erfassung entzogen. Schöpfungsgesang, Großvater. Name und Musik.

Deshalb mutet der Versuch, die lebendige, natürliche Ordnung durch eine Ausstellung von Kadavern zu rekonstruieren, armselig an. Eine gescheiterte, lineare Klassifikation des Lebendigen. Treffend wiedergegeben in wilhelminischer Gelehrsamkeit indes findet sich die erworbene Unfähigkeit des Menschen, das Leben anders als durch seine Besitzverhältnisse wahrzunehmen. Die Zurschaustellung des Toten als etwas vorgeblich Lebendigen erzieht zu eben dieser Taubheit gegenüber der wesentlich komplexeren, reicheren Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen. “ Ich bin fast zu dem Satz gediehen: „Bildung ist ein Weltunglück.““ Fontane.

Hätte man all diese jämmerlichen Reste nicht unter dem rein physiognomischen Anschein des Lebens, sondern als Totes konserviert und ausgestellt! Dort hinge das Hermelin schlaff über den dürren Ästen. Hier rönne der Maus die blaue Zunge aus dem Mäulchen. Der verwucherte Gorilla läge mit ausgehöhlten Augen zusammengekrümmt auf grünem Kachelboden. Unter Glas krampfte das haarige Insekt zu einem schillernden Häufchen. Ist das Naturkundemuseum nicht eine Prophezeiung dessen, wessen sich der Mensch im kommenden zwanzigsten Jahrhundert an seiner Schöpfung fähig erweisen wird – und dem Menschen?

Marcel Proust in 1900Marcel Proust in 1900 (Photo credit: Wikipedia)

Die umgetauschten 25 DM habe ich übrigens beim besten Willen nicht ausgeben können. Unter anderem habe ich Bücher gekauft, eine kleine Ausgabe Anatol France, Das Rosenholzmöbel, Philipp Reclam jun. Leipzig, und habe in einem Musikgeschäft unter den LindenKlavierpartituren für meinen Nachbarn Robert Nass abgeholt. Im Austausch für diesen Botengang hat mein Nachbar Robert mir den ersten Band von Proust “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” in einer kleinen rot-marmorierten Ausgabe von Insel geliehen.  Irgendwie passend, finde Du nicht auch? Auch ich suche nach der verlorenen Zeit. Nur dass es nicht meine verlorene Zeit ist, sondern Deine.

Jetzt fängt das Semester bald wieder an, ich habe meine große Zivilrechtshausarbeit gestern gerade rechtzeitig abgegeben und werde die nächsten zwei Wochen im Institut arbeiten, um noch etwas Geld für das Semesterende zu verdienen. Im Sommer können sie mich glücklicherweise wieder als Lektorin für 40 Stunden in der Woche beschäftigen, damit dürfte das nächste Semester gesichert sein!

Deine Katja 

Art and me, or: The crowd at my breakfast table

Wer guckt da durch?

Art and me, we have a strange and very complicated relationship. I have been chasing it with determination and desperation, and it has cold-heartedly denied me. The pain of rejected love is cruel, but I submitted to it only so long. I retreated, admitting defeat was the most dignified thing to do in this situation, I thought, and I became a lawyer. But then, surprise, instead of going its own way, art took up a habit of following me instead, never quite disappearing out of sight, yes, I would say, teasing me, challenging me.

Eventually, we made up, kind of, since then I have been treating it with respectful nonchalance,and it has been faithfully and annoyingly waiting for me ever since at the breakfast table, casually asking me: “So, what are you up to today?”, not being offended by my silence while I am hiding behind my crucially important notes for the day, while I am all business, anticipating legal arguments and dictating the first legal brief in my mind, instead asking again, equally casually: “Mind, if I tag along?”, and I – with an air of studied indifference respond: “Sure, why not?”, and out the door we rush.

And when I come home in the evening and I open my very important briefcase out tumble bits of this and that, drawings on note paper, done while I was on the phone, creatures with big eyes while I was thinking about security of data transmission, one of my new wooden drawings “Watch out while you are being watched” over a quick coffee break. At home I don’t know how to archive the mass of these  bits and pieces anymore, nor where to store the heap of casual paintings done at night, JUST because, and during every free moment and I feel like I imagine the husband must be feeling who doesn’t quite know whether he is cheating on his wife when he spends time with a female friend his wife is well aware of or whether he is cheating on said female friend when spending quality time with his wife.

Garbriel Lorca, the beautiful Spanish poet who was murdered by the Nationalist Forces shortly after the beginning of the Spanish Civil War in 1936 – who really was a much better poet than an artist expressed it very much the same way, because he loved drawing, tenderly calling it his “mistress” while he stayed married, of course he did, to his writing. I remember reading in a small, illustrated Lorca volume I had bought at the Heinrich Heine Buchhandlung at the main train station of the Berlin Zoo station – a book store that was as great and complicated and deep and full of books and ideas about books as it could possibly get, probably a dependance of Borges library. I was twenty and attending classes by Prof. Robert Kudielka at the HdK, the University of Fine Arts in then still Westberlin – while actually meaning to study law at the Free University. You see, from the beginning this was a complicated thing and the small Lorca volume seem to me like an announcement of something I was not ready to grasp yet. I still own it.

I got constantly side-tracked during those years because of places like the Heinrich-Heine book store where they absolutely supported the idea of spending your entire cash worth a month of earnings at  some student’s job on a heap of books you could just so carry to the register – after first staying for what seemed like days in the sacred railway catacombs, resembling a labyrinth of overpacked shelves. You’d come out with marvelous finds, books that had been hiding for decades, books unknown even to the book seller, and you and the book seller would jointly rejoice in the find, and the book seller would come up with a fantasy price for the book because the one displayed on the inside of the cover seemed – unreal. 51 cents, Pfennige, or something like this. So, you’d pay 2,50 DM, and it wasn’t a used book, it was a book that had been waiting for you to be the first owner patiently since about 1953, well over a decade before you had been born and even more time before you became literate and then some more.

I got constantly side-tracked because there were the collections of old masters in Dahlem, one S-Bahn station before Thielplatz, my law school station, and you’d only guess that I must be a somewhat decent lawyer for passing my exams besides the fact that getting off the train in Dahlem to for a small detour through the beautiful tree-lines streets of Dahlem as often as not ended up with an entire day in the collections, studying Rembrandt and Baehr and flemish artists instead or, if I made it to class in the morning, not returning from the university’s cafeteria at lunch time because it was located pretty much right next to the collections.

I am actually now practicing law, specializing, surprise, on art and law, and art still has a very sly way of side-tracking me. Maybe it has something to do with the fourteen years I spent in New York, idling away time at the MoMA and the Met, and at Crawford Doyle booksellers. Art has always influenced the Why and Where, has seduced me to accept situations I would not have dreamed of for the sake of studying a Vermeer at the Metropolitan Museum of Art, Calder’s Circus at the Whitney, or rough Miro drawings at MoMA or Gerhard Richter‘s black and white paintings at MoMA, Odilon Redon, Armando Reverón, Richard Serra, Lucian Freud, Swoon, Kiki Smith, Marina Abramović, Nancy Spero, my appetite may have been more voracious than discerning, but it found nourishment as I found distraction from more pressing questions and challenges and time passed swiftly as I was holding still, holding still and just looking and looking.At times that seems my main occupation. Looking. Thinking. Understanding. Reversing. Looking again.

Sometimes now I suspect that I do what I do – including law – because of art not despite, but I am loath to follow up on that suspicion. For now, I like the casual question in the morning, the uncertainty, the “Wow, this is still going on” and with as much determination and desperation as ever before. One could not ask for better. Want me to tag along. Sure.

By the way, above drawing is one done on the side, complementing a serious legal interest of mine. Even as I write this blog. Who is watching you? I am still married to the law. But if you made you way through to here, you realize that I as I have spoken about “art” as a single occupation I have really referred to two loves: Writing and painting. Now, that is – almost – too much for one life. definitely for one blog article that is already stretching the limits of a reasonable article’s length.  It’s a bit crowded at the breakfast table at times.