Jacob Lofman

Er wartete in der geöffneten Tür, wobei er sich einige Momente gedulden musste. Der Hund bewegte sich ohne Leine und mit gesenkter Nase im Zick-Zack über den Gehweg. Endlich kamen alle drei zur Tür, und Jacob beeilte sich, sein vom Warten ein wenig erstarrtes Lächeln wiederzubeleben. Guten Abend, meine Herrschaften, sagte er, das milde Erstaunen in ihren Gesichtern genießend. Die Frau belohnte seine Anstrengung mit einem abwesenden Lächeln und einem leicht britisch gefärbten “Good evening” (als sähe sie freundlich über seinen faux-pas, sie auf Deutsch anzusprechen, hinweg), während der Mann, ebenfalls nur mäßig interessiert, den Gruß auf Deutsch erwiderte. „Guten Abend, Sie sprechen Deutsch“, nicht fragend, nicht ermutigend.

„Sie sind überrascht, nicht wahr“, sagte Jacob dennoch, „ja, Sie sind überrascht. Sie kommen doch aus Deutschland. Berlin, nicht wahr?“

„Ja“, bestätigte der junge Mann. – „Ich kenne Berlin“, sagte Jacob, „aber das ist lange her.“ „ Sie sind ja noch jung“, fügte er hinzu.

Er stand im Türrahmen. Der Hund drängte sich an ihn und wedelte mit dem Schwanz. Die Frau lächelte immer noch und übernahm die Tür. Jacob ignorierte die unausgesprochene Aufforderung, Platz zu machen, und lachte. „Ja, sie sind jung und wissen nichts, nicht wahr. Die jungen Leute von heute haben keinen Sinn für Geschichte, no time, no interest, right. Wissen Sie denn zum Beispiel, wo das Gründungstreffen der sozialdemokratischen Partei in Deutschland stattgefunden hat? Wissen Sie? Das müssten Sie doch eigentlich wissen als Deutsche“. „Eisenach“, erwiderte der Mann. Der Hund drängte sich ungestüm an Jacob vorbei in den Vorflur. Jacob gab nach und trat aus dem Weg. „Ja, sieh einer an“, sagte er, „sieh einer an“. Er folgte den jungen Leuten ins Haus. Zusammen standen sie für einen Augenblick schweigend vor dem Aufzug.

. „I saw the movers bring in your book shelves yesterday“, sagte Jacob schließlich, um das Gespräch wiederzubeleben. „You must have brought many books“. „All of them“, erwiderte die Frau, jetzt mit stärker ausgeprägtem, deutschem Akzent. „I wouldn’t want to be without them“. Sie schwiegen erneut. Der Aufzug kam und sie drängten sich umständlich hinein. Jacob drückte fünf und sieben. „Thank you“, sagte der Mann höflich. Jacob ließ sich durch die Förmlichkeit nicht aus der Ruhe bringen. Jetzt hatte er noch fünf Stockwerke, um etwas in Erfahrung zu bringen, das Madison noch nicht wusste. „Ich bin Jacob Lofman“, eröffnete er das Gespräch als sich der Aufzug mit einem schwerfälligen Ruck in Bewegung setzte. „Ich lebe hier seit vierzig Jahren. Wenn Sie was brauchen, müssen Sie mich fragen. Fünfter Stock. Ich habe immer Zeit. Meine Frau, Rivke, ist im letzten Herbst gestorben. Jetzt habe ich viel Zeit“. Er schwieg. Der Aufzug kam abrupt zum Stillstand. Die Metalltüren knirrschten zurück. Jacob öffnete die äußere Tür.

„I am sorry“, sagte die junge Frau, das tut mir wirklich leid. Jacob schluckte. „Ja“, sagte er langsam, unwillig die Tür gehen zu lassen, „jetzt müssen Sie mir aber auch Ihren Namen sagen, und wer ihr Lieblingsschriftsteller ist, wo Sie doch all diese Bücher mitgebracht haben“. „Heine“, erwiderte die Frau eine Nuance wärmer, „und mein Name ist Imogen, und das ist mein Mann Andreas“. Andreas nickte mit dem Kopf. Imogen überlegte einen Augenblick und fügte hinzu: „Und Nabokov, natürlich. Speak, Memory, I love Speak, Memory“. Der Mann, der als Andreas vorgestellt worden war, sah nicht aus, als wolle er seine literarischen Vorlieben mitteilen. Der Köter hechelte in der unklimatisierten Aufzugkabine. In einem anderen Stockwerk begann jemand, mit einem Schlüsselbund gegen die Aufzugstür zu klappern. „No time“, seufzte Jacob, „time is money for you young people, right?“ Er konzentrierte seine Bemühungen auf die junge Frau, Imogen. „Nabokov“, erwog er, das metallische Stakkato, das durch den Aufzugsschacht schepperte, ignorierend, „Nabokov is good, of course, very good, but Heine, why, meine Frau liebte Heine, meine Frau knew Heine by her heart. Heine, das ist ausgezeichnet“, strahlte er. Das Scheppern wurde dringlicher. „Sie müssen kommen“, drängte Jacob, „kommen Sie zum Tee. Jederzeit. Anytime. Auch allein. 5F“. Er lächelte, seine Augen hinter fetten Eulengläsern blitzten. Er hatte seine Niedergeschlagenheit vergessen. „Heine“, ausgezeichnet, lachte er zufrieden.

Jemand schlug mit der Faust gegen die Aufzugtür, dass es dumpf im Schacht hallte, und begann vernehmlich zu fluchen. Jacob seufzte. „No time, right“, murmelte er. „Ich lasse Sie jetzt gehen, Sie können ja nicht den ganzen Verkehr aufhalten. Kommen Sie lieber zu mir nach Haus, 5F, kommen Sie zum Tee“, rief er, während die Aufzugstür zufiel, und die Metalltüren zuknirschten.

„Heine, ganz ausgezeichnet“, rief Jacob in den leeren Hausflur und drückte auf den Knopf, um den Fahrstuhl zu zurückrufen und sich endlich auf seinen Abendspaziergang zu begeben. Vielleicht würde er dem alten Madison im Park begegnen.

Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht

ImageIch erinnere. Ich träume. Ich erinnere. In einer fernen Stadt, einem fernen Kontinent träumte ich von einem längst verblühten Garten in Deutschland. “Die Veilchen nickten sanft, es war ein Traum.” Und von dem Gärtner, der diesen Garten mit Bauernhänden bewirtschaftete wie ein Feld.

Ich erinnere. Seine Hände, muskulöse, braun gefleckte Altershände, die Form dieser Hände, ihre erdschwere Stofflichkeit, ihren festen Griff, dem meine eigenen Hände kaum Kraft entgegenzusetzen haben. Ich erinnere eine unbeholfene, steife Umarmung, seine gedrungene Gestalt unter rauem Tweed, den von Zweifeln unberührten Klang seiner Stimme. Und einen Garten, seinen Garten.

Von Zeit zu Zeit träume ich von diesem Garten, in dem mein Bewusstsein sich entfaltet hatte wie fadiges Unkraut, träume von sauber geharkten Kieswegen, dem blank gescheuertem Betonboden der Terrasse, auf dem Ameisen in der Mittagsonne militärische Exerzitien halten, träume von der gnadenlosen Ordnung, die mein Großvater der Fülle des Sommers Jahr um Jahr abtrotzte, träume von mit Paketschnur abgesteckten Beeten, in denen er Gemüse und Blumen in geometrischer Ausrichtung hielt, sich Tag für Tag mit muskulösem Rundrücken hinabbeugend, um jedes zarte Blättchen keimenden Unkrauts unfehlbar auszureißen, sehe in Form gestochene Rasenflächen, kurz rasiert wie die Köpfe von Rekruten, giftgrüne Nylonnetze über Apfel-, Birnen-, Pflaumen- und Kirschbäumen, Stachel- und Johannisbeerbüschen, Erdbeerreihen und Himbeerranken.

Höre die genussvolle Litanei botanischer Ordnungsbegriffe, assoziiert mit flüchtigen Bildern. Solanum tuberosum, die Kartoffel, vier zartspinstige, weiße Blütenblätter, violettgesprenkelt wie die Triebe der gelagerten Knolle; Brassica oleracea var. capitata, der Weißkohl, im Wind tanzende, gelbe Bechersterne; Daucus carota, die Möhre, schäumend wie die Gischt der Schafgarbe in den Sommerwiesen; Cucumis sativus, die Gurke, sechsblättrig geteilter, weißer Schleier über fruchtig grünem Grund.

Bete ihm lautlos nach, dass Apfel (Malus communis pumila) Birne (Pyrus), Pflaume oder Zwetschke (Prunus domestica), Aprikose (Prunus armeniaca), die im nördlichen Klima nicht gedeihen wollte, Kirsche (Prunus avium), Erdbeere (Fragaria ananassa), Himbeere (Rubus idäus) und Brombeere (Rubus) allesamt Rosengewächse (rosaceä) seien.

Zierrosen, in Reih und Glied entlang des Rasens gepflanzt, liebte er als Sinnbild dieser üppigen und doch kultivierten Fruchtbarkeit, während er die Blumenbeete im Übrigen der Pflege meiner Großmutter anempfahl, der Blumengarten – Frauensache, nur hier und dort eine Korrektur, eine Rüge, ein schneller Schnitt.

Mit seinen Rosen sprach er, schmeichelte und schimpfte, streifte Maden einzeln von ihren Blättern und ertränkte sie in einem Eimer Laugenwasser. Drohte Frost, hüllte er jeden Rosenstrauch vorsichtig, bedacht, keinen Trieb, keine späte Knospe zu knicken, in Sackleinen, schüttete Torf und Schredderspäne an, kontrollierte jeden Morgen sorgenvoll, ob sie die Nacht gut überstanden hätten. Sein äußerstes an Zärtlichkeit gegenüber einem Geschöpf.

Mit annähernd religiöser Ehrfurcht war er seinen Rosen verbunden, das war selbst für ein Kind ersichtlich. Und doch war seine Liebe nicht von einfacher, tröstender Art, war sie nicht großmütig und mild, sondern streng, nicht annehmend, sondern fordernd. Niemals war es einer Rose erlaubt, in den Sträuchern zu überblühen, Rosenblätter, die sich aus den Blüten gelöst hatten, las mein Großvater täglich einzeln aus den Beeten. Aber auch Blüten, die nicht die gewünschte Größe erreichten, die den Augen meines Großvaters in irgendeiner Weise makelhaft erschienen, sei es durch fehlende Symmetrie, ein welkes Blütenblatt, unerwünschte Färbung, wurden abgeschnitten. Die welken Rosen, Rosenblätter und Zweige mischte er in einen gesonderten Komposthaufen, gemeinsam mit Apfelschalen und anderen Obstabfällen aus der Küche meiner Großmutter sowie dem Herbstlaub der Obstbäume. Die nährstoffreiche Erde, die er so produzierte, wurde im Frühjahr wieder in die Rosenbeete verteilt.

Was mein Großvater anstrebte, war nichts Geringeres als Perfektion. Er nannte es auch “Reinheit”. Seine Rosen glichen den Abbildungen in den Gartenkatalogen, in denen er im Winter blätterte. Ich besitze eine alte Fotographie aus den siebziger Jahren, in nunmehr vergilbten Kodakfarben, auf der eine einzelne Rose zu sehen ist, die in ihrer formalen Symmetrie beinahe unwirklich scheint. Die sommerliche Wildheit von Heckenrosen oder die lieblichen Zerstreutheit einer Bauernrose sprachen nicht zu meinem Großvater. Schönheit war für ihn gleichbedeutend mit Ordnung, alles musste von Ordnung durchdrungen sein, einer unbarmherzigen, unabwendbaren Ordnung, die es aufzudecken oder herzustellen galt. Seine Ordnung. Seine Ordnung. Ein unaufhörliches Mahlwerk.